Die Idee, eine Revolution könne in einer Behörde geplant werden, wirkt wie ein absurder Widerspruch. Revolutionen, denkt man, entstehen auf der Straße, im Untergrund, in den Garagen von Technikfreaks oder den Entwicklungsabteilungen von Weltkonzernen. Welch ein Irrtum. Nächste Woche stellt die Hamburger Umweltbehörde ihren lange erwarteten Plan für die Zukunft der Hamburger Fernwärme vor. Es geht um mehr als 300.000 Wohnungen und noch einmal halb so viel Gewerbefläche, insgesamt fast ein Drittel der Stadt. Die meisten Energieexperten denken, sie wüssten, was kommt – schließlich reden sie in der Umweltbehörde schon recht lange von dem Plan.

Es kommt aber anders.

Es kommt eine Revolution: Hamburg schaltet die gigantische Kohleheizung ab, die einen großen Teil der Stadt warm durch den Winter bringt und dabei leider auch die Erdatmosphäre kräftig aufheizt. Nicht nur in Wedel, wo ein altersschwaches Kraftwerk zu ersetzen ist, sondern insgesamt. Nicht irgendwann in ferner Zukunft, am Ende eines wolkig beschriebenen Entwicklungspfads. Sondern in den kommenden acht Jahren. Das jedenfalls ist der Plan des Hamburger Umweltsenators Jens Kerstan von den Grünen. Und viel spricht nun dafür, dass er ihn umsetzen kann.

Es ist, als würden 300.000 Wohnungen auf einmal saniert. Eine halbe Million Menschen aus Hamburgs Innenstadt zieht um in eine gigantische Ökosiedlung – ohne es zu merken. Kein Haus wird umgebaut, keine Klinkerfassade verschwindet hinter einem "Wärmedämmverbundsystem". Die Bewohner werden ihre Heizungen aufdrehen können wie bisher, wenn auch zu etwas höheren Kosten. Dafür entfällt das Unbehagen, das der eine oder andere empfunden haben mag beim Gedanken an die riesigen Kohlefeuer östlich und westlich der Stadt, die dort brennen, damit er oder sie es im Winter warm hat.

Bislang heizen zwei mit klimaschädlicher Steinkohle betriebene Heizkraftwerke einen großen Teil der Stadt: das Kraftwerk in Wedel, am Elbufer östlich von Hamburg, um dessen Zukunft Politik und Wirtschaft seit mehr als zehn Jahren streiten. Und das Kraftwerk Tiefstack im Hafengebiet zwischen Billbrook und Rothenburgsort.

Wedel ist marode und muss ersetzt werden, hier geht es um eine überfällige Sanierung. Im Fall von Tiefstack liegen die Dinge völlig anders. Das Kraftwerk stammt aus den neunziger Jahren, ein Vierteljahrhundert ist für eine solche Anlage kein Alter. Dennoch planen sie in der Umweltbehörde, dort statt Kohle in Zukunft nur noch das vergleichsweise umweltfreundliche Erdgas zu verbrennen, ergänzt durch die Abwärme eines Industriebetriebs. Dafür gibt es keinerlei technische oder wirtschaftliche Notwendigkeit, es geht allein um den Klimaschutz. Ganz Öko-Deutschland träumt vom Kohleausstieg, in Hamburg fängt er an.

All das klingt zu gut, um wahr zu sein, weshalb nun von möglichen Zweifeln die Rede sein muss. Im Detail verrät man in der Behörde noch nicht, wie der Ausstieg erreicht werden soll. In Umrissen ist aber schon länger bekannt, was der grüne Umweltsenator Jens Kerstan vorhat: Er will den Bau eines neuen Kraftwerks vermeiden und setzt stattdessen vor allem auf ein Mischkonzept mit Wärme aus unterschiedlichen, aber jeweils ökologisch einwandfreien Quellen: Abwärme aus der Industrie, möglicherweise von den drei großen Metallverarbeitern Aurubis, ArcelorMittal und Trimet oder aus dem Abwasser einer Kläranlage im Hamburger Hafen. Dazu kommt eine Anlage in Stellingen, die Wärme aus Müll und Biomasse erzeugt. Ergänzt wird das Konzept durch einen unterirdischen Speicher, der im Sommer überschüssige Wärme aufnehmen und für den Winter aufbewahren soll (ZEIT Nr. 50/16).

