Kennenlernen

An einem Freitag, nach Mitternacht, ändert ein Chat zwei Leben: Mahmoud sitzt auf einem Sofa in einer Wohnung im Istanbuler Viertel Esenler. Auf seinem Smartphone loggt er sich auf Lovoo ein, einer Dating-Plattform. In seinem Profil hat er nur ein paar Fotos hochgeladen. Er wischt und wischt über das Display. Dann sieht er eine Frau, lange blonde Haare, blaue Augen, weiche Gesichtszüge, sie lehnt in einem schwarzen T-Shirt an einer Graffiti-Wand und lächelt. Sabine heißt sie. Mahmoud gibt ihr ein Herz.

Sabine, 49 Jahre alt, aus Hamburg, wacht nur knapp 20 Kilometer entfernt, im touristischen Viertel Sultanahmet, in einem Hotelbett auf. Sie macht Ferien mit einer Freundin. Sie blickt auf ihr Smartphone und öffnet die Dating-App. 93 Männer liken sie. So viele Herzen bekommt sie in Deutschland nie. Aber in Istanbul sind Frauen wie sie begehrt. Viele Männer hoffen auf einen One-Night-Stand mit einer Touristin.

Sabine antwortet nur einem: große braune Augen, Kinnbart, kurze schwarze Haare, ernster Blick, schmale Lippen, das Hemd offen, 22 Jahre alt. Mahmoud.

"Was für ’ne Rakete", denkt Sabine. Und schreibt eine Nachricht auf Englisch:

20. Februar 2015, 4.40 Uhr: "Du bist wirklich süß, aber Du wohnst in Istanbul und ich in Hamburg. Und ich fliege heute zurück."

20. Februar 2015, 8.01 Uhr: "Oh mein Gott, Du bist auch so süß. Wann fliegst Du?"

20. Februar 2015, 23.50 Uhr: "Hi ... Ich bin schon um halb acht geflogen und wieder zu Hause. Wenn Du magst, können wir hier schreiben."

So fing es an, mit Sabine und Mahmoud. Sabines Heimat ist der Deich in Leer in Ostfriesland, und Mahmoud stammt aus Damaskus, der Stadt der Jasminblüten. Als Student floh er vor dem Diktator Assad, seine Eltern, seine Geschwister, viele Freunde ließ er in Syrien zurück. Sabine glaubt an Gott, Mahmoud an Allah. Sie ist heute 52, er 25 Jahre alt.

Kann das Liebe sein? Oder ist es eine unausgesprochene Vereinbarung? Sex gegen Sicherheit? Zuneigung gegen Geld?

Zwei Jahre lang haben sich Sabine und Mahmoud für diese Geschichte in ihrem deutschen Alltag begleiten lassen. In langen Gesprächen erzählten sie, wie sie sich kennenlernten, wie sie um ihre Beziehung kämpften. Immer offener sprachen sie über ihre Gefühle und zeigten schließlich intimste Nachrichten aus ihren Smartphones.

Man sieht das jetzt häufiger: ein junger Flüchtling, eine ältere deutsche Frau. Wie ein leiser Verdacht taucht dann oft diese Frage auf: Kann das Liebe sein?

Heute, zweieinhalb Jahre nach ihrem ersten Chat in Istanbul, zweifelt Sabine manchmal. Eigentlich ist sie eine selbstbewusste, offenherzige Frau, die früher als Flugbegleiterin um die Welt flog. Jetzt sitzt sie in ihrer gemeinsamen Dreizimmerwohnung in Hamburg-Fuhlsbüttel und schluchzt, während sie alte WhatsApp-Nachrichten auf DIN A4 ausdruckt. Überall in der Wohnung stehen gerahmte Selfies von ihr und Mahmoud, die Wände sind in warmem Orange und Gelb gestrichen. Auf dem Regal leuchtet eine mit Mosaiken verzierte Lampe aus der Türkei, daneben eine Buddha-Figur aus Bali.

"Ich möchte den Mann von damals zurück", schreibt sie auf einen Post-it-Zettel, klebt ihn auf die zusammengerollten Nachrichten, steckt alles in Mahmouds schwarzen Rucksack und zündet sich eine Zigarette an.

"Ich habe doch alles für Mahmoud getan", sagt sie.

Sabine sagt, mit Worten habe alles begonnen. Sie schrieben auf Englisch, das sie beide nicht perfekt sprechen.

