Als wir die Kirche betreten, setzen Handwerker gerade das letzte Element ein. Die Rosette der Wolfhagener Kirche wird neu verglast. "Noch nicht gucken", sagt Ursula Muth, als hätte die pensionierte Lehrerin eine Überraschung für ihre Schüler vorbereitet. Sie führt ihre Gäste in die Kirche, unter dem Gerüst hindurch, um die Bankreihen herum und sagt: "Kommen Sie, von hier drüben haben Sie den besten Blick!"

Am 19. September hat Ursula Muth einen Leserbrief verfasst, adressiert an die Redaktion von Christ&Welt. Oft schon habe sie sich geärgert über "die einseitigen und respektlosen Artikel zu Themen rund um die protestantische Kirche". In Ausgabe 36 aber seien wir zu weit gegangen. Mein Kollege Fabian Klask und ich hatten in dieser Ausgabe neun Lehren aus dem Lutherjubiläum gezogen. Ursula Muth fand unseren Text despektierlich. Sie fragte: "Hat ein Herr Leitlein ein einziges Mal versucht, ein attraktives kirchliches Angebot unserer Zeit entsprechend zu machen?"

Einen Tag später habe ich Ursula Muth geschrieben, wie es bei der ZEIT gute Tradition ist: Jeder Leserbrief wird persönlich beantwortet. Ich schrieb ihr, dass sie nicht die einzige Leserin sei, die sich über unsere Berichterstattung zum Reformationsjubiläum geärgert habe. Auch anderen waren unsere Beobachtungen zu kritisch, zu spitz, zu harsch. Ich versicherte Ursula Muth, dass wir darüber in der Redaktion sehr intensiv nachdenken, unsere Texte hinterfragen und uns von unseren Leserinnen und Lesern immer gerne korrigieren lassen. Ich habe ihr auch geschrieben, dass keine andere unabhängige Zeitung das Reformationsjubiläum so intensiv begleitet hat wie Christ&Welt, andere Medien und auch kircheninterne Kritiker waren zudem ebenfalls nicht gerade zimperlich in ihrem Urteil. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schrieb: "Luther – die Pleite des Jahres", die Süddeutsche Zeitung: "Die Kirche hat sich selbst überschätzt." Ich habe Ursula Muth geschrieben, dass ich sie gerne treffen würde.

Der Brief von Ursula Muth hat mich seither nicht in Ruhe gelassen. Immer wieder musste ich an ihre Worte denken, immer wieder bin ich durchgegangen, was in Christ&Welt zum Reformationsjubiläum erschienen ist. Immer mit der Frage: Haben wir etwas übersehen?

Vier Wochen nachdem Ursula Muth ihre Mail abgeschickt hat und kurz bevor die Lutherdekade nach fast zehn Jahren ihr Ende findet, bin ich zu ihr gefahren, nach Wolfhagen, etwa 30 Kilometer westlich von Kassel. Die Fotografin Julia Gunther, deren Bilder Sie auf dieser Seite sehen, hat mich begleitet. Ich wollte genauer wissen, was Ursula Muth auszusetzen hat an unserer Arbeit, wie eine normale Kirchengemeinde vor Ort das Reformationsjubiläum wahrgenommen hat und was ihre Idee für die Kirche der Zukunft ist.

An ihrem vulkanroten Auto würden wir sie erkennen, schrieb Ursula Muth – und dann steht sie da, die pensionierte Lehrerin, am Bahnhof, wie versprochen: gut erkennbar. Nicht nur ihr Auto ist rot, auch ihre Brille ist rot, ihr T-Shirt ist rot-weiß gestreift. Rot ist die Farbe des Reformationsjubiläums, Rot ist auch die Farbe von Ursula Muth.

So recht weiß die Vorsitzende des Wolfhagener Kirchenvorstandes nicht, worauf sie sich bei diesem Treffen eingelassen hat. Sie ist nervös. Ich versichere ihr, dass ich ihr nichts Böses will, dass mich ehrlich interessiert, was sie zu sagen hat, und bin selbst etwas verunsichert, welche Vorbehalte die 66-Jährige hat. Auf der Terrasse eines kleinen Restaurants, bei Flammkuchen und Apfelsaft aus der Region, unterhalten wir uns. Ursula Muth hat Flyer ihrer Gemeinde mitgebracht – und eine Menge Notizen. Sie will sich, ihre Kritik, aber vor allem ihre Kirche, erklären. In einer Mail nach unserem Treffen wird sie schreiben: "Es ist vielleicht der Reflex der Hausfrau, wenn Gäste kommen: Sie will etwas bieten." Ganz überwindet sie die Nervosität das ganze Treffen über nicht. Irgendwie scheint Ursula Muth fast ein wenig verwundert darüber, wie offen und ehrlich man sich mit einem Journalisten unterhalten kann.

Wir fahren in ihre Kirche. 55.000 Euro hat die neue Rosette über dem Nordportal der Wolfhagener Stadtkirche gekostet, erzählt sie. Viel Geld für eine Gemeinde mit 4.339 Mitgliedern. Etwa die Hälfte des Geldes wurde gespendet. Mit der Aktion "1517 x 15,17" hatte der Förderkreis Stadtkirche Wolfhagen dafür geworben, das Fenster der gotischen Kirche, die vor knapp 500 Jahren evangelisch wurde, neu zu gestalten. Ursula Muth gefallen die kräftigen Farben, das abstrakte Muster, das der Künstler Günter Grohs aus Wernigerode entworfen hat. Nur an die neuen Lichtverhältnisse muss Ursula Muth sich noch gewöhnen. Die alte Einfachverglasung ließ etwas mehr Sonne in die alten Gemäuer, die in den vergangenen Jahren Stück für Stück renoviert wurden. Aus einem Treppenhaus wurde eine kleine Nebenkapelle, im hinteren Bereich entstand die Möglichkeit, Kerzen anzuzünden. "Noch können wir’s uns leisten", sagt Ursula Muth. "In ein paar Jahren werden die Mittel knapp."

Ein Satz, den ganz ähnlich auch schon Margot Käßmann gesagt hat. Sie bezog sich auf das Lutherjahr. "Gott sei Dank haben wir zurzeit Kirchensteuereinnahmen, die uns ermöglichen, das Reformationsjubiläum so intensiv zu gestalten", sagte sie im Interview mit Christ&Welt. Das sehe in 20 Jahren vielleicht ganz anders aus. Hier kommen Wolfhagen und Wittenberg zusammen. Die Herausforderungen, mit denen sich die Kirche auf ihren verschiedenen Ebenen konfrontiert sieht, ähneln sich wie die Sätze der beiden Kirchenfrauen. Das Reformationsjubiläum hat im vergangenen Jahr so manches Problem der Ortsgemeinden offenbart und umgekehrt.

Die Wolfhagener sind Wittenberg in diesem Jahr ferngeblieben – wie so viele Gemeinden. Das hatten sich die Macher des Reformationsjubiläums anders vorgestellt. Doch für einen Tag schien ihnen die Reise zu weit, erzählt Ursula Muth, eine Übernachtung wäre vielen Senioren, die am ehesten Interesse an einer solchen Reise gehabt hätten, zu beschwerlich gewesen. Wie so viele Gemeinden in Deutschland hatten auch die Wolfhagener ein eigenes Programm im 500. Jahr von Luthers Thesenanschlag auf die Beine gestellt. Der Festgottesdienst in Wittenberg, die Kirchentage auf dem Weg, die Weltausstellung – nahezu alle Veranstaltungen blieben hinter den angekündigten Besucherzahlen zurück. Für Journalisten ein gefundenes Fressen?