Im Spätherbst 1980 stieß Lesłayw Dyrcz, der im polnischen Brynek Forstwissenschaft studierte, bei einer Grabung nahe dem ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz auf Reste einer Thermosflasche, eingewickelt in eine durchnässte Ledertasche. Darin lagen, zusammengerollt, sechs Blatt Papier, offenbar aus einem Notizbuch herausgetrennt, weich wie Lappen und bedeckt mit etwas, das einmal Tintenschrift gewesen war. Nur einzelne Wörter waren lesbar, geschrieben, wie sich herausstellte, auf Neugriechisch.

Was der Student gefunden hatte, war eine Nachricht aus der Vergangenheit. Verfasst hatte sie, so viel konnte man dem Dokument entnehmen, ein Mann names Marcel Nadjari. Er gehörte dem sogenannten Sonderkommando des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz an und hatte die Flasche mit seinen Aufzeichnungen vergraben, um der Nachwelt von seinem Schicksal zu berichten, das für ihn die sichere Ermordung vorsah.

Marcel Nadjari, 1917 in Thessaloniki geboren, als Soldat der griechischen Armee (1940) © privat

Das Sonderkommando in Auschwitz setzte sich fast ausschließlich aus jüdischen Häftlingen zusammen. Sie mussten der SS beim Massenmord helfen. Sie brachten die Menschen zu den Gaskammern, sie zerrten danach die Leichen heraus. Sie mussten Hunderttausende ihrer Glaubensbrüder und -schwestern verbrennen und am Ende ihre Asche fortschaffen. 2.200 Mann zählte diese Einheit in Auschwitz. Wie durch ein Wunder überlebten 110 von ihnen. Unter ihnen Marcel Nadjari. Nachdem die Häftlinge des Sonderkommandos die Öfen und Gaskammern hatten zerstören müssen, wurden sie 1945 aus dem geschlossenen Bereich um die Krematorien ins reguläre Lager von Auschwitz-Birkenau verlegt. Dabei gelang es Nadjari, die Kolonne zu wechseln und in der Folge seine Identität zu verbergen.

Der Schrecken aber war noch nicht vorüber. Nur zwei Tage bevor die Rote Armee das Lager erreichte, schickte ihn die SS auf einen Transport ins KZ Mauthausen bei Linz. Dort erlebte Nadjari die Befreiung.

Vieles wurde nach dem Fund seiner Aufzeichnungen über ihn bekannt: Marcel Nadjari war Kaufmann. Bevor er im April 1944 nach Auschwitz kam, kämpfte er in Griechenland als Soldat erst gegen die Truppen Mussolinis, dann, im Untergrund, gegen die Deutschen. Seine Eltern und seine Schwester Nelli gehörten zu den ersten Juden, die im Sommer 1942 aus Griechenland deportiert wurden. Nadjari sollte sie nicht wiedersehen.

Nach dem Krieg kehrte er zunächst in seine Heimatstadt Thessaloniki zurück, 1947 schrieb er seine Erinnerungen an den Krieg und an Auschwitz auf, für die Familie. Wenig später wanderte er mit seiner Frau Rosa Saltiel nach Amerika aus. In New York arbeitete er als Maßschneider und Modemacher. 1957 wurde seine Tochter Nelli geboren, benannt nach seiner Schwester. Am 31. Juli 1971 starb er, gerade 54 Jahre alt. Das alles wusste man nun. Seine "Flaschenpost" aber, die er vermutlich Ende 1944 verfasst und versteckt hat, blieb unleserlich.

Bis jetzt. Denn vor Kurzem konnte das Dokument mit dem Verfahren der Multispektralanalyse, bei dem Licht verschiedener Wellenlängen eingesetzt wird, im Auftrag des Moskauer Historikers Pavel Polian wieder lesbar gemacht werden. Waren bisher nur zehn Prozent zu entziffern, sind nun 90 Prozent wiederhergestellt. In der aktuellen Ausgabe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, herausgegeben vom Institut für Zeitgeschichte in München, ist es erstmals auf Deutsch zu lesen. Wir dokumentieren den Text hier in einer leicht gekürzten Fassung.

"Die Dramen, die meine Augen gesehen haben, sind unbeschreiblich"

Ein Jahr dauerte die Wiederherstellung mit modernen Computerverfahren. © Nikitjaev

An meine Lieben (1), Dimitris Athan[asius] Stefanidis (2), Ilias Koen, Georgios Gounaris.

An meine geliebten Gefährten, Smaro Efraimidou <aus Athen> (3) und so viele andere, an die ich immer denken werde, und schließlich an mein geliebtes Vaterland: "ELLAS", dem ich immer ein guter Bürger war.

Am 2. April 1944 sind wir aus unserem Athen abgefahren, nachdem ich einen Monat im Lager Chaidari durchlitten habe, wo ich immer die Pakete der guten Smaro erhalten habe, und deren Bemühungen um mich mir unvergesslich geblieben sind in diesen schlimmen Tagen [...].

