Halbe Sachen gibt es nicht an der Stuttgarter Staatsoper. Hier wird, unter dem im Sommer Abschied nehmenden Intendanten Jossi Wieler, so lange gedacht und geschafft, bis das musikalische Werk endgültig hinter-, mitunter auch schon mal überfragt ist. Von dieser Regel, die in der vorletzten Saison wieder einmal den Titel "Opernhaus des Jahres" einbrachte, hat sich das Haus in einer Notsituation vorübergehend verabschiedet. Mitzuerleben nämlich war im Großen Haus eine Premiere von Engelbert Humperdincks Märchenstück Hänsel und Gretel (das, wie Die Zauberflöte, dezidiert keine Kinderoper ist), und zwar in einer noch nicht mal halb fertigen Version, also nur zum Teil basierend auf den Konzeptionen von Kirill Serebrennikow. Der russische Regisseur wird in Moskau wohl aus reiner Willkür seit Monaten und auf Monate hinaus festgesetzt, angeblich wegen Veruntreuung. In Wirklichkeit wegen widerständiger Inszenierungen und offen gelebter Homosexualität.

In Stuttgart wird jetzt – vom Ensemble mal halb-, mal viertelszenisch umspielt – fast zwei Stunden lang eine filmische Arbeit Serebrennikows gezeigt. Sie hätte seiner eigenen Produktion vor Ort entweder Paroli bieten oder sie mit Treibstoff versorgen sollen. Aufgenommen wurde der Film in Ruanda, in und um Kigali, und er richtet den Blick vor allem auf die Jugendlichen David Niyomugabo (Hänsel) und Ariane Gatesi (Gretel). Sie spielen die Motive der Vorlage nach und verfremden sie, inmitten von Laien und professionellen afrikanischen Schauspielern. Dem Weg, den die Kinder in Humperdincks Oper zum Hexenhaus zurücklegen, entspricht im Film der Ortswechsel nach Stuttgart. Dort werden die beiden zuerst in den Konsumtempeln der Fußgängerzone ausgesetzt, um schließlich in der kulturellen Überhöhungshöhle anzukommen, in der Oper, auf dem Rang im Großen Haus. Wie der finalen Verklärung der Vorlage ("Wenn die Not aufs Höchste steigt, Gott der Herr die Hand uns reicht!") ist auch dem Filmschluss ein wenig zu misstrauen: Was aus Gatesi und Niyomugabo wird und mit welchen Augen sie von nun an in welche Zukunft sehen, das weiß kein Mensch.

Diese Problematik hat die bereits vor Serebrennikows Festnahme maßgeblich an der Produktion beteiligte Dramaturgin Ann-Christine Mecke vorausgesehen. Sie spricht davon, dass man den Darstellern "eine fremde Kunstform und eine ebenso fremde Geschichte" vorgegeben habe, mit einem Wort: dass man im ehemaligen Deutsch-Ostafrika partiell kolonialistisch verfahren sei. Serebrennikows ästhetisches Verfahren, seinem Stoff historische Bewusstseinsebenen und Sozialsysteme überzustülpen, hätte die Geschichte vermutlich ganz anders konterkariert. Diese Ebene fehlt nun. Was hätte Serebrennikow, der den Film als Eigenmotivation benutzen wollte, aus einer Szene gemacht, in der die Kamera unzählige Porträtbilder von den Opfern des Genozids 1994 zeigt? Fast eine Million Menschen starben damals in Ruanda. Und wie hätte er den produktiven inneren Widerstand von Ariane Gatesi gestaltet, die "lieber ein reiches Mädchen gespielt" hätte, wie sie aus dem Off erzählt?

Je mehr sich solches Material häuft in Stuttgart, desto offenkundiger empfindet man dies als ästhetische Lücke, als eklatante Leerstelle. Gewiss, das ist so gewollt – doch dabei riskiert die Aufführung das Umkippen ins Banale. Sowohl im afrikanischen wie im schwäbischen Teil des Films reichen sich Klischee und Kitsch die Hand, denn es fehlt schlicht der Regisseur, der die Verhältnisse – realistisch oder provokatorisch – ins rechte Maß setzt.

Das Ensemble der Oper Stuttgart stellt sich dem Unternehmen mit dem gewohnten Feuereifer, kann aber auch mit Können und Fleiß (das Staatsorchester unter Georg Fritzsch) nicht verhindern, dass am Ende vor allem ein Zeichen der Solidarität gesetzt worden ist. Nun warten Bühnenbild und Kostüme, fertig gebaut und vernäht, auf Kirill Serebrennikow, wie auch die Oper Hänsel und Gretel insgesamt. Einstweilen geht die Rohfassung der Produktion, in der ein paar Darsteller einschlägige "Free Kirill"- T-Shirts tragen, ins Repertoire, auch an Weihnachten. "To be continued", heißt es im Abspann. Halb Wunsch, halb Versprechen.