Politikerbücher sind, von historischen Ausnahmen abgesehen, kein Vergnügen. Der schreibende Politiker ist zumeist um seine Wiederwahl bemüht und befindet sich in einem Netz aus Verbindlichkeiten – keine gute Voraussetzung für ein Mindestmaß an Offenherzigkeit und Indiskretion, von denen jede biografisch inspirierte Prosa zehrt. Der Autor verlegt sich in der Regel auf die Höllenrhetorik der Allgemeinplätze, spricht vom Zusammenhalt der Gesellschaft, von der Innovationsfähigkeit des Landes, immer auch von den einfachen Menschen, die es ernst zu nehmen gelte, von Verantwortung und Pflichten, in Maßen vom Rückhalt, den man auch im Privaten genieße, und so weiter und so fort.

Das ist nie falsch und selten lesenswert. Und es soll vorkommen, dass ein Großteil der Auflage an Partei- und Geschäftsfreunde geht, die die Exemplare, gut verschweißt, wiederum an Partei- und Geschäftsfreunde weitergeben. Bücher von Politikern hingegen, die sich den Frust von der Leber schreiben, munter von Intrigen erzählen und so ein großes Publikum erreichen, werden erst nach dem Karriereende oder gleich posthum veröffentlicht, wie etwa die Erinnerungen Bismarcks.

Nun wird sich der FDP-Vorsitzende Christian Lindner eher am Anfang als am Ende seiner politischen Laufbahn sehen. Dass er bereits jetzt, nach dem so glorreichen Wiedereinzug der FDP in den Bundestag, ein Buch mit dem etwas dramatischen Titel Schattenjahre veröffentlicht hat, wurde ihm sofort als alte Krankheit der Liberalen ausgelegt: als Hang zu präpotenter Selbstbezogenheit und Eitelkeit.

Der Vorwurf ist so alt wie das Projekt 18 und ein bisschen unfair, denn es ist durchaus von allgemeinem Interesse, wie dieser Partei nach ihren Dirndl-, Teppich- und Hotelsteuererleichterungsaffären, nach desaströs-peinlichen Wahlkämpfen und dem rasanten Verschleiß ihres weitgehend jungen Führungspersonals ein Comeback gelungen ist. Denn davon handelt dieses Buch – es ist eine Mischung aus Erfahrungsbericht, Biografie und theoretischer Abhandlung – in seinem Kern: Wie päppelt man einen waidwund geschossenen politischen Organismus wieder auf? Welche Fähigkeiten sind dazu notwendig, außer dem berühmten langen Atem?

Das Desaströse ist natürlich unterhaltsamer, die Szenen der Scham und der Unbeholfenheit leuchten spontan ein: wie sich das Parteipräsidium am Wahlabend 2013 ausgerechnet im Berliner Congress Center am Alexanderplatz trifft, einem Haus "aus der Zeit des real existierenden Sozialismus", um dort den Untergang zu besprechen. Sehr gut in Erinnerung ist dem FDP-Chef noch heute der Jubel auf den Wahlpartys von SPD und Grünen, als das Ergebnis der FDP angezeigt wird. Am späteren Abend fährt Lindner zu einem Abendessen nach Berlin-Charlottenburg. Guido Westerwelle hat zu einem Griechen eingeladen. In den Augen der anderen Gäste bemerkt Lindner Schadenfreude. Manche der versammelten FDP-Leute weinen irgendwann, und das nicht nur metaphorisch. Sehr viel später am Abend sitzt Lindner dann in der Times Bar des Savoy Hotels mit Wolfgang Kubicki, der panisch aus Kiel angereist ist. Man kann sich die alkohol- und tabakselige Mischung aus Frust und Hysterie gut vorstellen. Die Herren verabreden, einander vier Jahre lang nicht öffentlich zu kritisieren und die Partei irgendwie wieder aufzubauen. Sie verbringen danach viele gemeinsame Urlaubstage auf Sylt und auf Mallorca und entdecken Gemeinsamkeiten: "Abenteuerlust, Freude am Leben und am politischen Meinungsstreit". Womöglich auch einen gemeinsamen Humor: "Außerdem sind wir beide bekanntermaßen vollkommen uneitel."

Auf viele, erinnert sich Lindner, habe die FDP damals wie eine "stinkende Leiche" gewirkt. Er zeichnet die vier Jahre währenden Wiederbelebungsversuche arg detailliert nach. Das ist dann stellenweise doch etwas für Feinschmecker der Parteiengeschichte, die sich an raffinierten Analysen längst vergangener Landtagswahlen und den vergeblichen Strategien von Provinzpolitikern erfreuen. Es gibt ja alles, aber wollen wir wirklich ausgiebig daran erinnert werden, dass die FDP in Brandenburg im schönen Jahre 2014 mit dem irgendwie selbstironisch gemeinten Slogan "Keine Sau braucht die FDP" glaubte, eine Landtagswahl gewinnen zu können? (Für die Feinschmecker: Es wurden 1,5 Prozent.)