23. Februar 2015, 0.26 Uhr: "Ich habe mich in Dich verliebt, Sabine."

23. Februar 2015, 0.29 Uhr: "Hast Du gesagt, dass Du Dich in mich verliebt hast? Ich hab mich nicht getraut, das zu sagen!"

23. Februar 2015, 0.30 Uhr: "Warum nicht?"

23. Februar 2015, 0.30 Uhr: "Weil es so verrückt war nach so kurzer Zeit ... Aber es fühlt sich so an, und ich bin glücklich, weil Du auch so fühlst."

Sabine und Mahmoud schicken sich Selfies, machen einander Komplimente, planen gemeinsame Radtouren durch Wälder und Rucksackreisen nach Thailand. Sie verlieben sich ineinander, ohne sich je geküsst zu haben oder nebeneinander aufgewacht zu sein.

Sie verlieben sich vor allem in ihre eigene Sehnsucht nach einem neuen Leben zu zweit.

Im Chat kann jeder mehr so sein, wie er eigentlich gern wäre: Sabine macht sich in ihrem Profil zehn Jahre jünger. Mahmoud gibt an, dass er im Libanon geboren wurde. Er fürchtet, dass Sabine ihm – wie einige Frauen zuvor – nicht mehr antworten würde, wenn sie erfährt, dass er aus Syrien geflohen ist.

Doch dann gestehen sie einander ihre Geheimnisse. Er erzählt ihr, woher er wirklich kommt, und sie ihm, wie alt sie wirklich ist. Sie beschließen, einander zu vertrauen.

Heirat in Istanbul, Flucht nach Deutschland

Hochzeit

Vier Tage nachdem Sabine aus Hamburg zurückgekehrt ist und Tausende WhatsApp-Nachrichten später bucht sie einen Flug nach Istanbul. Zwei Wochen danach checkt sie am Hamburger Flughafen ein, Terminal 1, Turkish Airlines.

11. März 2015, 10.45 Uhr: "Liebling, ich bin auf dem Weg zum Gate. Ich sehe schon mein Flugzeug. Ich höre Mustafa Celeli und ich fühle mich wie in einem Film ..."

11. März 2015, 10.49 Uhr: "Ich liebe Dich, Du bist meine Einzige. Mein Herz klopft."

Sabine und Mahmoud küssen sich das erste Mal auf dem Flughafen Istanbul-Atatürk. Sabine und Mahmoud schlafen das erste Mal miteinander im World Hostel am Galataturm, neben dem Doppelbett brennen Kerzen. Mahmoud spielt ihr auf seinem Smartphone arabische Liebeslieder bei YouTube vor.

Er wiegt Sabine in seinen Armen, sie blicken aus dem offenen Fenster in den Himmel über Istanbul und rauchen. Sabine entdeckt die Venus und bekommt eine Gänsehaut. Sie glaubt, dass das ein Zeichen sei. Dafür, dass ihre Zukunft unter einem gemeinsamen Stern stehe. Mahmoud sagt "Ich liebe dich", auf Arabisch, Englisch, Deutsch, Türkisch und Kurdisch.

In ihrer vierten Nacht in Istanbul sagt er: "Ich kann Falafel machen!" – "Was, du kannst Falafel machen? Kann ich dich heiraten?" – "Sind wir nicht schon verheiratet?", fragt Mahmoud. – "Wenn wir heiraten, dann können wir immer zusammen sein", sagt Sabine. Sie erinnern sich beide noch genau an diese ersten Tage zu zweit.

Nach 96 gemeinsamen Stunden wollen sie Mann und Frau werden.

Sabine und Mahmoud finden das romantisch. Drei Monate lang organisieren sie – zwischen Hamburg, Damaskus und Istanbul – Urkunden und Gesundheitszeugnisse und verlängern Mahmouds Aufenthaltsgenehmigung. Bei ihrem nächsten Besuch in Istanbul bedruckt Sabine ein schwarzes und ein graues T-Shirt. Aufschrift: "Team Ceidu", sein Nachname und bald auch ihrer.

Am 26. Mai heiraten sie im Standesamt von Esenler, Istanbul. Sie trägt ein weißes Spitzenkleid, Mahmoud ein schwarzes Sakko und eine Fliege. Sabine nimmt Mahmouds Nachnamen an. Sie grinsen, sie knipsen Selfies. Sie sind glücklich.

