Wer war der bedeutendste Dichter des 20. Jahrhunderts? Sicherlich eine sinnlose Frage wie bei anderen ästhetischen Kategorien auch, aber gerade deswegen können Lyrikfreunde darüber endlos debattieren. In der Nationenwertung liegt jedenfalls unangefochten das russische Team vorne, mit Blok, Pasternak, Mandelstam, Achmatowa und Zwetajewa und vielen anderen überragenden Figuren. Auch Joseph Brodsky wäre natürlich dabei, der große, 1940 in Leningrad geborene Dichter, der 1972 von der sowjetischen Regierung ausgebürgert wurde und 1987 den Literaturnobelpreis erhielt. Begraben ist er auf der Friedhofsinsel San Michele in Venedig, ebenso übrigens wie ein anderes poetisches Genie, Ezra Pound. Immerhin 18 Monate hatte Brodsky im Arbeitslager am Polarkreis verbracht, nachdem er 1964 wegen Parasitentums zu fünf Jahren verurteilt worden war – als schon damals eine der berühmtesten lyrischen Stimmen des Landes.

Sein früher Ruhm rührte vor allem von einem Langgedicht: der Großen Elegie an John Donne, die der 23-jährige Brodsky auf den 7. März 1963 datiert hatte. Donne, den eigenwilligen englischen Barockdichter, der zwischen 1572 und 1631 lebte, hatten zuvor T. S. Eliot, Pound und William Butler Yeats für die Weltliteratur wiederentdeckt. Aber Brodskys Dichtung wirkte wie ein Fanal, eine poetische Annäherung über die Jahrhunderte hinweg. Jetzt kann dieses Werk auf Deutsch gehört werden: Christian Reiner, vielfach gepriesener Sprecher von Lyrik und Hörspielstimmen, von Hölderlin bis hin zu Kinderbüchern, hat die Elegie aufgenommen – und das gleich zweimal. Zum einen rezitiert er die deutsche Übersetzung von Alexander Kaempfe und Heinrich Ost, dann die von Karl Dedecius; zudem spricht er einige andere Gedichte Brodskys.

Reiners sehr männliche Stimme gibt diesem Brodsky eine erstaunlich sinnliche Dimension, tief, langsam, präsent – ein Timbre, das durch Mark und Bein geht, auch wenn man sich intellektuell vielleicht dagegen wehren will. Es ist kein hoher Ton, sondern ein verhaltener, gerade dadurch markanter Sog, der entsteht – Reiner macht das gleichsam "unrussisch", gegenwärtig; der 1960 geborene Sprecher lässt einen hochbegabten, tiefsinnigen Twen hörbar werden; viele halten Brodsky ja ohnehin für den "westlichsten" aller russischen Dichter. Es ist ein Poem über den Schlaf, das eigentümliche Gelähmtsein angesichts der Welt, die ihrerseits gelähmt ist. Und Brodsky lässt John Donnes Seele durch die Jahrhunderte nachhallen und auf diesen Schlaf schauen: "Als Tote nur darf ich die Welt erfliegen." Die lyrische Kunst Joseph Brodskys hinterlässt auch in dieser akustischen Umsetzung einen starken Eindruck.

Joseph Brodsky: Elegie an John Donne. Gelesen von Christian Reiner; ECM, München 2017; 17,90 €