Nach einer Reise von zehn Tagen kamen wir am 11. April in Auschwitz an, wo sie uns ins Lager Birkenau brachten, wir blieben etwa einen Monat in der Quarantäne, und von da haben sie uns, die Gesunden und Kräftigen, verlegt. Wohin? Wohin, lieber Misko? Zu einem Krematorium, ich werde euch weiter unten unsere schöne Arbeit erläutern, die der Allmächtige uns verrichten lassen wollte.

Es ist ein großes Gebäude mit einem breiten Schornstein mit 15 <fünfzehn> Öfen. Unterhalb eines Gartens gibt es zwei große, endlose Kellerräume. Der eine dient uns zum Auskleiden und der andere als Todeskammer, wo die Leute nackt hineingehen, und nachdem er mit etwa 3.000 Personen gefüllt ist, wird er verschlossen, und sie vergasen sie, wo sie nach 6 bis 7 Minuten Martyrium den Geist aushauchen.

Unsere Arbeit bestand darin, erstens sie in Empfang zu nehmen, die meisten kannten den Grund nicht .... (4) zusammenbrachen oder weinten sagten sie ihnen, dass .... es sich um ein Bad handelt .... gingen sie nichtsahnend in den Tod. Bis heute .... Ich sagte, dass jeder .... sagte ich ihnen, dass ich ihre Sprache nicht verstehe, in der sie mit mir reden (5), und den Menschen, Männern und Frauen, bei denen ich gesehen habe, dass ihr Schicksal besiegelt ist, habe ich die Wahrheit gesagt.

Nachdem .... alle nackt, gingen sie weiter in die Todeskammer, da drinnen hatten die Deutschen an der Decke Rohre angebracht .... damit sie glauben, dass sie das Bad vorbereiten, mit Peitschen in der Hand zwangen die Deutschen sie, immer enger zusammenzurücken, damit möglichst viele hineinpassen, eine wahre Sardinendose von Menschen, danach haben sie die Tür hermetisch verschlossen.

Die Gasbüchsen kamen immer mit dem Auto des Deutschen Roten Kreuzes mit zwei SS-Leuten .... Sie sind die Gasleute, die ihnen dann das Gas durch Öffnungen hineingeschüttet haben.

Nach einer halben Stunde öffneten wir die Türen, und unsere Arbeit begann. Wir trugen die Leichen dieser unschuldigen Frauen und Kinder zum Aufzug, der sie in den Raum mit den Öfen beförderte, und dort steckten sie sie in die Öfen, wo sie verbrannten, ohne Zuhilfenahme von Brennmaterial, aufgrund des Fetts, das sie haben.

Ein Mensch ergab nur etwa ein halbes Okka Asche (6), die uns die Deutschen zu zerkleinern zwangen, um sie dann durch ein grobes Sieb zu pressen, und danach holte es ein Auto ab und schüttete es in den Fluss Vistula7, der in der Nähe vorbeifließt, und so beseitigen sie alle Spuren.

Die Dramen, die meine Augen gesehen haben, sind unbeschreiblich. An meinen Augen sind etwa 600.000 <sechshunderttausend> Juden aus Ungarn vorbeigezogen, – Franzosen – Polen aus Litzmannstadt, ungefähr 80.000, und jetzt zuletzt trafen erstmals etwa 10.000 zehntausend Juden aus Theresienstadt in der Tschechoslowakei ein.

Heute kam ein Transport aus Theresienstadt, aber Gott sei Dank haben sie die nicht zu uns gebracht, sie behielten sie in Lagern, es hieß, dass der Befehl kam, man solle keine Juden mehr töten, und das stimmt allem Anschein nach, da haben sie jetzt im letzten Moment ihre Meinung geändert – jetzt, da allerdings kein einziger Jude mehr in Europa übrig geblieben ist, doch für uns liegt die Sache anders, wir müssen von der Erde verschwinden, weil wir so vieles wissen über die unvorstellbaren Methoden ihrer Misshandlungen und Vergeltungsaktionen.

Unser Kommando nennt sich Sonderkommando <eidiko komanto>, es bestand anfangs aus rund 1.000 <tausend> Leuten, davon 200 Griechen und die übrigen Polen und Ungarn, und nach heroischem Widerstand, deswegen, weil sie nur 800 <achthundert> abziehen wollten, weil alle hundert außerhalb des Lagers und die anderen innerhalb (8). Gefallen sind meine guten Freunde Viko Brudo und Minis Aaron aus Thess/niki.

Jetzt, wo dieser Befehl gekommen ist, werden sie auch uns eliminieren, wir sind insgesamt 26 Griechen, und die übrigen sind Polen. Zumindest wir Griechen sind entschlossen, zu sterben wie wahre Griechen, so wie jeder Grieche aus dem Leben zu scheiden weiß, indem er bis zum letzten Augenblick zeigt, trotz der Überlegenheit der Verbrecher, dass in unseren Adern griechisches Blut fließt, wie wir es auch im Krieg gegen Italien gezeigt haben.