Das Hochzeitsfoto steht in ihrer Wohnung auf der Wohnzimmer-Vitrine.

Die Stimmen, die sie warnen, ignoriert Sabine.

Ihre Mutter hatte am Küchentisch in Leer gesagt: "Lass dir dein Herz nicht wieder brechen." Sie hatte Angst, dass Mahmoud Sabine ausnutzen würde. Dass er nach Deutschland kommen und sie dann verlassen würde. Eine Freundin hatte gesagt: "Der will auf deine Kosten gut leben."

Aber Sabine glaubt, dass das mit Mahmoud und ihr Bestimmung sei. Das soll ihr niemand nehmen.

Auch Mahmouds Freunde fragten sich, ob er Sabine wirklich liebt. Sie glaubten, dass er nur die Vorteile sieht. "Meine Freunde meinten: 'Mahmoud, du hast den Jackpot gewonnen! Eine blonde Frau, mit Geld und dem richtigen Pass'", erinnert sich Mahmoud. Immer wieder muss er sich das anhören: Junger Mann heiratet ältere Frau wegen des Geldes und der Aussicht auf die deutsche Staatsbürgerschaft.

"Ich habe sie geheiratet, weil sie eine tolle und starke Frau ist. Weil ich sie liebe", sagt Mahmoud heute.

"Sabine hat mir das Gefühl zurückgegeben, wertvoll für jemanden zu sein", sagt er. Alles andere sei egal. In Syrien gebe es ein Sprichwort: Höre nicht auf das, was die anderen sagen.

Einen Tag nach der Hochzeit fliegt Sabine allein zurück nach Hamburg.

Flucht

1. Oktober 2015, 15.49 Uhr: "Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass wir das alles zusammen durchmachen", schreibt Sabine.

1. Oktober 2015, 15.49 Uhr: "Ich auch nicht ... niemals."

1. Oktober 2015, 15.49 Uhr: "Wir werden gewinnen, mein Liebster."

Sabine und Mahmoud denken, Mahmoud müsse jetzt nur noch nach Hamburg fliegen. Doch es dauert vier Monate, bis die deutsche Botschaft ein Visum ausstellt: In diesem Herbst 2015 fliehen Hunderttausende Syrer vor dem Krieg nach Deutschland. Als Mahmoud seinen Pass abholt, erklären die Beamten einen Verlängerungsstempel für ungültig. Scheitert das gemeinsame Leben schon an einem Stempel?

Mahmoud weint. Auf die deutschen Behörden könne man sich verlassen, hatte Sabine doch gesagt. Sabine ist verzweifelt und überlegt, in die Türkei zu ziehen.

Weil Mahmoud auf einen neuen Pass mindestens ein halbes Jahr warten müsste, beschließt er, nach Deutschland aufzubrechen, wie die vielen anderen Syrer vor ihm. Er reist nicht als Ehemann ein, sondern als Flüchtling.

10. Oktober 2015, 20.15 Uhr: "Ich sitze neben dem Steuermann. Er kann nicht lesen und schreiben. Ich bin jetzt der GPS-Typ auf dem Boot."

10. Oktober 2015, 20.15 Uhr: "Okay, mein Schatz ... Du bist mein Superheld!"

In Salzburg am Bahnhof sehen sich Mahmoud und Sabine wieder. "Willkommen in Europa", sagt Sabine und nimmt Mahmoud in den Arm. So erzählen sie es später. Sie schlafen im "Hotel Europa", vier Sterne, 95 Euro pro Nacht. Zu teuer, eigentlich. Sabine hat ihre Ersparnisse aufgebraucht, für die Flüge nach Istanbul, die Hotelzimmer, Geld für Mahmoud, die Beschaffung der Dokumente.

Mahmoud badet, und Sabine wäscht ihm die Haare. Das Wasser verfärbt sich grau.

Als Mahmoud Sabines Wohnung in Hamburg betritt, an deren Tür schon sein Name klebt, sagt er, nach mehr als 3.000 Kilometern, von Izmir über Lesbos und Salzburg nach Hamburg: "Ich bin erschöpft und glücklich." – "Mein schneller Ehemann", sagt Sabine.

