Den Schulen fehlt die digitale Infrastruktur, den Universitäten das Personal, überall das Geld. Jaja, schon klar, oft gehört. Was wirklich fehlt, ist eine Vision. Ein Bildungsbegriff, der nicht um seine eigene Leere kreist. Mehr Tablets, mehr Professoren? Schön und gut. Aber was heißt heute eigentlich Bildung – und wozu brauchen wir sie?

Diese Frage wird liebend gern umgangen oder mit dem Hinweis auf die internationale Konkurrenz ökonomisch beantwortet. Wer sich bemüht, klaubt noch ein paar Versatzstücke aus dem Repertoire der Sonntagsreden zusammen, ohne zu bemerken, dass die schönen alten Floskeln wie Hohn klimpern angesichts der grundstürzenden Herausforderung unserer Zeit. Da preisen wir den gebildeten, weit gereisten Menschen, dessen Feld die Welt ist, verschweigen aber, dass dieser Mensch zugleich ein Öko-Vandale sondergleichen ist. Da reden wir seit zwei Jahrhunderten von Bildung und meinen Autonomie und Persönlichkeitsentfaltung – was sich in dieser Zeit aber vor allem entfaltet hat, ist eine ökologische Katastrophe, die mit der globalen Erwärmung die Grundlagen aller menschlichen Entfaltung zu bedrohen beginnt.

Wir müssen noch mal ran ans Fundament. Denn unser bisheriger Bildungsbegriff beruht auf einer problematischen Verkoppelung: Seine Erfolgsgeschichte verlief parallel zur Industrialisierung und zum Siegeszug der fossilen Energie, deren Nutzung uns den Klimawandel beschert hat. Der zwingt uns jetzt, das alte Bildungsideal der Autonomie radikal zu korrigieren, mehr noch: ein neues Ideal zu entwerfen. Dieses basiert auf unserer Lebenspraxis, in der alles mit allem verbunden ist, ob ökologisch oder digital. Doch dazu später mehr.

Dass der alte Bildungsbegriff ein Kollaborateur des Klimawandels sein soll, mag überraschen. Schließlich ist er anfänglich als Gegenbegriff zur industriellen Revolution entworfen worden: Standen die technischen Neuerungen für Nutzen und Kommerz, sollte Bildung den Geist behaupten und in ein Reich des Zweckfreien führen. Basierte die Industrialisierung auf einem analytischen Denken, das die Welt in Stücke zerlegte, die, in der Maschine neu zusammengesetzt, ebenso leb- wie reibungslos ineinandergriffen, so erwuchs die Idee der Bildung aus einem ganzheitlichen, organischen Denken, das der menschlichen Existenz Sinn und Form zu geben versprach.

Ein Blick in die Geschichte: Das deutsche Ideal, wie es von Herder und Schiller formuliert und von Humboldt und Hegel tradiert wurde, stellte die Sprache, die Philosophie und die Kunst in den Mittelpunkt. Bildung konterkarierte das rechnende Denken der technischen Weltbeherrschung. Doch wie so oft bei Gegensätzen ist die Differenz von Bildung und Industrie rein inhaltlich konzipiert, während sie sich strukturell stark ähneln.

Entscheidend für die industrielle Revolution ist die Erfindung der Dampfmaschine und die damit einhergehende Umstellung des Energieregimes: Statt aus Wind und Wasser oder der Arbeit von Tieren bezieht der Mensch immer größere Mengen von Energie aus Steinkohle. Ohne die Kohle wäre die Epoche der europäischen Innovation zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert bloß die vorübergehende Blüte einer Hochkultur innerhalb der agrarischen Zivilisation geblieben. Nichts Ungewöhnliches in der Geschichte, vergleichbar der islamischen Kultur zwischen dem 9. und 14. Jahrhundert oder den Glanzzeiten der chinesischen Kultur. Dass es anders kam, war allein dem neuen potenten Energieträger zu verdanken. Die Kohle war der Raketenantrieb der Geschichte, der Europa in die Moderne geschossen hat. Seither kennen wir nur eine Richtung: immer bergauf, im steten Progress, angetrieben mit den gewaltigen Reserven fossiler Energie.