Die technischen und wirtschaftlichen Daten der meisten Komponenten sind mittlerweile detailliert durchgerechnet worden, weit über bloße Machbarkeitsstudien hinaus. Preise, Zinsen, Verbrauchsdaten, Betriebskosten – all das ist bekannt. Einige Anlagen könnten sie in der Umweltbehörde sofort ausschreiben und Aufträge erteilen.

Soll man all das glauben?

Der Aufsichtsrat von Vattenfall, in dem die Stadt vertreten ist, muss es allerdings noch beschließen. Das könnte im Detail schwierig werden, heißt es in Kerstans Behörde. Im Prinzip seien Politik und Wirtschaft aber einig, und vor allem: Der Kohleausstieg bis zum Jahr 2025 ist nicht mehr strittig.

Soll man all das glauben? Kerstans Leute wären nicht die Ersten, die sich in Fragen der Energiewirtschaft verrechnet hätten, weil passend gemacht werden sollte, was nicht passt. Allerdings ist das, was sie zu berechnen haben, vergleichsweise trivial. Alle früheren Pläne für die Zukunft der Hamburger Fernwärme sahen den Bau neuer Heizkraftwerke vor, die gleichzeitig Strom und Wärme erzeugen. Damit bliebe das Fernwärmenetz unlösbar verwoben mit der in Zeiten der Energiewende unberechenbaren Zukunft der deutschen Stromwirtschaft.

Gemessen daran haben es die Mitarbeiter der Behörde für Umwelt und Energie leicht. Mit ihren Plänen trennen sie die Wärme- fast vollständig von der Stromproduktion. Die Zukunft der Elektrizitätswirtschaft muss sie daher nicht beschäftigen. Da sie keine Kohle und nur relativ wenig Erdgas verwenden wollen, sind sie zudem weniger als bisher auf Vermutungen über die langfristige Entwicklung auf den Weltmärkten für Fossilenergien angewiesen. Übrig bleiben vergleichsweise einfache Fragen: Was kostet die Technik? Leistet sie, was sie soll? Lassen sich Lieferketten für Biomasse organisieren und langfristig sichern? Wie hoch sind die Zinsen? Auf welche Preise für Abwärme kann man sich mit den Hamburger Industriebetrieben verständigen?

Diese Fragen sind offenbar im Wesentlichen beantwortet. Wenn das stimmt, kann die Revolution losgehen.

Was bedeutet das für die Parteien?

Wer sich den Grünen nicht anschließt, wirkt überholt

In Hamburg gerät jede Landtagswahl zur energiepolitischen Richtungsentscheidung. Strom, Wärme, der Rückkauf der Energienetze – all das ist heiß umstritten. Jede neue Regierung könnte der Versuchung erliegen, abzureißen, was ihre Vorgänger aufgebaut haben, und von vorne anzufangen. Eine politische Wende ist daher auch die größte Gefahr für die grüne Wärmewende. Was bleibt von den Plänen des grünen Umweltsenators, falls die Grünen nach der Landtagswahl 2020 in der nächsten Landesregierung nicht vertreten sind?

Die Vorstellungen von CDU und FDP stehen den grünen Ideen diametral entgegen: Sie wollen das Kohlekraftwerk Moorburg, das bislang hauptsächlich Strom erzeugt, doch noch an das Fernwärmenetz anschließen. Dafür wird sich allerdings kaum je eine politische Mehrheit finden. Es bedürfte eines politischen Erdrutsches, um Christ- und Freidemokraten gemeinsam an die Regierung zu bringen und SPD und Grüne in die Opposition zu schicken. Und selbst wenn es so käme, müsste eine rechtsliberale Moorburg-Koalition sich mit den kampagnenfähigen Umweltverbänden auseinandersetzen, die den letzten Volksentscheid über die Hamburger Energiepolitik gegen eine überwältigende Mehrheit unter den Bürgerschaftsparteien gewonnen haben.