Meine Lieben, wenn ihr lest, welche Arbeit ich erledigt habe, werdet ihr sagen: Wie konnte ich, der Manolis, oder irgendjemand anders diese Arbeit machen und ihre Glaubensgenossen verbrennen.

Auch ich habe mir das anfangs gesagt, viele Male habe ich daran gedacht, zusammen mit ihnen reinzugehen, um Schluss zu machen. Aber davon abgehalten hat mich immer die Rache; ich wollte und will leben, um den Tod von Papa und Mama zu rächen und [den] meiner geliebten kleinen Schwester Nelli.

Ich fürchte den Tod nicht, wie könnte ich ihn auch fürchten nach all dem, was meine Augen gesehen haben?

Deshalb, lieber Ilias, mein geliebter kleiner Cousin, sollst du, wenn es mich nicht mehr gibt, du [und] alle meine Freunde wissen, was eure Pflicht ist. [...]

Mein einziger Wunsch ist, dass in eure Hände gelangt, was ich euch schreibe.

Den Besitz meiner Familie vermache ich dir, Misko <Dimitrios Athanasiou Stefanidis>, mit der Bitte, den Ilias zu dir zu nehmen, meinen Cousin. Der Ilias ist [ein] Koen, und du sollst ihn ganz so betrachten, als ob ich selbst es wäre, sollst immer auf ihn aufpassen, und falls je meine Cousine Sarika Chouli zurückkehrt, sollst du sie so behandeln, lieber Misko, wie deine geliebte Nichte Smaragda, denn wir alle hier erleiden Dinge, die sich der menschliche Verstand nicht vorstellen kann.

Denkt ab und zu an mich, so wie auch ich an euch denke. Das Schicksal will es nicht, dass auch ich unser Griechenland frei sehe, so wie ihr es am 12/10/43 erlebt habt. Wann immer jemand nach mir fragt, sagt einfach, dass es mich nicht mehr gibt und dass ich dahingegangen bin wie ein wahrer Grieche.

Hilf allen, lieber Miskos, die zurückkommen aus dem Lager von Birkenau.

Ich bin nicht traurig, lieber Miskos, dass ich sterben werde, wohl aber, dass ich mich nicht werde rächen können [...]. Falls du einen Brief von meinen Verwandten im Ausland bekommst, gib bitte die passende Antwort, dass die Familie A. Nadjari ausgelöscht ist, ermordet von den kultivierten Deutschen [...].

Hol bitte, Misko, das Klavier meiner Nelli von der Familie Sionidou ab und gib es dem Ilias, damit er es zur Erinnerung immer bei sich hat, er hat sie so sehr geliebt und sie ihn auch.

Fast immer, wenn sie töten, frage ich mich, ob Gott existiert, und dennoch habe ich immer an Ihn geglaubt und glaube nach wie vor, dass Gott es will, dass sein Wille geschehe.

Ich sterbe glücklich, weil ich weiß, dass in diesem Augenblick unser Griechenland frei ist, mein letztes Wort wird sein: Es lebe Griechenland. [...]

Seit nunmehr etwa vier Jahren töten sie die Juden .... sie töteten Polen, Tschechen, Franzosen, Ungarn, Slowaken, Holländer, Belgier, Russen und ganz Thess/niki. Ausnahme die etwa 300, die bis heute am Leben sind, [in] Athen, Arta, Kerkyra, Kos und Rhodos. Insgesamt ungefähr 1.400.000 (9).

Die verehrte griechische Botschaft, die diese Notiz erhalten wird, wird gebeten, von einem guten griechischen Bürger namens Emmanouil oder Marcel Nadjari aus Thess/niki, früher wohnhaft in der Odos Italias Nr. 9 in Thess/niki, diese Notiz an untenstehende Adresse zu schicken.

Dimitrios Athanassiou Stefanidis / Odos Krousovou Nr. 4 / Thess/niki / Griechenland

Dies ist mein letzter Wunsch.

Zum Tode verurteilt von den Deutschen

weil ich jüdischen Glaubens bin.\

Danke

Nadjaris

(1) Dem Text vorangestellt ist in mehreren Sprachen die Bitte, ihn dem griechischen Konsulat zu übergeben

(2) Später mit Misko angeredet

(3) Klammern so im Original

(4) Nicht lesbare Stellen

(5) Nadjari sprach kein Jiddisch

(6) Etwa 640 Gramm

(7) Er meint die Sola, die in die Weichsel/Vistula mündet

(8) Unvollständiger Satz. Nadjari bezieht sich hier auf den Sonderkommando-Aufstand im Oktober 1944

(9) Historiker schätzen die Zahl der in Auschwitz von den Deutschen Ermordeten auf 1,1 Millionen