Thomas Schirrmacher (57) ist noch häufiger unterwegs als der Papst. Der Bonner Theologe und Religionssoziologe lehrt als Professor in Rumänien und Indien. Er ist stellvertretender Generalsekretär und Cheftheologe der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA), die 600 Millionen Protestanten vertritt und ihren Hauptsitz in New York hat. Die WEA ist eine evangelikale Strömung innerhalb des Protestantismus, der nach eigenen Angaben in Deutschland etwa zwei Millionen Menschen angehören. Als theologischer Kopf des weltweiten Netzwerks geht Schirrmacher seit Langem auch im Vatikan ein und aus. Seit einigen Jahren ist dort Papst Franziskus sein engster Gesprächspartner.

Frage: Sie haben als Cheftheologe der Weltweiten Evangelischen Allianz einen direkten Draht in den Vatikan. Was für ein Verhältnis haben Sie zu Papst Franziskus?

Thomas Schirrmacher: Wir sind befreundet. Im Dezember, kurz vor seinem 81. Geburtstag, bin ich wieder zu einem privaten Besuch bei ihm. Wir duzen uns. Das klingt vielleicht eigenartig, ist aber ehrlich gesagt gar nichts Besonderes.

Frage: Wie bitte?

Schirrmacher: Die meisten obersten Kirchenführer weltweit haben seit Langem ein vertrauensvolles Verhältnis untereinander. Mit dem Papst ging das früher nicht. Da mussten sich ja sogar Kardinäle umständlich anmelden, wenn sie etwas von ihrem Chef wollten. Franziskus hat sozusagen den Normalzustand hergestellt. Die wichtigsten Kirchenvertreter haben heute einen heißen Draht zum Papst.

Frage: Wie muss man sich das konkret vorstellen?

Schirrmacher: Wenn das Telefon in der Früh um 8 Uhr klingelt und der Anrufer anonym ist, kann es gut sein, dass der Papst am Apparat ist. Er ruft spontan an, nach der Morgenmesse. Wir sehen uns aber noch häufiger persönlich. Er fragt dann: "Gibt es was?"

Frage: Und was sagen Sie dann?

Schirrmacher: Ich war mal mit einem Kollegen bei ihm, unsere Aktentaschen waren voll mit vorbereiteten Dokumenten. Franziskus sagte: Gebt die Akten bitte meinen Mitarbeitern und sagt mir, was euch auf der Seele brennt. Franziskus liebt es, die Tagesordnung beiseitezulassen und über das zu sprechen, was in dem Moment wichtig scheint. Das ist kein Smalltalk, sondern sehr intensiv.

Frage: Ist Franziskus ein Geschenk für Protestanten?

Schirrmacher: Ich denke schon. Das ist eine einmalige Chance. Man muss sich in der Ökumene nicht mehr wie in einem Fürstenhof mühsam nach oben arbeiten, sondern hat direkten Zugang. Franziskus macht das ja intern nicht anders. Wenn er etwas über Buddhismus wissen will, ruft er den zuständigen Fachmann im Vatikan an, der vorgesetzte Kardinal hat das Nachsehen. Diese Direktheit ist ein Schlüssel für die Ökumene und für das Verhältnis der Religionen miteinander.

Frage: Weil es einen Dialog auf Augenhöhe gibt?

Schirrmacher: Richtig. Zudem schaltet der Papst den in der Vergangenheit so enorm präsenten Machtfaktor einfach aus. Franziskus hat sich zum Beispiel vor dem orthodoxen Patriarchen Bartholomaios I. verbeugt und mit einer einzigen Geste Gleichwertigkeit hergestellt. Das ist bewundernswert.

Frage: Darf ein Protestant das Oberhaupt der Katholiken bewundern?

Schirrmacher: Ich bewundere Franziskus, weil er etwas versucht, was eigentlich nicht funktionieren kann. Er hat die Kurie als den sündigsten und korruptesten Ort der Welt bezeichnet und dabei fast die Worte Martin Luthers vor 500 Jahren gewählt. Franziskus hat der Kurie den Fehdehandschuh hingeworfen, diesen Mut bewundere ich. Aber ich unterscheide natürlich zwischen seinem Charakter, den lehramtlichen Positionen der katholischen Kirche und seinen Positionen.

Frage: Wo kontrastiert die Ansicht des Papstes mit der offiziellen Position seiner Kirche?

Schirrmacher: Ich denke an die Frage, ob wir Protestanten von katholischer Seite als echte Kirchen oder nur als kirchliche Gemeinschaften beurteilt werden. In den offiziellen Dokumenten werden wir als kirchliche Gemeinschaften bezeichnet. Franziskus sieht das völlig locker, er behandelt uns ganz selbstverständlich als Kirchen. Im Alltag sind solche Fragen abgehakt. Wenn sie in ein kirchenamtliches Dokument gegossen werden sollten, sähe es wahrscheinlich immer noch anders aus.