Die Gurlitt-Affäre beschäftigte die Bundesrepublik in den Jahren 2013 und 2014 wie kein anderes Ereignis, das mit Kultur zu tun hatte, sie riss das Thema des Nazi-Kunstraubs und die Frage nach Rückgabe entwendeter Objekte endgültig in die große Öffentlichkeit, sie schreckte deutsche Museen und Privatsammler auf und war am Ende Anlass, eine relativ junge wissenschaftliche Disziplin mit viel Geld und gesellschaftlichen Erwartungen auszustatten: die Provenienzforschung.

Seither ist das Verhältnis zu Kunstwerken ein anderes in Deutschland, ein befangeneres. Gurlitt und sein scheinbar mit Raubkunst schwer kontaminierter Bilderfundus wirkten wie ein Katalysator. Doch der Fall wurde nicht durch kluges Krisenmanagement gelöst, wie die Politik später glauben machen wollte. Vielmehr strapazierte er die schlechtesten Eigenschaften der Behörden. Der Schweizer Autor Maurice Philip Remy meint, die Bewältigung der Affäre Gurlitt war durch ein eklatantes Fehlverhalten der bayerischen Justiz, des Zolls – und auch der Behörde der Bundesbeauftragten für die Kultur erkauft.

In seinem Buch erhebt Remy nachträglich schwere Vorwürfe. Er moniert Verstöße gegen das Verfahrensrecht und eine Voreingenommenheit gegen den Beschuldigten fast bis zur Rechtsbeugung. Irritationen über das brachiale Verhalten der ermittelnden Staatsanwaltschaft gegen Cornelius Gurlitt, der offenbar außerstande war, sich zu verteidigen, der verwirrt war und schwer erkrankt, hatte es auch anfangs bereits gegeben. Der Achtzigjährige, das wurde ebenfalls bald sichtbar, eignete sich nicht zur Dämonisierung, war weder ein Altnazi noch der Kopf eines Hehlersyndikats, das mit Raubkunst handelte, wie Zoll und Justiz offenbar glaubten. Remy sichtete Ermittlungsakten, den Nachlass Gurlitts sowie Behördenkorrespondenzen. Und er führte eine Unzahl von Gesprächen mit damals Beteiligten. Sein Buch ist zum größten Teil aus den Quellen gearbeitet. Das verleiht ihm Gewicht.

Die Sammlung umfasst Familienstücke, ein paar spektakuläre Impressionisten sowie den Restbestand des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, des Vaters von Cornelius. Dass Hildebrand kein überzeugter Nazi war, ist inzwischen unstrittig. Er war politisch angeekelt, lief aber hurtig mit. Wenn es Remys Intention war, Gurlitts Vater zu rehabilitieren, rennt das Buch teils offene Türen ein. Zuweilen zeichnet es aber auch ziemlich weich. Das Leben dieses Opportunisten wider Willen lässt sich ethisch durchaus strenger bewerten.

Verdienstvollerweise wird erstmals auch Cornelius eine eigene Lebensbeschreibung zuteil. Leider ist es eine betrübliche Lektüre. Der Sohn konnte sich von seinem agilen und zum Teil auch brillanten Vater nur durch Flucht in Fantasiewelten befreien, wurde zum Misanthropen. Kenntnisreicher und doch eigentümlich achtloser Hüter der Sammlung, war er exzentrisch, ohne Anzeichen von Genialität zu zeigen. Sobald er Geld benötigte, verkaufte er Bilder, dreimal bei Kornfeld in Bern, später auch bei Lempertz in Köln. Maurice Philip Remy erzählt auf 669 Seiten ein deutsches Familienepos, allerdings ein tragisches. Die Gurlitts, deutsches Kulturpatriziat, sie waren wie die Buddenbrooks ohne Poesie.

Was dann der deutsche Staat von November 2013 an anstellte, als die Öffentlichkeit von der Beschlagnahmung der Sammlung erfuhr, fasst Remy wie folgt zusammen: "In dieser Situation wurde der Hype um Cornelius Gurlitt und die bei ihm beschlagnahmte Sammlung seines Vaters von den Verantwortlichen instrumentalisiert, um von den eigenen Versäumnissen abzulenken." Vorausgegangen waren eine Observierung Gurlitts sowie die Durchsuchung seiner Wohnung. Bereits den Durchsuchungsbeschluss vom 23. September 2011 hält Remy für rechtswidrig, es habe weder Hinweise auf eine konkrete Straftat gegeben, noch sei der Tatzeitraum eingegrenzt worden.

Remy nennt Namen: Zollamtsrat Bernhard Haller habe in offenbarer Unkenntnis der Rechtslage einen besonders "dicken Fisch" fangen wollen, während der Augsburger Staatsanwalt Johannes Ballis den Verdacht auf Steuerhinterziehung und Geldwäsche auch dann noch inbrünstig verfolgte, als sich diese Vorwürfe gegen Gurlitt gar nicht mehr halten ließen.

Raubkunst konnte in der Sammlung bisher kaum gefunden werden

Niemals galt die Unschuldsvermutung in diesem Fall. Besonders bedrückend wirkt, dass die ermittelnden Behörden jahrelang von der Unrechtmäßigkeit des Besitzes der Bilder ausgingen, auch hier die geltende Rechtslage missachtend, denn schon Anfang 2012 hatte die Münchner Kunsthistorikerin Andrea Bambi intern darauf verwiesen, dass der Besitz "entarteter Kunst" keineswegs illegal sei.

Zu diesem Zeitpunkt lagen sichere Erkenntnisse über Raubkunst in der Sammlung noch gar nicht vor. Und auch der Besitz von Raubkunst ist keineswegs strafbar. Gurlitts Sammlung hätte also sofort zurückgegeben werden müssen. Indessen blieb sie zwei Jahre in Gewahrsam.

Dass Gurlitt keinen Pflichtverteidiger an die Seite gestellt bekam, obwohl Staatsanwalt Ballis den Beschuldigten persönlich gesprochen hatte und seinen verwirrten Zustand kannte, ist nach Remy ein weiterer Mosaikstein in dem Skandal.

Im Laufe der kommenden Jahre stellte sich heraus, dass der Anteil der Raubkunst verschwindend gering war. Bis heute sind sechs Bilder identifiziert, von fast 1600 Werken. Ein verschwindend geringer Anteil, weniger, als in manchen deutschen Museumssammlungen zusammenkommt.

Gurlitts Sammlung eignete sich nicht dazu, exemplarisch Nazi-Unrecht zu beseitigen. Aber genau diesen Zweck musste sie erfüllen. Remy spricht von einer "Desinformationskampagne": Jahrzehntelang sei die Bundesrepublik mit dem Raubkunst-Problem zögerlich verfahren, Museen hätten sich der Pflicht zur Provenienzrecherche in den eigenen Beständen entzogen, und dann sei ausgerechnet Gurlitt dazu missbraucht worden, vor der Weltöffentlichkeit Tatkraft zu simulieren.