Nach der sechsten Stunde fing mich Jörg noch im Treppenhaus der Schule ab. "Ey, schau mal", sagte er auf dem Weg nach unten, griff in seine Home-Boy-Jacke und steckte mir ein zusammengefaltetes Stück Zeitungspapier in die Hand.

"Tick sucht dich", stand darauf. Der i-Punkt des Schriftzuges war eine tickende Comicbombe. Ich schaute Jörg fragend an. "Ist das neue Jugendmagazin der Lokalzeitung", sagte er und tat ein bisschen genervt. "Die suchen Leute, die was schreiben. Mittwochabend, um sieben. Wir fahren mit den Rädern hin."

Ich überlegte. Am Mittwoch war eigentlich Leichtathletiktraining. Und was meine Eltern wohl davon hielten, wenn wir abends noch mit den Rädern über die Felder in die Stadt gurkten? Und warum wollte Jörg da unbedingt hin? Bei der Schülerzeitung konnten wir doch auch schreiben, was wir wollten.

Jörg sah mir meine Skepsis offenbar an und sagte: "Da bekommt man einfach so kostenlos CDs und Eintrittskarten für Konzerte, und ..." Jörg stockte kurz. "Und man kann sich auf die Gästeliste von den Clubs in Stuttgart schreiben lassen und kommt am Türsteher vorbei."

Konzerte, CDs, Gästeliste, Clubs, Stuttgart, das ergab natürlich total Sinn. Ich war elektrisiert.

Und schon saß ich auf meinem gerade erst vom Konfirmationsgeld gekauften lilafarbenen Mountainbike, auf dem Weg zur ersten echten Redaktionskonferenz meines Lebens. Ich ahnte damals nicht, dass ich meine Berufswahl in diesem Moment getroffen hatte.