Mitten im Bundestagswahlkampf fehlten in Mecklenburg-Vorpommern so manchem die Worte, als herauskam, dass ausgerechnet die sozialdemokratische Ministerpräsidentin ihren Sohn in eine Privatschule schickt. Keine andere Einrichtung sei so schnell und sicher zu erreichen wie diese, erklärte Manuela Schwesig. So richtig glauben wollte ihr das keiner. Lokalmedien und politische Gegner waren sofort zur Stelle, um die staatlichen Alternativen aufzuzählen, die es in der Nähe von Schwesigs Zuhause in Schwerin gegeben hätte. Die Schulleitungsvereinigung und der Deutsche Lehrerverband witterten Misstrauen gegen das staatliche System.

Privat oder Staat? Diese Entscheidung spielt bei deutschen Eltern eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, dem eigenen Kind die bestmögliche Bildung zukommen zu lassen. Die Zahl der Privatschüler steigt in Deutschland seit Jahren kontinuierlich an. Knapp neun Prozent aller Kinder und Jugendlichen besuchten im Schuljahr 2015/16 eine der 3.628 allgemeinbildenden Privatschulen. Erkaufen sich privilegierte Schichten damit Bildungsvorteile für ihren Nachwuchs? Sind Privatschulen wirklich besser?

Man kann davon ausgehen, dass sich Eltern von der Entscheidung für eine Privatschule vor allem eine individuellere Förderung für ihr Kind erhoffen. Tatsächlich zählten Privatschulklassen im vergangenen Schuljahr durchschnittlich einen Schüler weniger, wie aus den Daten des Statistischen Bundesamts hervorgeht. Auch die "wöchentlich erteilten Unterrichtsstunden je Schüler" sind eine wichtige Kennzahl zur Beurteilung der Lernbedingungen. An Privatschulen wurden durchschnittlich zwei Unterrichtsstunden erteilt, an öffentlichen 1,6. Zur Erklärung: Je kleiner die Klassen, desto mehr Stunden – und im Idealfall mehr individuelle Zuwendung und Förderung – entfallen auf den einzelnen Schüler.

Schwieriger ist es, aus den großen schulischen Vergleichsstudien Aussagen über die Leistungen an den Privatschulen abzuleiten. Beim internationalen Vergleichstest Pisa haben Privatschüler nicht besser abgeschnitten als Schüler öffentlicher Schulen. Beim "Bildungstrend 2016", den das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) gerade vorgestellt hat, sind Privatschulen nicht gesondert ausgewiesen. Überprüft wurden die Deutsch- und Mathekenntnisse von Grundschülern am Ende der vierten Klasse. Alle staatlichen Schulen, die in die Stichprobe fielen, mussten an der Evaluation teilnehmen. Für Privatschulen hingegen war die Teilnahme in den meisten Bundesländern freiwillig. Es komme häufig vor, dass die freien Träger bei den Tests nicht mitmachen, teilt das IQB auf Anfrage mit.

Der Erziehungswissenschaftler Thomas Koinzer von der Humboldt-Universität Berlin hat im Sommer 2016 tausend Berliner Eltern zu ihrer Zufriedenheit nach dem ersten Schuljahr befragt. Sein Ergebnis: "Mütter und Väter, deren Kinder eine private Grundschule besuchten, sind etwas zufriedener mit der Ausstattung der Schule oder dem Engagement der Lehrer." Koinzer vermutet dahinter allerdings auch eine Art selbsterfüllende Prophezeiung: "Diese Eltern haben oft viel Mühe in die Suche der Schule gesteckt, außerdem zahlen sie Gebühren. Die Wahl, die sie getroffen haben, muss am Ende einfach die richtige gewesen sein."

Früher galten Schulen in privater Trägerschaft als Vorreiter bei der Umsetzung von alternativen pädagogischen Konzepten, etwa denen von Maria Montessori oder Rudolf Steiner. Viele reformpädagogische Elemente wie Epochenunterricht oder Wochenplanarbeit findet man heute auch an staatlichen Schulen. Vor allem Grundschulen haben sich viel von den Privaten abgeschaut. Die Bildungsforscherin Rita Nikolai, eine Kollegin Koinzers an der Humboldt-Uni, glaubt ohnehin, dass es heute seltener bestimmte Methoden oder Themen sind, die Eltern dazu treiben, ihr Kind an einer Privatschule anzumelden. Ausschlaggebend sei der Wunsch nach sozialer Segregation, vor allem in Großstädten wie Hamburg, Berlin oder Frankfurt. "Hier flüchten die Eltern aus dem öffentlichen System, weil sie nicht wollen, dass ihre Kinder von zu vielen Mitschülern aus Hartz-IV- oder Migrantenfamilien umgeben sind", sagt Nikolai. "Gesamtgesellschaftlich betrachtet, kann diese Spaltung nicht in unserem Sinne sein."

Am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) haben Wissenschaftler 2009 aus Daten des Sozio-oekonomischen Panels herauslesen können, dass der "Trend zu Privatschulen an bildungsfernen Schichten vorbeigeht". Es seien beruflich bessergestellte Eltern mit Abitur, die ihre Kinder zunehmend auf Privatschulen schicken, sagt Christa Katharina Spieß, Leiterin der Abteilung "Bildung und Familie" beim DIW. Der Anteil an Privatschülern, die aus bildungsnahen Elternhäusern kommen, sei zwischen 1997 und 2007 um 77 Prozent gestiegen. Bei Schülern mit einem bildungsfernen Hintergrund betrug der Anstieg nur zwölf Prozent. Spieß geht davon aus, dass die Ungleichheiten bis heute nicht abgenommen haben.

Stehen die Türen der Privatschulen nur einer Elite offen, die es sich leisten kann, sich in die Nische einzukaufen?