Sollte man sich einen Roman ausdenken, der in maximaler Weise das ist, was man up to date nennt, dann käme wohl Außer sich von Sasha Marianna Salzmann heraus. In diesem funkensprühenden Debüt, das es prompt auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte, befindet sich alles, was man unter Identität versteht, kulturelle wie geschlechtliche, im Zustand des Unbestimmten, Offenen, Fluiden. Wer die letzten zehn Jahre nicht völlig verschlafen hat, muss zugeben: Transgender plus Migration – die Erzählung führt von Russland nach Deutschland, von da nach Istanbul –, mehr Zeitgeist geht nicht.

Was für Sasha Marianna Salzmann gilt, das gilt genauso für die lange Liste deutschsprachiger Autoren, deren Literatur sich auf Lebenswelten bezieht, die außerhalb Deutschlands liegen, da sie von außerhalb kommen: Hatice Akyün und Zafer Şenocak aus der Türkei, Lena Gorelik aus Russland, Katja Petrowskaja aus der Ukraine, Irena Brezna aus der Slowakei, Saša Stanišić aus Bosnien, Abbas Khider aus dem Irak, Olga Grasnowaja aus Aserbaidschan, Nino Haratischwili aus Georgien. Ihre künstlerischen Ambitionen mögen sich im Einzelnen so unterscheiden wie die von Peter Handke und Ildikó von Kürthy. Aber etwas ist der Literatur der Eingewanderten in der Summe doch gemeinsam: Sie bildet biografischen und kulturellen Nomadismus ab. Sie bewegt sich somit auf der Höhe jener Epoche, die den Beinamen Globalisierung trägt.

Sollte man sich ein poetisches Konzept ausdenken, das von dem des migrantischen Schreibens maximal weit entfernt ist, dann wäre dies die neue deutsche Heimatliteratur. Fast scheut man sich, den Begriff zu verwenden. Seine Semantik wirkt zweifelhaft. Im günstigsten Fall erinnert sie an harmlose Weizenfelder und Kirchturmspitzen. Im weniger günstigen an keineswegs harmloses völkisches Leitkulturgeschrei. Nur lässt sich die Konjunktur von Romanen und Erzählungen, auf die der Begriff in seinem ursprünglichen Sinn zutrifft, da sie ihr Augenmerk auf ländliche und dörfliche Lebensräume richten, nicht übersehen. Und genauso wenig lässt sich übersehen, dass diese neue Heimatliteratur – wie soll man sie sonst nennen? – einem wachsenden Interesse der Öffentlichkeit entgegenkommt.

Seit seiner Veröffentlichung im Juli behauptet sich Mariana Lekys in einem Dorf im Westerwald angesiedelter Roman Was man von hier aus sehen kann zwischen Elena Ferrante und diversen US-Thrillern auf der Bestsellerliste. Alina Helbings Debüt Niemand ist bei den Kälbern wurde jüngst auf der Shortlist des Aspekte-Literaturpreises platziert. Ebenfalls in diesem Jahr erschien von Andreas Moster ein Dorfroman mit dem bezeichnenden Titel Wir leben hier, seit wir geboren sind, von Katrin Seddig der Roman Das Dorf, von Bastian Asdonk 2016 Mitten im Land. Man sollte erwähnen, dass es sich durchweg um Autoren jüngerer und mittlerer Jahrgänge handelt. Sie schreiben nicht über ihren letzten New-York-Trip oder Missstimmungen in Berlin-Mitte. Nein, sie schreiben über deutsche Dorfgemeinschaften, mal fiktiv, mal halb autobiografisch.

Norbert Scheuer setzt mit Am Grund des Universums sein beeindruckendes und mehrbändiges Epos über das Dorf Kall fort. Es begann 2005 mit dem Erzählband Kall, Eifel, mittlerweile gibt es fünf Kall-Romane. Wer sie kennt, weiß alles über die Schicksalsschläge und Trinkgewohnheiten der Stammkundschaft einer Gaststätte namens Arimond. Nicht weniger bedeutsam im Kall-Universum ist das Café des Supermarkts. "Die Grauköpfe", die in diesem öffentlichen Wohnzimmer ihre Tage verbringen, haben von der großen Welt nicht viel gesehen. Aber im kleinen Kall entgeht ihnen nichts. Und was sie hier beobachten und im Chor kommentieren, genügt ihnen als reicher Erzählstoff. Ebendarin liegt die dialektische Disposition des klassischen Dorfromans: Er berichtet aus einem eng begrenzten Raum und ist zugleich ein Vergrößerungsglas der Welt.

Dass ausgerechnet diese Gattung eine Renaissance erlebt, damit war nicht unbedingt zu rechnen. Es wirkt ein wenig paradox, so als hätten sich Gottfried Kellers Leute von Seldwyla auf eine Zeitreise begeben, um aus dem Jahr 1856 in der zweiten Dekade des 20. Jahrhunderts wieder aufzutauchen. Natürlich waren Provinzgeschichten nie aus der deutschen Literatur verschwunden, es gibt sie von Grass, Walser, Arno Schmidt, erst recht von Siegfried Lenz. Aber die derzeitige Kulmination von Dorf- und Heimatromanen sticht deutlich ins Auge. Josef Bierbichler gab mit Mittelreich (2011) seinen Einstand als Schriftsteller, Katharina Hacker schrieb Eine Dorfgeschichte (2011), Bernd Schroeder verfasste das Dorfporträt Auf Amerika (2012), Andreas Maier steckt seit Langem in seinem Romanzyklus über die Wetterau, aus dem er so schnell nicht wieder auftauchen wird.

Der sensationellste Markterfolg der jüngeren Literaturgeschichte aber geht auf das Konto von Dörte Hansens Altes Land. Die schwer verzögerte Reaktion der Kritik auf dieses Buch beruhte nicht zuletzt auf ungläubiger Irritation. Ein Dorfroman? Von einer Autorin, deren Namen man noch nie gehört hatte? Über ein Jahr auf Platz eins der Bestsellerliste? Gekürt zum "Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels"?