Beatrix Ruf knüpft die schönsten Beziehungsnetze der Kunstwelt, und so ziemlich alle hat sie darin eingewickelt, die Künstler, Kuratoren, Sammler und Galeristen. Nur sie selbst haben die Netze nicht gehalten. Oder hat sie sich nur darin verheddert? Bis eben noch Direktorin des Stedelijk-Museums in Amsterdam, Beraterin, Verlegerin, Kuratorin von großer Geltung, hat sie vorige Woche ihren Abschied nehmen müssen. Ein Sturz aus voller Flughöhe – und einer der interessantesten Kunstskandale seit Jahren.

Hier geht es einmal nicht um Fälschung & Betrug. Es geht um die Frage, wer eigentlich bestimmt, was gute, begehrenswerte Kunst ist. Und nebenher geht es um die Freiheit der Museen (oder besser: um ihre neue Unfreiheit).

Auf ein Vermögen von 700 Millionen Euro hat es Gerhard Richter gebracht, wie kürzlich zu lesen war. Geschätzte 100 Millionen sollen es bei Neo Rauch sein. Im Vergleich dazu wirkt die Summe, die Beatrix Ruf nebenher verdiente, geradezu bescheiden. Mit ihrer Firma Currentmatters, spezialisiert auf Beratung, hat sie 437.306 Euro erwirtschaften können, und das in nur einem Jahr, wie niederländische Medien berichten. Offenbar vergaß Ruf aber, ihren Arbeitgeber, das Stedelijk, davon zu unterrichten. Was schon deshalb nicht sonderlich klug war, weil unter den Sammlern, die sie gegen Geld beriet, auch einige jener Leihgeber gewesen sein sollen, die ihre Werke dann in Rufs Museum vorzeigen durften. Ein Geschäft auf Gegenseitigkeit, so wirkt es. Nur das dumme Publikum weiß mal wieder von nichts.

Unklar ist allerdings, ob Ruf tatsächlich rechtswidrig handelte. Sie selbst spricht derzeit mit niemandem, das Museum tut es ihr gleich – und verweist darauf, dass Externe den Fall prüfen werden.

Angeblich, so heißt es aus dem Inneren des Hauses, habe Ruf dem Aufsichtsrat alles angezeigt, jede ihrer zahlreichen Teilnahmen an Preisjurys oder Findungskommissionen. Als Beraterin war sie bei der Versicherung Swiss Re genauso gefragt wie beim Kernforschungszentrum Cern oder bei Museen wie dem Mumok in Wien. Mit einigem Stolz verzeichnet die Internetseite des Stedelijk auch nach dem Abgang seiner Direktorin, wie gut diese das In- und Miteinander der Interessen beherrschte. Nicht zuletzt deshalb hatte man sie 2014 nach Amsterdam geholt.

Je unwegsamer das Gefilde der Gegenwartskunst erscheint, desto wichtiger wird eine Sherpa wie Beatrix Ruf: Wo sie ist, ist Gewissheit. Findet sie einen Künstler wichtig, kann sie ihn für Preise und Stipendien vorschlagen, ihn ihren Galeristenfreunde anempfehlen, ihn mit einer Ausstellung bedenken. Vor allem aber wird sie ihn an Großsammler vermitteln, an Michael Ringier oder Maja Hoffmann, für die sie seit Jahren arbeitet und die für ihren Rat überaus empfänglich sind, eben weil sie wissen, dass es beglaubigte Ratschläge sind – abgesichert von der sich selbst erfüllenden Prophezeiung namens Ruf. So gewann die Holländerin Magali Reus den Prix de Rome, als Ruf 2015 in der Jury des Nachwuchspreises saß; im Folgejahr war die Künstlerin groß im Stedelijk zu sehen. Ähnlich gewann Helen Marten 2016 den Turner Prize, als unter den Juroren auch Ruf war, die zuvor die Künstlerin mit einer Ausstellung bedacht hatte.

Ehedem rühmten sich Museen ihrer Sammlungen; heute rühmen sie sich mindestens so sehr ihrer Kuratoren. Je umtriebiger diese sind, desto besser: Aus ihren Verbindungen erwächst Verbindlichkeit. Und dass sie auch Sammler ans Haus ziehen und damit mögliche Schenker und Spender, wird umso wichtiger, je schmaler die Ankaufsetats ausfallen. Die Museen hängen ab von der Gunst der Mäzene und also davon, dass Kuratoren diese Gunst gewinnen.

Wenn es in diesem Machtspiel allein um ästhetische Belange ginge, wäre Ruf vermutlich nie zurückgetreten. Doch parallel mit dem Einfluss der Kuratoren ist eben auch das ökonomische Interesse an der Kunst enorm gewachsen. Und das Museum, von dem man einst meinte, es stehe außerhalb der Wertschöpfungsketten, hat sich immer weiter eingelassen auf den Markt und sein Dividendedenken – auch auf die Gefahr hin, die eigene Glaubwürdigkeit zu verlieren.