Armin-Paul Hampel kann froh sein, dass er überhaupt im Bundestag sitzt. Zwar hat rechnerisch nie ein Zweifel daran bestanden, dass der Chef der Niedersachsen-AfD den Sprung ins Parlament schafft: Als Erster auf der Landesliste galt sein Einzug als sicher. Bis kurz vor der Wahl war jedoch nicht abzusehen, ob Hampels Landesverband überhaupt zur Wahl zugelassen würde. Gefälschte Briefe der Landeswahlleiterin waren aufgetaucht, die Staatsanwaltschaft ermittelte, Parteikollegen beschuldigten einander.

Wie keine andere Partei schimpft die AfD auf den "Berliner Parteienfilz": Kaum einer, der heute für die AfD im Bundestag sitzt, hat es sich im Wahlkampf verkneifen können, den etablierten Parteien Mauscheleien, Vetternwirtschaft oder gar Korruption vorzuwerfen. Dabei sind die gezinkten Wahlen im Berliner AfD-Landesverband kein Einzelfall – im Gegenteil: In der noch jungen Parteigeschichte ist es schon häufig zu Unregelmäßigkeiten bei internen Abstimmungen gekommen. In Nordrhein-Westfalen verschwanden Wahlzettel, in Rheinland-Pfalz beklagten Mitglieder unfaire Abstimmungen, im Saarland dominierte eine einflussreiche Familie zeitweise den gesamten Landesverband. Die AfD als Kritiker der politischen Seilschaften? Ein unglaubwürdiger Ankläger.

Im Fall von Niedersachsens AfD-Chef Armin-Paul Hampel geht die Geschichte so: Im Februar dieses Jahres trifft sich der Landesverband, um über die Liste der Kandidaten für die anstehende Bundestagswahl abzustimmen. Anstatt jene Liste wie üblich Landeswahlleiterin Ulrike Sachs zur Prüfung zu überlassen, treffen dort vorerst keine Unterlagen der AfD ein.

Druck in Niedersachsen und NRW

Im Juni dann, kurz vor Ablauf der Frist, tauchen auf der Internetseite der AfD allerdings zwei Schreiben auf, die den Eingang der Dokumente bei der Landeswahlleiterin bestätigen – sie tragen einen offiziellen Briefkopf und sind von Sachs persönlich unterschrieben. Doch Sachs meldet sich kurz darauf zu Wort: Sie habe die Dokumente nicht ausgestellt, es müsse sich um Fälschungen handeln. Die Staatsanwaltschaft schaltet sich ein, ermittelt gegen unbekannt. Die AfD bestreitet jede Beteiligung, erstattet sogar selbst Anzeige. Doch hinter vorgehaltener Hand äußern Mitglieder des Landesverbandes Zweifel: Sie vermuten, dass die gefälschten Dokumente mit Wissen des Landesvorstands angefertigt wurden.

Die Niedersachsen-AfD steht nicht allein da. Auch in Nordrhein-Westfalen mussten sich die Rechten für Absprachen während eines Parteitages rechtfertigen: Im September 2016 hatten Anhänger des ehemaligen Co-Landeschefs Marcus Pretzell in einer geheimen WhatsApp-Gruppe die Wahl befreundeter Mitglieder auf aussichtsreiche Listenplätze für die anstehende Landtagswahl organisiert. "Holt Eure Leute in den Saal. Das wird sonst knapp für Jan!"; "Alle rein jetzt, Blex fehlten gerade nur 13 Stimmen." Die Protokolle der Chats, die der stern veröffentlichte, lesen sich wie Sätze aus einem Theaterstück über Machtkämpfe und Intrigen in einer verkommenen Polit-Welt.

Auch in diesem Fall weisen Spuren auf eine Mitwisserschaft des Landesvorstands hin: Mehrere Mitglieder des Chats gehörten zu diesem Zeitpunkt selbst der NRW-Parteispitze an oder standen einflussreichen Kreisverbänden vor.