Hanna Jacobs ist Vikarin im niedersächsischen Selsingen und Kolumnistin in Christ&Welt. © Hannes Leitlein

Es gibt viele Anlässe zum Kopfschütteln und Zähneklappern, zum Beispiel, wenn Bekannte nach langer Zeit mal wieder eine Kirche von innen sehen und dann einen lieblos zusammengeschusterten Gottesdienst erleben oder eine schlechte Traupredigt zu hören bekommen. Und natürlich ist es für den Kollegen enttäuschend, wenn er mit viel Aufwand einen Diskussionsabend vorbereitet, und dann kommen nur zwei Leute. Von der Überalterung unserer Kirche will ich jetzt ausnahmsweise gar nicht erst anfangen. Es gibt viel, was mich enttäuscht und ärgert, und über diesen Ärger schreibe ich manchmal in meiner Kolumne, die alle zwei Wochen in Christ&Welt erscheint. Dass nicht jeder meine Kritik teilt, ist natürlich klar. Ein Leserbrief, den ich vor Kurzem bekam, hat mich trotzdem überrascht: Die Autorin bedauerte, dass ich in meinem Alter bereits so frustriert, so wenig hoffnungsvoll klänge. Irgendwie hat man mich da missverstanden: Ich bin eigentlich gerne Teil der Kirche, und ich bin stolz und froh, als Pfarrerin für diese Kirche ausgebildet zu werden. Warum – das kann ich schnell erklären.

Weil ich überall auf der Welt Heimatgefühle bekomme.

Die Finger an meinen beiden Händen reichen nicht aus, um die Umzüge zu zählen, die ich inzwischen hinter mir habe. An jedem Ort suchte ich mal engeren, mal lockereren Kontakt zu einer Kirchengemeinde. Wenige wurden zu einer echten Heimat, aber alle vermittelten mir ein gewisses Heimatgefühl. Die Traditionen und Liturgien, die mir als Kind langweilig und heilig zugleich erschienen, vermittelten mir, dass ich dazugehöre, egal ob in Frankreich oder Mecklenburg-Vorpommern. Die Texte und Lieder klangen vertraut, und ich fühlte mich dadurch verbunden mit denen, die neben mir beteten und sangen. Bindung entwickelt sich, und die evangelische Kirche zieht sich wie ein lila Faden durch meine Biografie. Eltern und Paten, die ihre in der Taufe versprochene Verantwortung, mich "im christlichen Glauben zu erziehen", genauso ernst genommen haben wie meine späteren, kritischen Fragen. Kindergottesdienst, Krippenspiele, Konfirmandenzeit – das volle Programm volkskirchlicher Sozialisation.

Weil Gitarre spielen Freiheit bedeuten kann.

Es kam das Alter, in dem ich entweder mich selber oder den Rest der Welt nicht ausstehen konnte. Als ich das erste Mal auf den abgewetzten Sofas im Gemeindehaus saß, stellte ich fest, dass ich die anderen in diesem Jugendkreis ganz gut leiden konnte und sogar mich selber ein bisschen mehr. Ein Ort, an dem wir, ganz ohne Vorgaben von Erwachsenen, selber entscheiden und gestalten konnten. Wir hatten einen Schlüssel zur Kirche, viele Ideen, immer eine Gitarre dabei und zu kleine Töpfe für die ganzen Spaghetti, die es brauchte, um alle satt zu kriegen. In diesem Klima von Freiheit und Geborgenheit habe ich als Teenager mehr Fähigkeiten entdeckt und entwickelt als in der Schule. Und ich habe gelernt, dass Kirche nicht nur teilnehmen, sondern auch selber machen heißt – zusammen mit anderen.

Weil man wunderbare Menschen trifft.

Dass ich noch immer dabei bin und von der Kirche nicht lassen will, verdanke ich auch allen Verbündeten und Unterstützern, die mir über die Jahre hinweg begegnet sind. Ohne die wunderbaren Menschen, die ich in Kirchengemeinden oder an theologischen Fakultäten kennengelernt habe, wäre ich heute allenfalls ein distanziertes Kirchenmitglied. Und ohne die ökumenische Bewegung "Kirche²", das Zukunftslabor des Bistums Hildesheim und der Hannoverschen Landeskirche, wäre ich heute vermutlich Journalistin und nicht angehende Pfarrerin. Denn es braucht Menschen, mit denen man seine Fragen, Zweifel und Visionen teilen kann.

