Es ist ein herbstgoldener Morgen in Berlin-Prenzlauer Berg. Die Sonne funkelt. Die Menschen holen sich die letzten Wärmestrahlen ab, bevor sich die nasskalte Jahreszeit über Deutschlands Straßen legt. Wir treffen Oliver Bottini, einen der profiliertesten deutschen Krimiautoren, in seinem Kiez. Der gebürtige Nürnberger lebt seit 2008 in Berlin und hat uns zu einem Ritual eingeladen: Jeden Tag geht der 52-jährige Autor in ein Café, um die Aufbruchsstimmung des noch unschuldigen Morgens zu genießen. "Diese Cafébesuche helfen mir durch den Tag", sagt Bottini in einem leisen, samtweichen Ton. Das helfe gegen die Isolation des Schriftstellerdaseins. Nach dreißig Minuten gehe er für gewöhnlich zurück in seine Wohnung und widme sich dem Schreiben.

Im Rauschen der Cappuccino-Pumpen geht Bottinis Stimme fast unter. Der Autor ist ein sportlicher Mann. Sein Körper ist drahtig, seine Begeisterung für Kung-Fu und Ashtanga-Yoga spiegelt sich in seinen festen Armen. "Bis ich zur Kriminalliteratur gekommen bin, hat es ein wenig gedauert", sagt Bottini. 39 Jahre alt war er, als sein Debüt erschien – dann aber gleich mit großer Wucht: Sein Erstling Mord im Zeichen des Zen verkaufte sich über 125.000 Mal. Er erhielt 2005 den Deutschen Krimi Preis. Ein rasanter Erfolg, der nicht mehr abbrechen sollte und den Schriftsteller ins Zentrum der anspruchsvollen Krimi-Szene katapultierte.

An aufgeben war nicht zu denken

"Ich hatte viel Glück. Aber das war nicht immer so", sagt Bottini und schildert seine schwierigen Anfänge als Autor und als Mensch. In jungen Jahren plagten ihn Depressionen, eine typische Künstlerkrankheit, bei der man nie so richtig weiß, ob sie vom Schreiben kommt oder zum Schreiben führt. Für ihn sei Letzteres der Fall gewesen: "Wenn man einen Hang zur Schwermut hat, ist Schreiben eine Möglichkeit der Gefühlsverarbeitung. Man baut eine Geschichte. Und wenn andere Leute sie lesen, wissen sie ja nicht, welche Probleme mit dem Autor zu tun haben. So kann man eigene Abgründe verarbeiten, ohne sich nackt zu machen."

Wenn Bottini über seinen Werdegang spricht, merkt man, dass er Stolpersteine überwinden musste bis zum Durchbruch: Nach einer rastlosen Jugend und Auslandsaufenthalten in Neuseeland und Australien begann er 1994 ein Studium der Germanistik, Italianistik und Markt- und Werbepsychologie an der Universität München. Doch das Schreiben ließ ihn nicht los. Er verdingte sich als freier Lektor und lernte durch die Arbeit mit fremden Texten, welche literarischen Stile er mochte und welche nicht. Zusätzlich schlug sich der Student als freier Sachbuch-Autor durch. Bottini schrieb ein Auftragswerk für die TV-Soap Unter uns, während er privat mit literarischen Formen experimentierte. 1999 bekam er sogar für einen Romananfang das Literaturstipendium der Stadt München.

Doch aus dem Projekt wurde nichts. Bottini verzettelte sich, war noch nicht bereit für einen Roman. An aufgeben war trotzdem nicht zu denken. Er schrieb weiter, nahm an Schreibseminaren teil, übte, wurde besser, stilsicherer, reifer. Der Zufall war es schließlich, der ihn zum professionellen Schriftsteller machte: Nachdem Bottini 2002 ein Sachbuch über den Zen-Buddhismus veröffentlicht hatte, fragte ihn seine Lektorin, ob er sich vorstellen könne, über das gleiche Thema einen Kriminalroman zu schreiben. "Es sollte um Japan gehen. Ich willigte ein und verfasste drei Probekapitel. Damals hatte ich bereits eine ganz klare Vision von meinem Stil und meinem Schreiben. Ich sagte mir, wenn die das so wollen, dann ist das super, aber wenn nicht, ist das auch nicht schlimm." Das Ergebnis überzeugte: Am Ende ist aus der Japan-Idee eine Geschichte um einen japanischen Mönch geworden, der im Freiburger Umland umherirrt und dabei ein dunkles Geheimnis hütet. Es war der Auftakt der erfolgreichen Krimi-Reihe um die Hauptkommissarin Louise Bonì, eine geschiedene 42-jährige Beamtin der Freiburger Kripo, die nun seit sechs Romanen komplexe, mysteriöse Mordfälle löst.