Anhörung auf dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

Alltag

Der Himmel ist grau an dem Morgen, als Mahmoud die deutsche Bürokratie kennenlernt. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat ihn an einem Tag Ende November 2015 zur ersten Anhörung eingeladen. Mehr als sechs Stunden müssen Sabine und Mahmoud warten. Sie rauchen zusammen, sie nimmt ihn immer wieder in den Arm. Sie diktiert ihm, was er in die Felder auf den Formularen schreiben soll. "Ich kann ihn ja nicht alleinlassen", sagt Sabine. Mahmoud schweigt. Die Rollen wandeln sich. In Istanbul waren sie beide Fremde. Jetzt kennt nur Mahmoud sich nicht aus. Sabine regelt alles.

Mahmoud vermisst seine Familie, die morgens am Küchentisch quatscht, seine Freunde, mit denen er abends in einem Café Computerspiele zockt. Vieles hier macht ihn neugierig und überfordert ihn zugleich. Mahmoud hat viele Fragen, aber er schweigt oft. "Ich hatte Angst, etwas Falsches zu sagen", sagt er heute.

Sabine findet Vergleiche, um ihm den Sozialstaat zu erklären: "Stell dir vor, fünf Leute wohnen in einer WG. Alle zahlen ein bisschen mehr Geld in die Haushaltskasse, als sie müssten. Wenn vier Leute irgendwann nur noch Geld aus der Kasse nehmen, bricht das System zusammen!"

Im Supermarkt erklärt Sabine ihm, was "bio" bedeutet. Zu Hause, warum man Müll trennen muss. Vor dem Bürgeramt erzählt sie, wer Helmut Schmidt war: "Der hat so viel geraucht wie wir." Mahmoud lacht und zieht an einer Zigarette.

Sabine formt sein Bild von Deutschland. "Ich mag, dass sie mir alles erklärt", sagt Mahmoud.

Er ist ihr dankbar: für einige Tausend Euro, die sie für ihn ausgelegt hat. Er will ihr das Geld zurückzahlen, sobald er einen Job gefunden hat, sagt er. Vor allem aber ist er ihr dankbar, dass sie ihm den Glauben an eine Zukunft gab, als er ihn schon verloren hatte.

Zwei Jahre lang hatte Mahmoud fern seiner Familie in der Türkei gelebt. Seine Mutter hatte ihren Schmuck verkauft, um ihm den Flug dorthin zu finanzieren. Er schlief in Autos, bei Freunden. Er jobbte in einem Dönerladen, als Touriguide oder Barista. Er wurde schlecht bezahlt und manchmal gar nicht. "Ich habe von Sabine gelernt, für meine Rechte als Flüchtling zu kämpfen", sagt er. "Gegen die schlechten Arbeitsbedingungen in der Türkei."

Sabine bekommt von Mahmoud nicht nur Küsse und Komplimente und das Gefühl, wieder jung zu sein, er gibt ihrem Leben vor allem einen Sinn.

Ihre Stelle bei einem Fruchtsafthersteller in Hamburg hat sie verloren, das Asylverfahren macht sie zu ihrem Vollzeitjob. Sie füllt für Mahmoud Anträge aus und fragt immer wieder bei den Beamten nach. Weil Sabine Arbeitslosengeld bezieht, wird Mahmoud ein Großteil der Leistungen für Flüchtlinge gestrichen. Er bekommt 55 Euro Zuschuss im Monat. Beide sind so pleite, dass sie zur Tafel gehen wollen. Dann bringen Freunde Körbe mit Tomaten, Gurken und Brot.

"Jetzt schläft er jeden Tag neben mir ein, aber uns fehlen die Kraft und das Geld für das gute Leben, das wir uns ausgemalt hatten", sagt Sabine. Sie richtet ihr Leben nach Mahmoud, lernt weiter Arabisch, kocht arabischen Kaffee, pinnt die syrische Flagge der Revolution an die Haustür. Er soll sich wohlfühlen.

Sie läuft nicht mehr auf dem Laufband im Fitness-Studio, achtet nicht mehr auf ihre Ernährung. Sie isst oft, was Mahmoud sich zum Abendessen wünscht: Pizza aus der Tiefkühltruhe.

Doch mit ihren Bemühungen wachsen auch ihre Erwartungen: Mahmoud soll seine Zeit nutzen, findet Sabine. Einmal meldet sie ihn zu einem kostenlosen Deutschkurs an. Mahmoud geht nur für ein paar Stunden hin. Das Niveau in der Klasse sei ihm zu niedrig, und außerdem wolle er nicht nur mit anderen Flüchtlingen Deutsch lernen, sagt er.

