Manche Filme sieht man gern, weil einem die Figuren darin unangenehm sind – man bleibt ihnen aus Verachtung treu. Anderen Filmen verfällt man, weil ihre Figuren einem nahe sind – man schaut aus Zuneigung zu. Und schließlich gibt es Filme, von denen man nicht loskommt, weil man bis zum Schluss nicht weiß, ob man die Figuren darin verachtet oder liebt. Casting gehört zu dieser Sorte.

Der Zuschauer windet sich, weil er sich schämt: dafür, wie sich die Figuren verhalten; dafür, wie sehr er sich mit ihnen identifiziert; dafür, dass er Freude an ihrer Zwangslage hat; und dafür, dass er so froh ist, nicht mitspielen zu müssen.

Das Mitspielen ist aber das Thema von Nicolas Wackerbarths Film. Die Figuren arbeiten in einem Gewerbe, dessen Angehörige nicht abends nach Hause kommen und einen Job hinter sich lassen. Sie kennen diese Trennung nicht. Sie verkaufen nicht ihre Arbeitskraft auf dem Markt, sondern sie müssen voll und ganz gefallen, sie verkaufen sich selbst.

Die Ausgangslage: Vier Schauspielerinnen bewerben sich um die Hauptrolle in einem Remake von Rainer Werner Fassbinders Film Die bitteren Tränen der Petra von Kant. Die Regisseurin kann sich nicht zwischen den Kandidatinnen entscheiden und hält das Rennen aus Unentschlossenheit offen. Sie weiß nicht, dass ihr Produzent die Rolle schon einer bestimmten Darstellerin zugesagt hat. Die Bündnisse, die in diesem Milieu geschmiedet werden, sind nicht haltbar. Einverständnis ist nur auf der Bühne möglich. Über den, der die Bühne verlässt, wird augenrollend gesprochen wie über einen schwierigen Fall.

Man lernt aus diesem Film: Das Drama des darstellenden Gewerbes (und unser aller Drama) liegt in der völligen Vermischung des Privaten und des Geschäftlichen. Auf beiden Ebenen im Reinen mit sich zu sein ist fast unmöglich. Wenn Menschen um ihren Status und ihr Gesicht ringen, ist es wahrscheinlich, dass sie das eine behaupten und das andere verlieren.

Casting ist ein Ensemblefilm im besten Sinn – alle Darstellerinnen und Darsteller sind grandios, keinen möchte man sich wegdenken, gemeinsam haben sie den Film ohne detailliertes Drehbuch improvisiert, nach vager Weisung des Regisseurs in die gewünschte Richtung. Man bekommt hier einen Begriff vom eigentlichen Reichtum des deutschen Theaters, denn in der Rolle der nach Arbeit suchenden Schauspielerin sind Meisterinnen zu sehen.