Die Schlüsselrolle fällt darum den Sozialdemokraten zu. Würden sie unter anderen Mehrheitsverhältnissen die Energiepolitik dieser rot-grünen Legislatur aufgeben?

Derzeit gibt es keine realistische Alternative

Bis zur letzten Landtagswahl und eine Zeit lang darüber hinaus hat auch die SPD ihre eigenen Pläne verfolgt: Die Sozialdemokraten wollten anstelle des Kohlekraftwerks in Wedel ein Gaskraftwerk errichten und es um einen kleinen Wärmespeicher ergänzen. Diese Idee ist inzwischen von der Wirklichkeit überholt: Unter den Bedingungen der Energiewende lässt sich ein konventionelles Heizkraftwerk, zudem befeuert durch den teureren Brennstoff Gas, nicht wirtschaftlich betreiben, das ist mittlerweile unstrittig. Sollten sich die Sozialdemokraten nach der Landtagswahl 2020 in einer Alleinregierung oder in einer Koalition ohne die Grünen wiederfinden, würden sie daher kaum an ihre eigenen Pläne anknüpfen können.

Von Moorburg halten auch die meisten Sozialdemokraten nicht viel, zudem hat die Partei sich öffentlich darauf festgelegt, diese Lösung nicht zu verfolgen. Und ein offener Konflikt mit dem Lager der umweltbewegten Verbände und Bürgerinitiativen passt schlecht zu der ausgleichenden Haltung, mit der die Hamburger SPD in anderen Fragen ihre Macht sichert.

So kühn die Pläne der grün geführten Umweltbehörde anmuten, derzeit hat in Hamburg niemand eine Alternative, die sowohl mehrheitsfähig als auch ökonomisch realistisch wäre. Und, wer weiß, vielleicht ist der Konflikt um die Zukunft der Fernwärme in einigen Jahren vergessen. Wenn die Pläne der Grünen umgesetzt werden, könnte Hamburg für umweltpolitische Modernisierer werden, was die dänische Hauptstadt Kopenhagen für fortschrittliche Verkehrspolitiker ist: ein Wallfahrtsort, den man gesehen haben muss. Dann wäre schnell vergessen, dass der Kohleausstieg in der Fernwärme ursprünglich bloß die Idee einer kleinen Ökopartei war.

Was bedeutet das für Moorburg?

Das riesige Kraftwerk hat keine große Zukunft

In einer Frage sind die Hamburger Energiepolitiker seit Jahren tief zerstritten: Zu Moorburg, dem riesigen Kohlekraftwerk, das Vattenfall seit zwei Jahren im Hafengebiet am südlichen Elbufer betreibt, hat jeder eine eigene Meinung, und oft geht sie einher mit starken Emotionen.

Die CDU hat vor zehn Jahren ihre absolute Mehrheit in der Bürgerschaft genutzt, um den Bau zu planen und durchzusetzen. Eine Entscheidung, die zu erklären selbst heutigen Christdemokraten schwerfällt. Die Grünen wiederum haben damals einerseits wütend protestiert und andererseits das Ihre dazu beigetragen: Der von ihnen gewünschte Atomausstieg hat den Bau einer ganzen Generation von Kohlekraftwerken erst möglich gemacht, zu der auch Moorburg gehört. Ein Umstand, über den man im Ökolager ungern spricht.

Das Leben wäre leichter für viele Energieexperten, wenn die Zukunft des umstrittenen Mega-Kraftwerks endlich geklärt wäre. Bleibt es, was es heute ist, ein Teil der nationalen Stromversorgung? Oder wird es in Zukunft außer Strom auch Fernwärme für Hamburg erzeugen und so das Land dauerhaft vom Brennstoff Kohle abhängig machen?

Mit der grünen Wärmewende des Umweltsenators ist diese Frage im Wesentlichen beantwortet. Eine Wärmeversorgung der Stadt durch Moorburg wird nun unwahrscheinlicher denn je. Kerstans Konzept ist ökonomisch offenbar konkurrenzfähig und ökologisch zweifelsfrei überlegen.