Sabine bucht dann einen Kurs beim Goethe-Institut. Aber Mahmoud schmeißt nach ein paar Wochen erneut hin, weil er bereits in Istanbul so einen Kurs besucht hatte und glaubt, er lerne nichts Neues. "Deutsch lerne ich auch so", sagt er.

Mahmoud ist jetzt seit einem halben Jahr in Deutschland. Sie streiten oft.

Die Wohnung, in der sie nun beide leben, ist eng für zwei. Sabine dachte auch, dass sie Tagesausflüge mit dem Rad machen, aber Mahmoud nerven schon ein paar Kilometer. Im Chat fragte er jeden Tag, wie es ihr geht. Jetzt, wenn sie am Abendbrottisch sitzen, stellt Mahmoud keine Fragen mehr und sagt, er sei eben ein stiller Typ. Er zieht sich zurück in die Welt, die er kennt: Tagelang spielt er mit seinen alten Freunden aus Damaskus Defense of the Ancients, ein Online-Rollenspiel, an dem Computer, den Sabine eigentlich gekauft hat, damit sie Bewerbungen darauf schreiben können.

Ist Mahmoud nur noch mit ihr zusammen, damit er in Deutschland bleiben kann? Sabine sagt: "Mahmoud kann jederzeit gehen. Er hat eine Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre in Deutschland. Unabhängig von unserer Ehe."

Sabine fühlt sich in diesen Monaten oft nicht mehr wie eine Partnerin, sondern wie eine Mutter. In Istanbul hat es ihr gefallen, ihm zu helfen. "Jetzt verhält Mahmoud sich wie ein störrisches Kind", sagt sie. Er räume nicht einmal nach dem Abendessen die Teller ab.

Im Schlafzimmer klebt sie Post-it-Zettel an die Schrankwand: "Bitte Tür schließen", im Bad auf dem Klodeckel steht "Bitte runterlassen". Aber Mahmoud sieht die Probleme nicht. "Kleinigkeiten werden bei Sabine gleich zum Drama", sagt er. Und dass er sich erst daran gewöhnen müsse, jetzt Ehemann zu sein.

Dann verliert Mahmoud seinen Ehering, fünf Millimeter breit, Gelbgold 585 Karat, mit der Gravur "Sabine 26.05.2015". Beim Einkaufen ist er ihm vom Finger gerutscht, glaubt er. Sabine hängt im Viertel Zettel auf, um den Ring wiederzufinden. "Wenn wir wieder Geld haben, kaufen wir einen neuen", sagt sie. Mahmoud zuckt mit den Schultern. Er weiß manchmal nicht, wie er sich verhalten soll. Vor Sabine hatte er nur eine feste Freundin in seinem Leben, damals in Damaskus.

Eifersucht, Hoffnung und Zweifel

Eifersucht

Sabine war dreimal verheiratet und wurde dreimal geschieden. Ihr erster Mann war Malaysier, er arbeitete in einem deutschen Restaurant. Ihr zweiter Mann war Indonesier. Sie lernte ihn auf einer ihrer Reisen nach Bali kennen. Erst zog sie zu ihm, dann zog er zu ihr nach Leer. Noch heute hat sie Sarongs und Tücher im Keller, die sie manchmal auf Flohmärkten verkauft.

Ihr dritter Mann war ein deutscher Architekt, so alt wie sie. Sie wanderten nach Neuseeland aus. Nach einem Jahr kehrten sie zurück und ließen sich scheiden. Der Architekt hatte Sabine betrogen.

Sie hatte es geahnt, er hatte alles abgestritten. Einmal fuhr sie ihm mit dem Auto hinterher, um ihn auf frischer Tat zu ertappen. Tatsächlich erwischte sie ihn mit seiner Affäre im Bett. Sieben Jahre ist das her. "Das vergisst man nicht", sagt Sabine.

Sabine weiß nicht, warum, aber irgendwie hat sie bei Mahmoud manchmal dasselbe Gefühl wie damals.

