Die Erasmus-Koordinatorin der Universität Münster erklärt, warum die Hochschule weiterhin Studenten in die Türkei schickt.

DIE ZEIT: Frau Karidio, obwohl deutsche Wissenschaftler in türkischen Gefängnissen sitzen, sind gerade wieder neun Studierende der Uni Münster in die Türkei aufgebrochen. Warum schicken Sie, als Erasmus-Hochschulkoordinatorin, weiterhin Ihre Studenten dorthin?

Nina Karidio: Wir halten es für keine gute Idee, unsere Kooperationen mit den türkischen Universitäten jetzt aufzukündigen. Wir brauchen den Dialog, den Austausch mit der türkischen Wissenschaft. Einige unserer türkischen Gastwissenschaftler und Doktoranden wurden zum Beispiel in die Türkei zurückbeordert, und eine türkische Partneruniversität unseres Instituts für Politikwissenschaft wurde komplett geschlossen. Bislang gab es mit dieser Uni einen sehr guten Austausch, nun existiert sie plötzlich nicht mehr.

ZEIT: Ist das Interesse deutscher Studenten an der Türkei geringer geworden?

Karidio: Absolut. Früher war Istanbul nach Madrid bei uns die zweitbeliebteste Stadt im Erasmus-Programm, zwischen 30 und 40 unserer Studierenden sind jedes Jahr in die Türkei gegangen. Nun sind es noch neun.

ZEIT: Raten Sie Ihren Studenten ab?

Karidio: Nicht direkt, aber wir weisen auf die Situation hin und sprechen den Auslandsaufenthalt genau durch. Seit dem Putschversuch im vergangenen Jahr machen wir verstärkt auf die Sicherheitslage in der Türkei aufmerksam. Letztendlich liegt die Entscheidung bei den Studierenden selbst.

ZEIT: Was berichten die Studenten über die politischen Spannungen?

Karidio: Nach dem Putschversuch haben manche den Aufenthalt abgebrochen. Ein Student konnte seinen Austausch gar nicht erst antreten, weil die Partneruniversität ihre Dozenten entlassen hat. Diejenigen, die schon länger im Land waren, hatten große Probleme, ihre Abschlussdokumente zu bekommen, weil viele Büros an den Unis geschlossen wurden. Studenten, die aktuell vor Ort sind, berichten aber fast nur Positives. Viele schwärmen von der türkischen Gastfreundschaft.

ZEIT: Internationale und türkische Wissenschaftler beklagen massive Einschnitte in die Freiheit von Lehre und Forschung. Kann man als deutsche Universität darüber einfach hinwegsehen?

Karidio: Unser Einfluss ist begrenzt. Wir können nichts dagegen ausrichten, wenn der türkische Staat eine Universität schließt. Aber wir haben sehr deutlich unser Bedauern über diese Entscheidung ausgedrückt und uns den Solidaritätsbekundungen für türkische Wissenschaftler angeschlossen, die die Hochschulrektorenkonferenz und der Deutsche Akademische Austauschdienst im Namen der deutschen Hochschulen ausgesprochen haben. Wir unterstützen außerdem türkische Gastwissenschaftler, die aus politischen Gründen nicht in die Türkei zurückkehren können.