Es ist schwer vorstellbar, dass Hamburg irgendwann in Zukunft wieder mit Kohle heizt, während moderne Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energie stillgelegt würden. Keine Regierung, gleich welcher Zusammensetzung, könnte hoffen, damit durchzukommen.

Über die Zukunft des Kohlekraftwerks in Moorburg dürfte daher nicht die Hamburger Landespolitik entscheiden, sondern die Entwicklung der europäischen Strommärkte und die Energiepolitik des Bundes. Einstweilen müssen sich die Betreiber wenig Sorgen machen: Spätestens in vier Jahren soll das Atomkraftwerk Brokdorf abgeschaltet werden, das letzte seiner Art in Norddeutschland – danach dürfte sich der Kohlestrom aus Moorburg eher noch besser verkaufen als heute.

Die Kostenentwicklung für Fernwärmekunden

Dennoch bedroht die Hamburger Wärmewende auf lange Sicht auch das Kraftwerk Moorburg. Sollte es in Deutschland je einen Kohleausstieg geben, müssten sich zahllose Akteure verständigen: Energieversorger, Städte, Länder und Gemeinden, die alle auf die eine oder andere Weise mit der Kohlewirtschaft verbunden sind. Mal betreiben die örtlichen Stadtwerke selbst ein Kohlekraftwerk, mal hält eine Kommune Anteile an einem Energieversorger, der solche Kraftwerke besitzt.

Wenn Hamburg sich aus der Abhängigkeit von dem klimaschädlichen Brennstoff befreit, wechselt der Stadtstaat ins Lager derer, die durch einen nationalen Kohleausstieg mehr zu gewinnen als zu verlieren haben.

Was bedeutet das für die Verbraucher?

Erst wird es teuer und am Ende womöglich doch günstiger

Was Fernwärme in Hamburg kostet, entscheidet sich bisher auf den Weltmärkten für Kohle und Gas – sind die Brennstoffe günstig, fällt die Rechnung niedriger aus, steigen die Preise, wird auch das Heizen teurer. Außerdem hängen die Heizkosten der einzelnen Kunden natürlich vom Wetter ab: Ein strenger Winter kommt teuer, ein milder Winter ist billig.

Durch die Pläne der Umweltbehörde werden sich für die Hamburger Fernwärmekunden vor allem zwei Dinge ändern. Sie werden etwas mehr bezahlen müssen als bisher. Und ihre Heizkosten werden weniger stark schwanken.

Teurer wird es vor allem, weil Kohle zwar umweltschädlich, aber seit einigen Jahren eben auch sehr billig ist. Fast jede Alternative kostet mehr, auch das, was der Umweltsenator nun plant. Zwar ist Abwärme aus der Industrie billig und Abwärme aus einem Klärwerk sogar kostenlos. Andere Energieträger, die in Zukunft in der Hamburger Fernwärmeerzeugung eingesetzt werden sollen, kosten dagegen vergleichsweise viel, etwa Erdgas und Biomasse.

Stabiler werden die Wärmepreise, weil in Zukunft ein größerer Teil der Kosten nicht für die Brennstoffe fällig wird, sondern für die Anschaffung der Anlagen, die Hamburg heizen sollen – Wärmepumpen etwa, Wärmespeicher, ein neues Biomasseheizwerk und neue Leitungen.

Letztlich sind es Kredite, deren Kosten auf die Wärmekunden umgelegt werden. Zins und Tilgung aber stehen langfristig fest und haben mit den Weltmarktpreisen für Energie nichts zu tun – und mit dem Wetter natürlich ebenso wenig. Darum schwanken sie auch nicht.

Etliche Fernwärmekunden werden allerdings durch die Umstellung an anderer Stelle Geld sparen – nämlich bei der Miete. Wer eine unzureichend gedämmte Altbauwohnung mietet, muss über kurz oder lang mit einer Sanierung rechnen, deren Kosten er am Ende zu tragen hat. Oft hat der Vermieter keine Wahl: Ein Haus, das nicht der sogenannten Energieeinsparverordnung entspricht, muss besser isoliert werden. Eine Umstellung auf umweltfreundlich produzierte Fernwärme ersetzt aber in vielen Fällen eine Sanierung. Den Bewohnern bleibt dann eine Mieterhöhung erspart.