Wenn er sich ein paar Stunden nicht bei WhatsApp meldet, obwohl er online ist. Wenn er abends nicht pünktlich zu Hause ist. Dann beginnt der ewig gleiche Film in ihrem Kopf: Hat er sich vielleicht wieder bei einem Dating-Portal angemeldet? Schickt er auch anderen Frauen Herzen? Trifft er sich vielleicht mit einer Jüngeren? Einer Muslimin?

Schon als Mahmoud nach der Hochzeit noch in Istanbul lebte, chattete er mit Frauen auf Dating-Plattformen. Es sei seine Art gewesen, neue Leute kennenzulernen, ein Versuch, in der fremden Stadt Freunde zu finden, sagt er. Sabine hatte die Nachrichten auf seinem Smartphone gesehen, als sie ihn besuchte. Sie hatten ihren ersten Streit.

"Ich liebe Sabine, aber am Anfang habe ich Fehler gemacht. Ich wusste es nicht besser", sagt Mahmoud. Ihm hätten die Frauen im Chat damals nichts bedeutet. Er sagt immer wieder, dass er damit aufhören wolle.

Die Chats scheinen wie ein Machtspiel, das er mit Sabine treibt – als könne er so seine Unabhängigkeit beweisen.

Seit Sabine damals seine Chats mit anderen Frauen sah, quält sie die Frage: Würde er auch weiter gehen?

Hoffnung

In ihrem ersten gemeinsamen Sommer in Deutschland nimmt Sabine einen neuen Job an, wieder bei einem Fruchtsafthersteller, diesmal in Moers bei Duisburg. Zusammen mit Mahmoud verlässt sie Hamburg. Sie hoffen auf einen neuen Anfang, sie hoffen, einander wieder näher zu sein. Doch was Moers angeht, sind sie sich einig: Sie hassen es. Das schweißt sie zusammen. Nach fünf Monaten gehen sie zurück nach Hamburg.

An einem Tag im April 2017, Mahmoud macht inzwischen doch einen Deutschkurs, und Sabine hat wieder Arbeit, verabreden sie sich nach Feierabend auf dem Dom, dem Hamburger Volksfest. Sie gehen Hand in Hand vorbei an Schießbuden und Zuckerwatte-Ständen. Sabine will abnehmen. Seit ein paar Wochen trainiert sie wieder im Fitness-Studio. Die Kilos, die sie in den vergangenen zwei Jahren zugenommen hat, sollen runter. "Bald möchte ich ein Desigual-Kleid tragen", sagt Sabine.

An der Achterbahn "Teststrecke" bleiben sie stehen. "Komm mit mir", sagt Mahmoud und kauft zwei Tickets. Mahmoud küsst Sabine auf die Wange. Als sie sich im Chat kennenlernten, hatten sie sich immer ausgemalt, wie sie einmal zusammen Achterbahn fahren.

Zweifel

In diesem Sommer, als Sabine wieder mal heimlich Mahmouds Handy kontrolliert, sieht sie es: Er hat mit anderen Frauen gechattet. Sabine stellt ihn zur Rede. Er leugnet es nicht.

In Sabine brennt die Eifersucht. Sie überlegt, sich zu trennen, alles aufzugeben. Doch es fällt ihr schwer, sich ein Leben ohne Mahmoud vorzustellen.

"Wir haben so viel zusammen durchgestanden, das kann ich doch nicht plötzlich aufgeben", sagt sie.

Dann entdeckt er die Papierrollen mit den Chats vom Anfang ihrer Beziehung in seinem Rucksack. Er fragt Sabine: "Und wo finde ich meine Ehefrau von damals?" Ihn nerven die Kontrollen, die Besserwisserei, die Vorwürfe.

Sabine beschließt, einen Ehevertrag aufzusetzen, damit sie abgesichert ist. Sie verabredet einen Termin bei einem Notar, aber Mahmoud weigert sich mitzugehen. Er glaubt, dass Sabine ihn dann verlassen würde. Er werde sich ändern, verspricht er.

Einige Wochen später, nach stundenlangen Gesprächen, nach Beteuerungen und Liebesschwüren, versöhnen sie sich.

Mahmoud schließt seinen Deutschkurs ab und fängt eine Ausbildung zum Elektriker an.

"Ich bin froh, dass ich durchgehalten habe", sagt Sabine.

Seit zweieinhalb Jahren sind sie ein Paar. Sie hoffen immer noch, dass jetzt endlich das Leben beginnt, von dem sie so lange träumen.

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