Wäre die Protestbewegung #MeToo ein Film, wäre er ziemlich kurz. Tausende Frauen werden von Männern sexuell belästigt. Die Frauen sind wehrlose Opfer. Die Männer sind alte Säcke. Das wäre schon die ganze Geschichte.

"Langweilig!", würde Harvey Weinstein vermutlich sagen, der alte Sack, mit dem die ganze Sache begann. Und diesmal hätte er sogar recht.

Harvey Weinstein hat Dutzende, vielleicht Hunderte Frauen begrapscht, er hat sie zum Sex genötigt, sogar vergewaltigt. Das jedenfalls legen die Aussagen von Schauspielerinnen, Drehbuchautoren und Journalisten nahe. Aber wenn so viele in Hollywood von den Taten des Filmproduzenten Weinstein wussten, warum haben dann alle so lange geschwiegen, statt sein wahres Ich offenzulegen?

Passieren in der deutschen Filmbranche ähnliche Dinge?

Was ist mit den zahllosen anderen Tätern, von denen unter dem Hashtag #MeToo in diesen Tagen die Rede ist? Gibt es etwas, das sie gemeinsam haben, außer dass sie Männer sind?

Und sind ihre Opfer, die Frauen, tatsächlich so wehrlos, wie es den Anschein hat?

All das sind Fragen, die ein guter, ein interessanter Film über sexuelle Belästigung beantworten müsste.

Es wäre ein Film, an dessen Anfang ein Mann ins Bild treten könnte, der gerade mehrere Kisten mit Tonequipment in sein mit Grün umranktes Haus in den Hügeln von Hollywood schleppt. Weit unter ihm leuchten die tausend Lichter von Los Angeles in den warmen Abend hinein. Der Mann heißt Jeff Vespa, er ist 47 Jahre alt, und im Moment ist er ziemlich müde, gerade hat er seinen ersten Spielfilm abgedreht, es geht um eine Sängerin, die im Paris der zwanziger Jahre lebt. Sie mischen jetzt den Ton, in wenigen Wochen ist Premiere.

Vespa ist eigentlich Fotograf, einer der bekanntesten in Hollywood. Von fast allen großen Stars hat er Bilder geschossen. Er hat auch dieses Foto gemacht, das schon ein paar Jahre alt ist, das aber in den vergangenen Tagen so viele Zeitungen druckten wie nie zuvor. Es zeigt einen lachenden Harvey Weinstein, er hält die Schauspielerin Rose McGowan im Arm, die ein schulterfreies rotes Kleid trägt.

McGowan hat inzwischen öffentlich ausgesagt, Weinstein habe sie vergewaltigt.

Jeff Vespa war jahrelang so etwas wie der Hausfotograf von Weinsteins Produktionsfirmen. Selbst das Bild, das Weinstein für seine Facebook-Seite verwendet, ist von ihm. All die Feiern, die Partys, die großen Galas, die Weinstein veranstaltete, Vespa hat sie fotografiert. Seine Bilder sind die Bilder von Weinsteins Erfolgen. Jedenfalls war das bis vor Kurzem so. Jetzt wirken sie wie eine Chronik von Weinsteins Vergehen.

Von Vergehen, die allen bekannt waren.

Quentin Tarantino wusste es. Das hat der Regisseur, der mit Weinstein Filme wie Reservoir Dogs, Pulp Fiction, Kill Bill, Inglourious Basterds und Django Unchained gedreht hat, nun der New York Times gesagt.

Scott Rosenberg wusste es. Das hat der erfolgreiche Drehbuchautor vieler Weinstein-Filme in einem langen Beitrag auf seiner Facebook-Seite geschrieben. "Everybody-fucking-knew. "