Bottinis Augen beginnen zu funkeln. Plötzlich zeigt sich, dass es der Autor ernst meint mit seinem Genre, dass er es verteidigen will gegen all die Klischees, gegen die Heimatautoren und phrasendreschenden Provinzschreiber, die ihre Bücher millionenfach verkaufen und doch nichts Neues erzählen. "Beim Schreiben bin ich kompromisslos. Wenn ich etwas mache, dann nur so, wie ich es will", sagt er entschieden. Krimi-Klischee ist das einzige Wort, bei dem Bottini merklich aufzuckt; bei dem er verstört zur Seite blickt. In seinen Büchern meidet er konventionelle Plots und Dialoge wie eine literarische Krankheit.

Dabei ist es einer historischen Entwicklung zu verdanken, dass sich so ein komplexer Autor wie Bottini im schnelllebigen Krimi-Segment durchsetzen konnte: Bei der Veröffentlichung seines ersten Romans im Jahr 2004 war das Lesepublikum gerade im Begriff, sich an anspruchsvolle europäische Kriminalliteratur zu gewöhnen. "Den Verlagen wurden amerikanische Autoren zu teuer. Deswegen waren sie auf der Suche nach heimischen." Zudem habe die Literatur von Henning Mankell und dessen Geschichten um den miesepetrigen Kommissar Kurt Wallander das europäische Krimi-Genre fundamental verändert: "Mankell hat gezeigt, dass man moderne Kriminalromane schreiben kann, die nicht irgendwie Mainstream oder blöde sind, sondern gute Geschichten erzählen und soziale Hintergründe porträtieren, die wichtig sind für die Gesellschaft."

"Man muss differenzieren"

Zu den Werken, die Bottini am meisten beeinflusst haben, gehören Mankells Die fünfte Frau, Mittsommermord und Die falsche Fährte. Daneben haben ihn zwei Kriminalromane besonders geprägt: Don Winslows Tage der Toten und später Peter Temples Wahrheit. Beides Werke, die sich durch ein hohes sprachliches Niveau, poetische Sperrigkeit und eine dichte Atmosphäre auszeichnen. "Es gibt viele Leute, die mögen das nicht. Dabei zeugen diese Bücher von Mut. Da hatte ein Autor eine Vision, ein ästhetisches Konzept, das er umgesetzt hat. Das finde ich toll."

Wenn es etwas gibt, das Bottinis ästhetischen Anspruch auszeichnet, dann ist es das Ringen um Gerechtigkeit, Komplexität, Wahrheit. Seine Sprache ist klar, sein Stil düster. Nur vordergründig beschäftigen sich seine Bücher mit einem Kriminalfall. Tatsächlich ist jedes Werk eine bohrende Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. In seinem Krimi Im weißen Kreis seziert Bottini die Neonazi-Szene. Der kalte Traum behandelt Kriegsverbrechen der Kroaten, die das Klischee von Gut und Böse im Jugoslawienkrieg infrage stellen. Das verborgene Netz thematisiert deutsche Rüstungsexporte durch den Bundesnachrichtendienst. Es geht immer um das, was versteckt, vertuscht werden soll. In seiner multiperspektivischen Erzählweise macht Bottini dem Leser klar, dass durch das langsame Abtasten der Wirklichkeit so etwas möglich ist wie eine Rekonstruktion von Wahrheit. "Ich bin ein Faktenfanatiker. Mich interessiert, was wirklich passiert ist. Ich glaube an die historische Wahrheit." Gerade heute, im Kampf gegen die Lüge, die sich politisch durchzusetzen beginnt, werde die Kraft der Literatur so gebraucht wie nie zuvor: "Man muss differenzieren. Das ist die einzige Chance, um eine Demokratie am Leben zu erhalten."

