Bsssss. Bss. Bs. Tief drin wusste man es schon seit Jahren. Die Wahrheit der Windschutzscheiben im Sommer verriet es: Die Insekten sterben. Und die unangetastet im Wind baumelnden Meisenringe ergänzten zur Winterzeit: Nun also auch die Vögel.

Doch seit einer Woche ist es gewissermaßen amtlich. Die Wissenschaft bestätigt, was alle ahnten: 76 Prozent weniger Insekten als 1989 leben an den Messorten der Insektenzählung – und die befinden sich in Naturschutzgebieten. Kaum auszudenken, wie es in den geschundenen Teilen Deutschlands aussieht. Jeder weiß auch, was das bedeutet, dafür haben die Menschen immerhin noch genug Erfahrung mit Natur, mit Garten und Landwirtschaft gesammelt oder zumindest ein bisschen was im Biologie-Unterricht gelernt: Vor aller Augen vollzieht sich hierzulande eine ökologische Katastrophe.

Insektensterben - Zahl der Insekten rapide gesunken Langzeitstudien haben ergeben, dass die Zahl der Insekten in den letzten 27 Jahren um mehr als 75 Prozent abgenommen hat. Der Rückgang der Insekten betrifft das gesamte Ökosystem, da sie Pflanzen bestäuben und anderen Tieren als Nahrung dienen. © Foto: Matthias Balk/dpa

Es wird zurzeit ja wieder gern über Heimat geredet, reden wir also drüber: Wenn dieser Wahnsinn so weitergeht, dann werden wir das heimische Ökosystem in wenigen Jahren nicht mehr wiedererkennen. Und das schöne Volkslied Alle Vögel sind schon da wird mehr und mehr zur Elegie. "Amsel, Drossel, Fink und Star ..." – Papa, was ist ein Star?

Das Unheimliche ist in Wahrheit ja nie das Tier, nicht einmal das sterbende, das Unheimliche ist immer der Mensch. Auch jetzt wieder. Nicht das Verstummen der Insekten, sondern das Schweigen der Menschen muss einen erschrecken. Denn was ist passiert, seit die Botschaft von den 76 Prozent in der Welt ist? Ein kurzes Zittern der Öffentlichkeit, wenige wispernde Stimmen aus der Politik – das war’s.

Vor sechseinhalb Jahren hat die Havarie eines japanischen Atomkraftwerks in Deutschland eine Energiewende ausgelöst. Heute zieht der Insektozid mitten unter uns keineswegs eine Agrarwende nach sich oder ein Ende der Flächenversiegelung, sondern so ungefähr: gar nichts. Die gerade entstehende Jamaika-Koalition beschäftigt sich mit Steuerfragen, mit Glasfaserkabeln und all diesen zweifellos wichtigen Dingen. Die neue Opposition beschäftigt sich mit sich selbst, was auch immer ein spannendes Thema ist. Doch eine Dringlichkeitssitzung zur galoppierenden deutschen Ökokatastrophe findet nicht statt.

Das alles wirft Fragen auf, weniger zum Gesundheitszustand der Natur als zum Gesundheitszustand von Politik und Öffentlichkeit. Sind die überhaupt noch in der Lage, zwischen wichtig und unwichtig zu unterscheiden? Ist die Politik für fernsehuntaugliche Katastrophen noch empfänglich? Kann etwas ins Zentrum der Aufmerksamkeit vordringen, das nicht explodiert oder havariert oder schreit oder weint oder vermittels zweier Jahrzehnte unaufhörlich tagender internationaler Konferenzen in die Köpfe gehämmert wurde, wie das beim Klimawandel immerhin der Fall ist?

Warum also versagt die Politik vor dem Phänomen des verstummenden Frühlings?

Tatsächlich enthüllt das Insektensterben ein dramatisches Demokratieproblem, insbesondere ein deutsches. Denn dieses Land hat sich aus sehr guten historischen Gründen angewöhnt, bestimmte Tonlagen in der Politik systematisch zu marginalisieren, um nicht zu sagen, unschädlich zu machen: Alles, was zu laut ist, zu extrem, zu radikal oder zu groß, alles, was sich nach Missionarismus anhört, nach Chiliasmus oder nach Volkserziehung, wird für eine Weile als unterhaltsam akzeptiert, aber sofort niedergemacht und ausgegrenzt, wenn es Ernst, also echte Politik zu werden droht. Nichts gilt in Deutschland so eisern wie das Gebot der mittleren Vernunft. (Und nie galt es so sehr wie in der Ära Merkel.) Und was soll man sagen?! – Bislang hat diese Demokratie mit ihrem Immunsystem gegen alles Ideologische ziemlich gut funktioniert.

Was aber, wenn die mittlere Vernunft einen extremen Wahnsinn verhüllt? Wenn das Schlimme nicht schrill ist? Das ist offenkundig zurzeit der Fall, jedenfalls wenn es um die Ökologie geht. Der Insektozid ist unter anderem die Folge ganz gewöhnlichen Essverhaltens. So viel Fleisch, wie die Deutschen pro Jahr konsumieren, ist eben nur industriell herzustellen, mit Gülleflut, Massenproduktion von Futter und den entsprechenden Folgen für die Sechsbeinigen unter uns. Die sich gerade vollziehende Ökokatastrophe ist zudem die Nebenwirkung "vernünftiger", ganz gewiss in sachlichem Ton erzielter Kompromisse zwischen den Interessen der Natur und denen der Agrarindustrie. Niemandes Adern sind da geschwollen, keiner hat da geschrien, nicht der Prozess war radikal – nur das Ergebnis.