Krefeld ist jetzt ein Begriff in der Welt der Ökologen. Zuerst stand er für eine Frage: Sag mir, wo die Insekten sind. "Where have all the insects gone?", fragte Science im Mai, ein Wissenschaftsmagazin, das rund um den Globus von Forschern gelesen wird.

Doch dieses Leitmedium der Naturwissenschaften hatte nicht etwa über das Projekt eines niederrheinischen Instituts oder einer Universität berichtet, sondern von der Feldforschung örtlicher Hobby-Insektenkundler (Entomologen). Darüber, wie Mitglieder des Entomologischen Vereins Krefeld in mühevoller, ehrenamtlicher Arbeit fliegende Insekten gefangen haben. Dazu haben sie Fallen in Schutzgebieten aufgestellt, die meisten davon lagen in Nordrhein-Westfalen, eines in Rheinland-Pfalz, fünf in Brandenburg. Immer weniger Schwebfliegen, Wildbienen und Falter hatten sie über die Jahre sammeln können, so viel war schon bekannt. Und eine Zahl aus dem Naturschutzgebiet Orbroicher Bruch brachte es im zurückliegenden Wahlkampfsommer zu Berühmtheit, als das Bundesumweltministerium mitteilte, Studien zeigten "Rückgänge (...) um bis zu 80 Prozent". Konnte das mehr sein als ein Extremwert?

Inzwischen gibt es aus Krefeld die Antwort: Im Jahr 2016 flog, schwirrte und schwebte den Hobbyforschern durchschnittlich 76 Prozent weniger sechsbeiniges Getier in ihre Fallen als im Startjahr der Messungen 1989. "Dieser weitverbreitete Rückgang an Insekten-Biomasse ist alarmierend", schrieben die Krefelder im Oktober zusammen mit niederländischen und britischen Wissenschaftlern in der Fachzeitschrift PLoS One, "erst recht, da alle Fallen in Schutzgebieten aufgestellt waren, die ja ökologische Vielfalt bewahren sollen."

Wenn darüber nun bundesweit, gar im Ausland gesprochen wird, dann sagt das einiges über ein übersehenes ökologisches Problem.

Denn das Besondere an dieser Studie ist der Blick auf die Insekten-Gesamtheit: Alles, was die Krefelder über 27 Jahre hinweg einsammelten, haben sie auch gewogen. Klingt banal, passiert aber selten. "Dies ist die erste Langzeitstudie über die gesamte Biomasse von Fluginsekten und somit von großer Bedeutung", sagt Alexandra-Maria Klein, Professorin für Naturschutz und Landschaftsökologie in Freiburg. Während einige spezialisierte Forscher ihre Objekte – etwa Wildbienen, Nachtfalter und Schmetterlinge – im Detail verfolgen, fehlte für Insekten als Ganzes bislang das Maß. Keine Klasse im Tierreich ist zahlreicher als diese, allein hierzulande vermuten Experten 33 000 Arten, aber noch nie gab es eine umfassende Volkszählung dieser Vielfalt.

Erstens ist also die Datenlage insgesamt immer noch ziemlich dürftig. Zweitens aber erscheinen, sobald jemand einen Ausschnitt betrachtet, die Einzelbefunde beunruhigend:

• Von knapp 600 Wildbienen-Spezies in Deutschland ist jede zweite als gefährdet eingestuft.

• Einer neuen Roten Liste aus dem vergangenen Jahr zufolge sind auf dem Gebiet der Europäischen Union 31 Prozent aller Heuschrecken-Arten bedroht.

• Tagfalter-Zählungen in Europa deuten auf einen starken Rückgang hin.

• Daten der Bundesregierung, von Naturschützern neu ausgewertet, zeigen einen Rückgang von 15 Prozent bei Vogelbrutpaaren zwischen 1998 und 2009. Fast alle betroffenen Arten füttern ihre Jungen mit Insekten.

• Die Weltnaturschutzunion, Hüterin der "Roten Liste gefährdeter Arten", erfasst Trends bestimmter Insektenarten. Von ihnen gilt weltweit jede dritte als schwindend.