Genau diese Idee eines unendlichen Wachstums liegt auch der Bildungsvorstellung der deutschen Klassik zugrunde. Als Erster machte Johann Gottfried Herder mit der instrumentellen Erziehung Schluss, die noch auf die Eingliederung des Individuums in die Gesellschaft gezielt hatte. Mit Herder wird Bildung zu einem reinen Individualitätsbegriff: Bildung meint nun Wachstum und Fortschritt des Einzelnen in Richtung einer nie zu erreichenden Vollkommenheit.

Neben diesem linearen Fortschrittsbegriff, den die pädagogische und die industrielle Revolution teilen, steht noch eine weitere folgenschwere Übereinkunft. Beide sind von einem starken Anthropozentrismus geprägt: von der Vorstellung, dass sich der Mensch weit über die Natur erheben kann und soll. Im modernen Industriesystem, das im 18. Jahrhundert Form annimmt, liegt dieser Schluss nahe. Die Wind- und Wassermühlen der Vormoderne waren noch für jeden sichtbar in die Naturabläufe eingebunden. Mit der Umstellung auf Kohle und später Öl verflüchtigt sich dieser Zusammenhang. Nun scheint der Mensch – dank seines technischen Genies mit monströsen energetischen Kräften begabt – einer externalisierten Natur gegenüberzustehen, die auf den Stand bloßen Materials herabsinkt.

Für den Bildungsbegriff lässt sich dieser Schritt bei Hegel ablesen. Die Bildungsfähigkeit sei es, schreibt der Philosoph, die den Menschen überhaupt zum Menschen mache: "Er muss sich alles erst selbst erwerben, eben weil er Geist ist; er muss das Natürliche abschütteln." Wenn dies in der Bildung gelingt, ist der Geist laut Hegel "sein eigenes Resultat", der vom Geist beseelte gebildete Mensch folglich völlig autonom.

Die Natur kommt von diesem Standpunkt der Autonomie aus wieder nur als äußerliches Material in den Blick – als dekorative Ausstaffierung der Innenwelt des künstlerischen Gemüts. Denn der Gebildete mag über Wiesen und Wälder schwärmen, am Ende siegt bei ihm der Mensch über die Natur, erst durch das Künstlergenie wird die Welt beseelt. Eichendorff hat in seinen berühmten Zeilen die denkbar schönste Formulierung für den Fluch der idealistischen Epoche gefunden: "Schläft ein Lied in allen Dingen, / Die da träumen fort und fort, / Und die Welt hebt an zu singen, / Triffst du nur das Zauberwort."

Der Geniebegriff des die Welt beseelenden Künstlers bricht als funktionales Äquivalent der Dampfmaschine ins Reich der Gedanken ein – mit dem Ergebnis, dass der Weltbezug des Gebildeten in letzter Konsequenz distanziert bleibt, dass er, schaut er auf die Natur, zur Gelassenheit tendiert.

Dieser Bildungsbegriff hat sich bis heute fortgeschrieben – auch hier in erstaunlicher Parallelität zum Energieregime: Um 1800 ist es nur eine gelehrte Elite, die von Bildung spricht, und es ist eine Elite, die in den Genuss des neuen Energieträgers kommt. Um 1900 ist das Bildungsideal in einer breiten Koalition aus Oberschicht und Bürgertum verankert. Deren Lebens- und Konsumgewohnheiten stoßen zugleich in ganz neue energieintensive Dimensionen vor, weil sie auf einem globalen Netz von Eisenbahn- und Dampfschifffahrtslinien beruhen. Um 1970 sind schließlich beide demokratisiert: Das Programm heißt "energieintensiver Lebensstil und Bildung für alle".

Von ihrer anfänglichen antiindustriellen Emphase ist der Bildung bis heute viel verloren gegangen. Konstant dagegen blieb der Gedanke, dass Bildung für einen Selbstbezug des Menschen steht.