Weil Gott keine Fleißpunkte verteilt.

Die Hauptaufgabe dieser Gemeinschaft der Getauften ist es, das Evangelium nicht für sich zu behalten. Die Kirche ist eine Erzählgemeinschaft, und zwar eine, die bitte schön so reden möge, dass man ihr gerne zuhören mag und sie nicht langweilt. Philipp Melanchthon erwies sich als geradezu visionär, als er 1530 im Augsburger Bekenntnis festhielt, es sei nicht "nötig, dass überall die gleichen, von den Menschen eingesetzten Zeremonien eingehalten werden". Wir sind wohl heute mehr denn je auf Kreativität und Mut angewiesen, wenn es um Werbung für die geht, ohne die nichts geht: die Gnade.

Gott öffnet seine Arme sperrangelweit für jeden und jede. Ein gnädiger Gott zählt keine Fleißpunkte. Und das ist total verrückt, weil die Logiken, nach denen wir üblicherweise unseren Alltag gestalten, überwiegend Variationen von "Ohne Fleiß kein Preis" sind. Im Fitnessstudio kann ich mich zu einem fitteren Menschen machen, beim Yoga zu einem gelasseneren und an der Börse zu einem reicheren, aber es gibt nichts, was mich vor Gott zu einem besseren Menschen machen könnte. Es kommt – und das ist noch verrückter – noch nicht mal darauf an, besser zu werden. Vor Gott zählt ausnahmsweise nicht meine Leistung, auch nicht das, was ich tue, sondern das, was Jesus Christus für mich getan hat. Und ich kann derweil die Gnadenpunkte in meinem Leben zählen, jedes Geschenk, jedes Gefühl von Freiheit, jede Erfahrung von Gottes "trotzdem, immer noch und immer wieder".

Weil ich mit mir allein nicht teilen kann.

Selbstverständlich hat die lutherische Kirche die Gnade nicht gepachtet und erfunden schon gar nicht. Aber sie ruft uns seit 500 Jahren Luthers "Allein durch Gnade" zu, oft ist es auch eher ein verhaltenes Flüstern. Ich brauche eine Institution, die von Gnade redet und mich daran erinnert, was ich bin: angenommen und erlöst, geliebt und gesegnet. Und ich bin überzeugt, die Welt braucht sie auch. Auf Dauer reicht es nicht, sich das immer wieder selbst zu erzählen. Glauben muss man nicht alleine. Oder wie Dietrich Bonhoeffer es formuliert hat: "Der Christus im eigenen Herzen ist schwächer als der Christus im Worte des Bruders." Ich brauche die Schwester und den Bruder, deshalb gibt es für mich keine Alternative zur Mitgliedschaft in der evangelischen Kirche. Die Geschwister würde ich natürlich auch bei den Baptisten finden, in der katholischen Kirche, bei den Methodisten oder einer freien evangelischen Gemeinde. Aber ich habe sie lieb gewonnen, "meine" Kirche, Paul Gerhardt mehr als die staubigen Kekse, aber trotzdem. Außerdem fällt mir in Deutschland keine andere christliche Glaubensgemeinschaft ein, in der auch meine alleinerziehenden, lesbischen, schwulen oder geschiedenen Mitchristen eine Heimat finden könnten, wo ihnen Kirchenbank und Kanzel gleichermaßen offenstehen. Auch wenn bei kirchlicher Willkommenskultur oft noch Luft nach oben ist.

Weil es nicht allein um mich geht.

Mir ist die Kirche nicht egal – und ihr die Welt nicht. Kirche ist im Krankenhaus und bei der Bundeswehr, ihre Seelsorger gehen freiwillig ins Gefängnis zu allen, die unfreiwillig dort sind. Sie kommt ins Hospiz genauso wie in den Kindergarten. Sie begleitet Menschen nicht nur an Übergängen, sondern auch durch die finsteren Täler.

In 10, 20 Jahren wird das Reformationsjubiläum nur noch eine blasse Erinnerung im Gedächtnis der besonders Interessierten und Engagierten sein. Das macht nichts – solange die Reformation weitergeht. Gerade weil mir die Kirche am Herzen liegt, möchte ich nicht zu denen gehören, die das Licht ausschalten und den Schlüssel in den Briefkasten werfen.