Nachdem wir 1993 unsere Koffer gepackten hatten, zogen wir von Russland nach Schleswig-Holstein, aber eigentlich in den Westen. Der Wohlstand diente gewiss als Anreiz, doch am wichtigsten war das Atmen: das offene Denken, die gesicherten Freiheitsräume und die Gewissheit, dass Minderheiten sich nicht den Mehrheiten unterwerfen müssen. Das war uns wie ein Luftzug nach Jahren der Atemnot – das Gefühl der Erleichterung und der Dankbarkeit zugleich. In der Auseinandersetzung zwischen Ost und West haben wir uns für den Westen entschieden. Nicht für Deutschland.

Heutzutage fällt es der deutschen Gesellschaft schwer, diese freiheitlich-liberale West-Orientierung zu verteidigen. Das gilt erst recht für diejenigen von uns, die nie eine Freiheitsdyspnoe erleben mussten. Vielleicht ist das auch der Grund für den Widerspruch, der sich in mir regte, als ich die Positionen von Jörg Lau und Bernd Ulrich in der vorigen Ausgabe der ZEIT ("Im Westen was Neues", Nr. 43/17) las: Die geschätzten Autoren verbrachten ihr Leben in einer Welt, in der es höchstens darum ging, wie viel Kohlenmonoxid es in der Luft geben darf, in der der Sauerstoff der Freiheit aber nie knapp war. Vielleicht führt diese gefühlte Normalität der Freiheit ja zu den Missverständnissen und Illusionen in ihrem Text.

Zu Missverständnissen: Die Autoren konstruieren eine falsche Dichotomie, sie tun so, als gäbe es nur zwei einander bekämpfende Denklager: die proamerikanischen Kettenanleger (die sie "Atlantiker" schimpfen) und die proeuropäischen Emanzipatoren. Doch das war nie die Absicht der Befürworter einer transatlantischen Strategie. Wir brauchen beides, eine Auskalibrierung der europäischen Emanzipation bei gleichzeitigem Bekenntnis zur Partnerschaft mit Amerika.

Unsere transatlantische Allianz umfasst längst nicht nur sicherheits- oder wirtschaftspolitische Fragen. Sie beinhaltet auch eine demokratisch-kulturelle Komponente. Sie ist Wertegemeinschaft und praktisches Netzwerk zugleich. Während auf der Netzwerkebene vieles möglich ist, ist die Ebene der Werte nicht verhandelbar. Bürgerrechte gehen vor Kollektivzwang, Kreativität geht vor Autorität. Dieser Geist ist der Anker der transatlantischen Gemeinschaft, er bewahrt uns vor unseren inneren Dämonen, der Demontage der Demokratie – und zwar auf beiden Seiten des Atlantiks. Unvorstellbar in China oder dem heutigen Russland.

Amerika, welchem wir "trotz alledem", (ZEIT Nr. 41/17) unsere Blicke zuwenden, ist ein Konzept. Es ist vielfältig, verrückt, streitbar und widersprüchlich. Es gebiert Trumps, aber auch Obamas. Vor allem aber beheimatet es unabhängige Gerichte, eine freie Presse und eine Zivilgesellschaft, welche Obama wie Trump mit Verve trotzen.

Nein, Trump ist nicht deswegen ein Präsident sui generis, weil er das Vertrauen der Deutschen enttäuscht, sondern weil er das Vertrauen in die amerikanische Demokratie verraten hat. Das ist kein Trend, das ist ein Bruch! Es gilt, diesem gefährdeten System Solidarität zu zeigen, nicht, ihm den Rücken zuzukehren.

So viel zu Missverständnissen. Nun zu Illusionen. Stellvertretend für viele Skeptiker basiert der Text von Lau und Ulrich auf zwei illusorischen Annahmen: Sie überschätzen Deutschland und unterschätzen sein geostrategisches Umfeld.

Wie die beiden Autoren scheinen viele Deutsche vor dem Hintergrund des amerikanischen Twitter-Präsidenten in den Sog der Selbstüberschätzung zu geraten. Sie wittern einen "Befreiungsschlag" und listen, wie Lau und Ulrich, die "Verrücktheiten" der Amerikaner auf: die "Kluft zwischen Arm und Reich", das "elitäre Bildungssystem", den "massiven Rassismus" oder "religiöses Sektierertum". Diese Vorhaltungen klingen so, als sei Deutschland im Gegensatz dazu eine florierende sozialistische Internationale. Ein kritischer Leser dürfte sich fragen, ob die Autoren der ZEIT schon mal von Armut oder Fremdenfeindlichkeit in Deutschland gehört haben? Eine amerikanische Leserin würde zudem mit Staunen feststellen, dass in Deutschland Kinder schon im zarten Grundschulalter für die Hauptschulen aussortiert werden. Auch würde sie Kirchensteuer und Religionsunterricht als eklatanten Verstoß gegen die Trennung zwischen Staat und Kirche betrachten.

Vor allem aber würde die staunende Amerikanerin sich über das wiedererwachte Selbstbewusstsein der deutschen Freunde wundern: Ein Drittel des Landes unterstützt antiliberale Parteien, knapp 60 Prozent der Menschen sehnen sich nach einem historischen Schlussstrich.

Die zweite Illusion liegt in der Fehleinschätzung des eigenen geostrategischen Umfelds. Dieses Umfeld ist nicht neutral. Deutschland befindet sich nicht in den Alpen der internationalen Politik, es kann nicht als "globale Schweiz" auf die Kontrahenten USA und Russland hinabschauen. Ob gewollt oder ungewollt, unser Land liegt im umkämpften Magnetfeld Mitteleuropa, mit Russland als einem und den USA als dem anderen Pol. Doch Trump und Putin unterscheiden sich in einem für uns entscheidenden Punkt: Trump ist ein gefährlicher Politiker, Putin ist Herrscher eines gefährlichen Systems.

Just zu diesem Zeitpunkt muss sich Deutschland geostrategisch entscheiden! Behält es seine transatlantischer Tradition bei, oder setzt es sich der Sogwirkung der antiliberalen Ideologie Russlands aus? Einen dritten Weg gibt es nicht. In diesem Magnetfeld käme eine Demontage des transatlantischen Verhältnisses einer Demontage unserer freiheitlichen Identität gleich.