Zwischen Tannenwäldern und hügeligen Graslandschaften galoppieren Pferde. Ein Hauch von Prärie im hessischen Merzhausen. Hier lebt Hans Müller mit seiner Frau Eva in einem Fachwerkhaus. Die nächste Stadt, Marburg, ist knapp 40 Kilometer entfernt. Ohne Führerschein wird die Dorfidylle zum goldenen Käfig.

Früher hatten die Müllers einen Entsorgungsdienst. Das Geschäft lief gut. Dann kracht Hans Müller 2010 mit 1,0 Promille und seinem Auto in einen Zaun. Bereits zehn Jahre zuvor ist er mit Alkohol am Steuer erwischt worden. Auch Eva Müller fährt betrunken Auto. Polizeikontrolle. Lappen weg. Trotz Führerscheinentzug fährt sie wieder und wird erneut angehalten. Konsequenz: Beide müssen zur Medizinisch-Psychologischen Untersuchung (MPU), um ihre Fahrtüchtigkeit zu beweisen. Gesamtkosten: 7.000 Euro. Viel Geld für die Müllers, die im wirklichen Leben andere Namen haben. Die Sache mit den Führerscheinen ist für die beiden blöd gelaufen. Nun wollen sie andere warnen.

Im Sommer 2013 sucht Hans Müller nach einer günstigeren Lösung und findet die Seite fs-wiedererteilung.de. Dort werden Führerscheine aus England für 1.200 Euro angeboten. Ohne Prüfung. Ohne Reise auf die Insel. Mit der sogenannten Führerscheinwiedererteilung "legal, sicher, schnell & günstig" wieder mobil sein, so das Versprechen. Das Angebot wirkt auf Hans Müller seriös, er bestellt zwei Führerscheine, einen für sich und einen für seine Frau. Auf die wartet er bis heute.

Im Impressum der Homepage findet sich bis heute der Name Rolf Herbrechtsmeier. Fast 80 Domains laufen auf seinen Namen, darunter viele mit ähnlichen Schlagwörtern wie EU-Führerschein oder Führerscheindiscount, aber auch Seiten für Brustvergrößerungen oder humane Sterbebegleitung. Auf vielen wirbt Herbrechtsmeier für Führerscheine aus Osteuropa: Der ungarische Schein kostet 3.000 Euro, die tschechische Variante gibt es für 500 Euro weniger. Ein Rundum-sorglos-Paket mit offiziellem Wohnsitz im entsprechenden Land, assistierten Behördengängen und Fahrprüfung.

Doch kann man sich trotz MPU-Anordnung einen gültigen Führerschein aus dem Ausland holen, wie Herbrechtsmeier verspricht? Zumindest eine gewisse Katharina Jolanda berichtet in ihrem Blog von positiven Erfahrungen. Alles sei legal und seriös, "von Betrug keine Spur". Überprüft man die Domain des Blogs, stößt man als Inhaber auf Rolf Herbrechtsmeier.

Derzeit ermittelt die Staatsanwaltschaft Detmold wegen des Verdachts auf gewerbsmäßigen Betrug gegen Herbrechtsmeier. Offenbar bleiben potenzielle Kunden in vielen Fällen auf den Kosten sitzen, ohne neue Führerscheine zu erhalten.

Das europäische Führerscheinrecht enthält nebulöse Grauzonen, kollidierende Zuständigkeiten, sich widersprechende Gerichtsurteile. Was gerade noch legal und was schon "Fahren ohne gültige Fahrerlaubnis" ist, durchdringen selbst Experten kaum. Wird einem deutschen Fahrer wegen Drogen oder Alkohol (ab 1,6 Promille) der Führerschein entzogen, bekommt er diesen erst nach einer Sperrfrist und bestandener MPU wieder. Eine solche Prüfung gibt es in kaum einem anderen EU-Mitgliedstaat. Ein potenzielles Schlupfloch für deutsche Verkehrssünder. Denn prinzipiell müssen Führerscheine innerhalb der EU gegenseitig anerkannt werden.

Allerdings sind die Staaten zunehmend besser vernetzt. Ein Abstecher nach Tschechien, dort günstig den Führerschein machen und so die MPU umgehen? Das war einmal.

Wer einen Führerschein aus Tschechien haben möchte, muss so tun, als würde er dort leben

Um Führerscheintourismus zu bekämpfen, hat die EU die Regeln verschärft. Sie greifen aber nur, wenn die jeweiligen Behörden auch kontrollieren, ob zum Beispiel gegen einen deutschen Bewerber ein Fahrverbot im Heimatland vorliegt und ob er wie vorgeschrieben einen ordentlichen Wohnsitz im Ausstellerstaat nachweisen kann. Wer einen tschechischen Führerschein haben möchte, muss mindestens 185 Tage im Jahr zum Beispiel in Pilsen oder Prag leben.

Auf Anfrage teilt das Bundesverkehrsministerium mit: Führerscheintourismus ist seit 2006 rückläufig. "Grundsätzlich funktioniert die Kooperation mit den jeweiligen Behörden", heißt es weiter.

Die Müllers hingegen hofften auf das Schlupfloch. Am 26. August 2013 überweist Hans Müller die erste Rate für sich und seine Frau. Eine Odyssee beginnt.