Die Junge Freiheit hat sich über die Jahre zum Sprachrohr der Neuen Rechten entwickelt, jener politischen Bewegung, die seit 2013 den Siegeszug der AfD flankiert. Seit die Partei einen Wahlerfolg nach dem anderen feiert und in Dresden Tausende die fremdenfeindlichen Pegida-Kundgebungen besuchten, verkauft ihr Gründer Dieter Stein, 50 Jahre alt, trotz Medienkrise stetig mehr Zeitungen. Stein bewegt sich seit über 30 Jahren in der Szene – und ist bei Weitem nicht ihr einziger Strippenzieher.

Seit es bei der Frankfurter Buchmesse rund um den Stand des Verlags Antaios zu Tumulten kam, steht wieder einmal dessen Verleger Götz Kubitschek im Mittelpunkt des medialen Interesses. Auf einem Rittergut im sachsen-anhaltinischen Schnellroda hat Kubitschek einen publizistischen Stützpunkt errichtet, inklusive einer eigenen Denkfabrik und einer Zeitschrift. Rund 100 eigene Bücher hat Antaios in den 17 Jahren seines Bestehens veröffentlicht, unter den Autoren finden sich Redakteure der Jungen Freiheit genauso wie mit Thor von Waldstein auch alte Größen aus dem NPD-Umfeld.

Der Kanon des Verlags stützt sich auf Theorieimporte aus Frankreich, die Kubitschek genau wie sein früherer Weggefährte Dieter Stein seit Jahren in den Szenediskurs einspeist. Und das aus gutem Grund: Während die extreme Rechte in Deutschland noch viele Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs auf Landserromantik und die Jahre zwischen 1933 und 1945 fixiert blieb und dadurch im gesellschaftlichen Abseits verharrte, diskutierten französische Rechte bereits in den sechziger Jahren, wie sie mit ihren Positionen in die gesellschaftliche Mitte vorstoßen könnten. Alain de Benoist, der Vordenker jener "Nouvelle Droite", integrierte Hegemonie-Erwägungen des marxistischen Theoretikers Antonio Gramsci in diese Debatten und öffnete den Blick der Rechten für Themen wie Ökologie ("Umweltschutz ist Heimatschutz") oder Wachstumskritik. Zentraler Punkt dieser Modernisierung ist das Narrativ des "Ethnopluralismus", dem zufolge jedes Volk einen bestimmbaren Wesenskern und einen historisch zugewiesenen (Wirkungs-)Raum habe. Ohne sich mit Parolen wie "Ausländer raus" diskreditieren zu müssen, können die Akteure so mit strukturanalogen Topoi öffentlichkeitswirksam an gängige Ressentiments der Globalisierungskritik anknüpfen.

In seinem Periodikum Sezession und dem gleichnamigen Weblog bestimmt Kubitschek nicht nur die Migration zum Gegner, die Deutschland "überfremdet bis zur Unkenntlichkeit". Als mindestens ebenso gefährlich benennt er die "Kaputtmacher und Kaputtprediger des Eigenen": Die Linken und Liberalen mit ihren Gleichheits- und Universalitätsversprechen, derentwegen das deutsche Volk "seelisch verkrüppelt" sei "durch eine auf Schuld, Schande und verbrecherisches Erbe fixierte Geschichtserzählung". Im Gespräch mit einem Reporter der New York Times räsonierte Kubitschek kürzlich mit Bezug auf den Souveränitätsbegriff des Staatsrechtlers Carl Schmitt über die Notwendigkeit eines "starken Manns", der das Parlament beseitigt und sich der Polizei und des Militärs ermächtigt, um die Politik der Regierung Merkel hinwegzufegen.

Doch Antaios und die Junge Freiheit sind nicht die einzigen Strategie-Schmieden der Neuen Rechten. Unsere Karte (siehe zweite Seite) zeigt eine Auswahl weiterer Thinktanks, Zeitschriften und Vereine, die sich in den vergangenen Jahren gegründet oder popularisiert haben. Hier werden Nachwuchskader geschult, Kampagnen geplant und durch Reden und Aufsätze Tabubrüche geübt, mit denen die Grenze des Sagbaren immer weiter nach rechts verschoben werden soll. Die einzelnen Institute, Medien und Zeitschriften sind eng miteinander verbunden: Der Geldgeber des einen finanziert auch die Vorhaben des anderen, der ehemalige Redakteur dieser Zeitung arbeitet heute für jene Organisation. Dauernd präsent sind in diesem Umfeld die völkisch-nationalen Vertreter der AfD. Sie tauschen sich aus mit den Aktivisten der Identitären Bewegung und besuchen Veranstaltungen des verschwörungstheoretischen Querfront-Magazins Compact. Auch stehen sie in Kontakt zu stramm rechten Burschenschaftern.

Nicht alle aufgeführten Institutionen sind unter dem Deckmantel der erstarkenden AfD entstanden – wie Steins Junge Freiheit gab es manche von ihnen schon lange vorher. Doch gehen auch die etablierten Denkfabriken nun Allianzen mit den Neuen Rechten Organisationen ein. So geschehen im Fall des Studienzentrums Weikersheim (SZW), das seit dem vergangenen Jahr mit dem "Verein zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und bürgerlichen Freiheiten" kooperiert. Der Verein unterstützt den Wahlkampf der AfD mit Millionenbeträgen und gibt seit Kurzem das rechte Boulevard-Blatt Deutschland-Kurier heraus, das aktiv für die junge Partei wirbt. Angebahnt wurde die Zusammenarbeit mit dem SZW in der Bibliothek des Konservatismus in Berlin. Der Leiter der Bibliotheks-Stiftung ist praktischerweise auch Mitglied im Studienzentrum Weikersheim: Dieter Stein.

Doch Stein arbeitet nicht nur als Journalist – er leitet auch die Förderstiftung der Bibliothek für Konservatismus mit Sitz nahe dem Berliner Zoo. Neben dem umfangreichen Katalog rechter Literatur bieten Steins Leute regelmäßig Vortragsabende mit prominenten Vertretern der Szene an. Das Personal hat Stein aus ehemaligen Angestellten der Jungen Freiheit rekrutiert. Andere Mitarbeiter seiner Zeitung wechselten hauptberuflich in die Reihen der AfD.