Kein Mensch, der noch bei Trost ist, käme nach all den Jahren des Streits zwischen den Staaten Europas über gebrochene Regeln und enttäuschte Erwartungen auf die Idee, den Euro in seiner jetzigen Form noch einmal einzuführen. Ganz offenkundig sind die kulturellen Unterschiede zwischen den Staaten zu groß, wenn es um Geld geht, als dass sie sich an gemeinsame Vereinbarungen zu Schulden und Budgets halten wollten.

Umso bemerkenswerter sind die Vorschläge des französischen Präsidenten Emmanuel Macron zur Fortentwicklung der Europäischen Union und die Reaktionen darauf. Macron fordert unter anderem einen größeren EU-Haushalt sowie einen europäischen Finanzminister, auf dass die EU noch enger zusammenrücke.

Dabei erfährt er prominente Unterstützung. Der Soziologe Jürgen Habermas zum Beispiel beschreibt Macrons Forderungen im Spiegel als "naheliegende Schritte zur demokratischen Selbstermächtigung der europäischen Bürger gegen die nationalen Regierungen". Umso verdrossener stimmt Habermas ein Papier des ehemaligen deutschen Finanzministers Wolfgang Schäuble, "das jeden Kompromiss mit der zukunftsweisenden Initiative des französischen Präsidenten blockieren soll". Schäubles Forderung nach einem europäischen Währungsfonds gehe einher "mit der Lieblingsvorstellung des Ordoliberalen, der einer gefürchteten demokratischen Beteiligung der Betroffenen dadurch vorbeugen will, dass die Finanz- und Wirtschaftsordnung im Ganzen der politischen Entscheidung entzogen wird und einer technokratischen Verwaltung vorbehalten bleibt".

Auch in der ZEIT war vergangene Woche Ähnliches zu lesen. Elisabeth Raether verteidigte im Politik-Ressort Macrons Ideen von Budget und Finanzminister gegen "diejenigen, die keine Lust auf den ewigen Fortschritt haben. Sie wollen nicht immer mehr Europa, nicht immer mehr Solidarität, und zwar nicht aus hochherzigen sozialen Gründen, sondern einfach so. Man kann sagen: aus kulturellen Gründen." Dann stellte sie fest: "Es ist leicht, ihre Argumente zu ignorieren, denn sie sind nicht rational." Warum sie das nicht sind, erklärt die Autorin nicht. Ebenso wenig erklärt sie, was mit der Solidarität jenen Staaten gegenüber ist, die im Zuge der Euro-Rettungspakete bezahlen sollen und auch schon bezahlt haben. Dafür erklärt sie aber kulturelle Prägungen, die irgendwie deutsch sein könnten, für offenbar unterlegen: "Deutschland müsste einige Prinzipien seiner Wirtschaftskultur überdenken. Denn tatsächlich unterscheidet sich diese in wesentlichen Teilen von der französischen."

Diese Debatte und ihre Argumente erinnern an jene, die der Einführung des Euro vorangingen. Viele Ökonomen warnten in den neunziger Jahren, dass wirtschaftsstarke Staaten schwächere würden retten müssen, um die Währung zu bewahren, und dass dies Anreize für schwächere Staaten schaffen würde, zu viele Schulden aufzunehmen. So kam es dann ja auch, und die Euro-Krise drohte die EU zu spalten. Doch den Spezialisten hatte zuvor niemand zuhören wollen. Es ging schließlich um ein politisches Ziel, hinter dem ökonomische Argumente zurückstehen mussten. Damals sollte Frankreich die Angst vor einem durch die Wiedervereinigung erstarkten Deutschland genommen werden.

Auch heute werden die Forderungen, Macrons wirtschaftspolitische Ideen zu unterstützen, vor allem politisch begründet. Es gelte nicht nur, den neuen französischen Präsidenten zu stärken, sondern etwas viel Größeres: die Europäische Union. Dabei ist längst nicht sicher, ob Macron politisch und ökonomisch überhaupt die richtigen Ideen hat. Seine Unterstützer machen bisweilen den Eindruck, als sei ihnen Integration als Selbstzweck schon genug.

Zunächst ist die Diagnose der Macron-Unterstützer fragwürdig, wonach das Programm des Präsidenten das einzig richtige ist für eine gute Zukunft der EU, nur weil er damit eine Wahl in Frankreich gewonnen hat. Es mag sein, dass Habermas in Macrons Forderungen "naheliegende Schritte" zur "Selbstermächtigung der europäischen Bürger gegen die nationalen Regierungen" erkennt. Doch gewählt haben den französischen Präsidenten eben nur die Franzosen, und unter ihnen waren viele, die vor allem die rechtsradikale Marine Le Pen verhindern wollten. Dennoch liest sich Habermas’ Appell im Spiegel, als laufe Macron über Wasser, wenn er dem Präsidenten bescheinigt, dass "die genaue Wahl seiner inspirierenden Sätze und die Artikulationskraft der Rede dem politischen Gedanken selbst analytische Schärfe und eine ausholende Perspektive" verliehen, während die Spar-Ajatollahs im Berliner Medien- und Politikbetrieb nur aufs Geld schauten und darauf, "was das uns Deutsche wieder kostet!".