Am dritten Wochenende im Oktober erwacht Donaueschingen alljährlich zu einem Leben der besonderen Art. Menschen aus aller Welt und aller Altersgruppen bevölkern das Städtchen, Fußgänger mit riesigen Notenmappen unter dem Arm oder einem Instrumentenkasten über der Schulter durchwandern den herbstlich angehauchten Park um das Schloss der Familie Fürstenberg. Die Donaueschinger Musiktage – das älteste Festival für zeitgenössische Musik in Deutschland, gegründet 1921 und verbunden mit Namen wie Paul Hindemith, Arnold Schönberg oder Igor Strawinsky – haben begonnen.

Und ich bin dabei, seit genau 25 Jahren. Ich gehöre zu einer Minderheit – zum "normalen" Publikum. Die Musiktage sind im Wesentlichen ein wichtiger Treffpunkt für diejenigen, die beruflich mit Musik zu tun haben. Jedes Jahr frage ich mich, warum ich mir mit meinen nunmehr 85 Jahren diese Strapaze antue: die Reiserei, stundenlanges Sitzen auf harten Klappstühlen, Gedränge in den Foyers. Die Antwort ist einfach: Ich bin ein auf Kunst neugieriger Mensch. Und jedes Jahr packt mich neu die Lust auf die Klangküche an der Donauquelle.

Die Beschäftigung mit Kunst und Musik hat mich ein Leben lang begleitet. Als Zwölfjähriger habe ich das Ende der Barbarei auf brutale Weise überlebt: Aus dem brennenden Dresden floh meine Mutter mit mir und den kleineren Geschwistern erst nach Bayern, später nach Köln, wo ich Schulzeit und Studium absolvierte und bis heute lebe. Ich habe damals schnell verstanden: Wie eine Gesellschaft mit Kunst umgeht, das ist ein wichtiger Seismograf ihrer Befindlichkeit.

Das Köln der Nachkriegszeit mit all seinen Kunstaktivitäten war für mich genau der richtige Ort. Es gab reichlich Gelegenheit, intensiv auch Neue Musik kennenzulernen. So erlebte ich im Sendesaal des WDR früh Musik von Karlheinz Stockhausen, Mauricio Kagel, John Cage und anderen, vor allem auch erste Produktionen des heute legendären, in den fünfziger Jahren erblühenden Studios für elektronische Musik. Ich habe das Glück, dass meine Frau Renate mir als Musikfachfrau hilft, die Welt der unerhörten Klänge zu erschließen. Meist reagiere ich impulsiv, emotional und bisweilen auch ablehnend, wenn etwas "nicht stimmt". Aber immer erfüllt mich ein hoher Respekt vor denen, die Neues erkunden – auch mit dem Risiko des Scheiterns.

Schwer zu verstehen sind für mich Menschen, die sich für zeitgenössische Literatur und bildende Kunst interessieren, aber die Musik lebender Komponisten ausblenden. Nur weil es mehr Mühe macht und man nicht einfach davongehen kann wie in einer Ausstellung, von Werk zu Werk schlendernd?

Ich bin Politiker und war mein ganzes Leben auch Kulturpolitiker. Die Kunst ist auf öffentliche Unterstützung angewiesen. Auch deshalb kämpfe ich für den Erhalt des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Die gesamte Entwicklung der zeitgenössischen Musik seit 1945 ist ohne seine fördernde Rolle nicht zu denken. Das verführerische Gift des Quotendenkens hat in diesem Bereich nichts zu suchen, drängt sich leider aber immer wieder in die Köpfe der Radiomacher. Wollen wir wirklich Gebühren für unsere intellektuelle Unterforderung zahlen? Der Kulturauftrag umfasst auch anspruchsvolle, teure Produktionen, für die sich nur Minderheiten interessieren. So hat es das Bundesverfassungsgericht unmissverständlich festgelegt.

Ohne das Schöpferische verarmt und verkümmert eine Gesellschaft. Diese Gefahr droht – auch in unserer reichen Kulturlandschaft. Anerkennung muss immer wieder erkämpft werden. Schnell wird an der Kulturförderung gespart, die ja nicht gesetzlich festgelegt ist. Wir, die Musikfreunde, haben vor einigen Jahren erfolgreich gegen Bestrebungen des SWR gekämpft, Donaueschingen nur noch alle zwei Jahre stattfinden zu lassen. Schließlich gab es ein Einsehen, dass das Experimentelle, dieser Grund-Impetus von Donaueschingen, ein kontinuierlicher Prozess sein muss. Donaueschingen, das ist nicht das einzelne Projekt; Donaueschingen ist die Summe der Projekte in Jahren und Jahrzehnten. Erfreulicherweise gehören die vom SWR verantworteten Musiktage inzwischen zu den auch vom Bund dauerhaft finanzierten "Leuchttürmen" deutscher Kultur.