Er will besser sein als der krimiliterarische Durchschnitt

Auch sein neuester Roman hat einen politischen Hintergrund, der in feinen Nuancen durchleuchtet wird: In dem Buch Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens geht es um Landraub in Rumänien. Bottini zeigt, wie ausländische Konzerne rumänischen Bauern ihr Land abkaufen und lokale Strukturen auf den Kopf stellen. Aufgezogen wird die Geschichte am Mord eines jungen Mädchens, der Tochter eines Industriellen, der aus Mecklenburg-Vorpommern nach Rumänien gezogen ist, um sein Vermögen zu vermehren. Er sieht sich bedroht durch die Konkurrenz – durch arabische Investoren, die ihm sein Ackerland abkaufen wollen, um eigene Produkte günstig ins Ausland zu verkaufen. Auf 500 Seiten schildert Bottini nicht nur einen Mordfall, sondern auch die Probleme einer Familie, das Schicksal eines frustrierten Kommissars und den Niedergang eines Dorfes. In Spiegelungen und Brechungen kommt Schritt für Schritt die Wahrheit ans Tageslicht, so sperrig und porös, wie sie sich auch im Alltag zeigt.

Bei mir geht es ja eigentlich nicht um die Täter, sondern immer um die Menschen, die mit dem Verbrechen in Kontakt kommen
Oliver Bottini

Bottini hat sich lange mit dem Thema des Landraubs auseinandergesetzt. Er fuhr nach Rumänien, in die Gegend um Temesvár, um sich deutsche Betriebe anzuschauen und mit lokalen Bauern und Aktivisten zu sprechen. Auch mit einem rumänischen Kriminalbeamten hat er sich getroffen, um die Polizeiarbeit seines Kommissars Cozmar – wie viele von Bottinis Protagonisten ein vom Leben gezeichneter, geschiedener Alleingänger – so realistisch wie möglich darzustellen. Das Famose an dem Werk ist seine Atmosphäre: Es geht vor allem um Stimmungen, die sich durch kurze, konfliktgeladene Dialoge ins Bewusstsein bohren. Genau das interessiert Bottini: die Zwischentöne, das psychologische Moment, der menschliche Makel. "Bei mir geht es ja eigentlich nicht um die Täter, sondern immer um die Menschen, die mit dem Verbrechen in Kontakt kommen: Menschen, die versehrt sind und ein tiefes Leid mit sich herumtragen."

Bottinis Augen funkeln. Da ist es wieder, dieses Bedürfnis, es anders und besser zu machen als der krimiliterarische Durchschnitt. Der 52-Jährige will das ganze Potenzial des Genres nutzen, um in die Abgründe des Menschen, die versteckten Traumata der deutschen Gesellschaft zu blicken. Zwei seiner Romane wurden bereits für die ARD verfilmt. Das ergibt Sinn: Denn Bottinis Bücher zeichnen sich durch eine schnelle, pointierte, geradezu filmische Sprache aus. Sie sind nüchtern und präzise, schnörkellos und stimmig komponiert. Und wie sieht es der Autor? Gibt es eine Parallele zwischen seiner Erzähltechnik und dem Medium Fernsehen? Bottini zaudert. "Die meisten Fernsehkrimis sind schlecht. Ich schaue auch keinen Tatort mehr", sagt er. Er interessiere sich nur noch für komplexe Fernsehserien aus dem Internet. "Breaking Bad fand ich klasse, auch Ray Donovan und The Wire. Ich schätze solche gut gemachten Serien sehr. Das gilt genauso für Game of Thrones. Gerade in den ersten Staffeln ist es erstaunlich, wie perfekt die Dialoge gebaut sind. Da kann ich als Autor viel lernen."

Kein Wunder also, dass Bottini bereits an einer eigenen Fernsehserie tüftelt. Eine Produktionsfirma hat die Idee gekauft, jetzt muss sich nur noch ein Sender finden, der sie produziert. Die Begeisterung des Autors für Netflix ist aber nicht ganz ohne Widerspruch. Denn er weiß, dass die aufwendigen Internet-Serien in Teilen dafür verantwortlich sind, dass die Verkäufe von Taschenbüchern, gerade im Krimi-Bereich, drastisch zurückgehen. Die Menschen sitzen vor dem Laptop anstatt vor einem Roman. Das geht auch auf Kosten der unabhängigen Buchhandlungen. Deswegen hat Bottini die Lesereihe Das Buch wird laut gestartet, bei der er mit anderen Krimiautoren in Berliner Buchläden honorarfrei aus seinen Werken liest. Bei aller Furcht vor der Entwicklung auf dem Buchmarkt will der Autor dennoch nicht in blanke Kulturkritik verfallen: Er sei besorgt, schaue aber neugierig in die Zukunft: "Ich habe in der Kriminalliteratur meine Nische gefunden. Hier fühle ich mich wohl." Bottinis nächster Fall: Er kommt bestimmt.

Oliver Bottini: Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens.
DuMont Buchverlag, Köln 2017; 512 S., 22,– €, als E-Book 17,99 €. Erscheint im November