Mein Rabbi ist kein richtiger Rabbi. In Wahrheit ist mein Rabbi natürlich gar kein Rabbi, so wie ich auch nicht jüdisch bin und nicht in die Synagoge gehe. Mein Rabbi geht auch nicht in die Synagoge, aber am Freitagabend zündet er für Schabbat eine Kerze an und in der Nacht von Rosch ha-Schana schickt er mir eine E-Mail. Zuletzt wünschte er mir mitten im September ein süßes neues Jahr 5778, und ich habe mir dabei vorzustellen versucht, wie es wäre, wenn auch mein neues Jahr schon im Spätsommer beginnen würde. Ich stellte fest, dass das gar nicht so einfach ist. Schana tova, schrieb ich ihm trotzdem zurück und setzte ein besonders großes Smiley darunter. Seine Neujahrsgrüße haben mich sehr gerührt. Warum soll das Jahr nicht einfach zweimal beginnen? Schana tova, ein gutes Jahr!

Mein Rabbi wohnt in Schöneberg, früher hat er als Dozent an einer Universität gearbeitet, heute aber verlässt er seine Wohnung so gut wie nicht mehr. Er hasst Deutschland und liebt Berlin, sein Berlin, seine Heimatstadt. Das klingt nicht nur kompliziert, das ist es auch. Ich rufe ihn auf seinem Festnetz an, wenn ich mit ihm sprechen will, er hat kein Handy, sondern nur ungefähr tausend Bücher und einen Siamkater mit blauen Augen. Alle Siamkatzen haben bekanntlich blaue Augen. Beinahe täglich telefonieren wir, und wenn ich mit ihm rede, sehe ich ihn inmitten all der Bücher, die in Stapeln auf dem Schreibtisch, dem Sofa und neben dem Bett liegen, genau vor mir. In anderen Zeiten hätte man meinen Rabbi tatsächlich einen Schriftgelehrten genannt, einen Weisen. So nenne ich ihn auch ab und zu: Rabbi Weiser sage ich dann zu ihm. Und er lacht.

Einmal, das ist schon ein paar Jahre her, sind wir zusammen in den Grunewald gefahren und Rabbi Weiser hat mir die Villa gezeigt, in der er nach dem Krieg aufgewachsen ist. Sein Großvater ist in Auschwitz gestorben, sein damals noch sehr junger Vater hat in England überlebt, und seine Mutter hat sich in der Lausitz versteckt. Über diese Zeit hat sie zeitlebens nicht viel gesprochen. Mein Rabbi fährt nicht oft in den Grunewald, diese Fahrten sind ihm zu anstrengend, diesmal aber fuhr er wegen mir dorthin, das musste er mir nicht sagen, das verstand ich auch so. Als er neben mir im Auto saß, wir auf die herbstnasse Straße und die wunderbar bunten Bäume sahen und er zu weinen begann, wusste ich, warum er nicht oft hierherkam, was ihm an diesen Reisen, die eigentlich Zeitreisen waren, zu anstrengend war. Und ich wusste auch, warum er sie wegen mir noch einmal unternahm. Ich, die 30 Jahre Jüngere, die spätgeborene Deutsche, sollte das alles einmal mit eigenen Augen gesehen haben. Die Villa, den Garten, die bunten Bäume, seine Tränen. Er gab sie an mich weiter wie ein Geschenk. Danach gingen wir Kuchen essen.

Warum ich diese Geschichte erzähle? Nun, weil nicht jeder von uns einen Rabbi haben kann, den man, so oft man will, anrufen kann und der einem erklärt, wie die Dinge zusammenhängen. Einen Rabbi, der einem zeigt, wie einfach Schuld sein kann, wenn man sie annimmt und nicht gegen sie kämpft wie gegen ein abstraktes Monster mit sieben Köpfen und fünfzehn Beinen. Gegen Schuld zu kämpfen ist schwer, sie anzunehmen dagegen ist viel leichter.

Denn Schuld ist erst einmal nichts anderes als eine menschliche Geste der Demut vor den großen Rädern der Geschichte und all jenen, die von ihnen zermalmt worden sind. Schuld heißt Empathie mit den Opfern. Das bezieht sich nicht nur auf den Holocaust, sondern auf das Leben insgesamt. Schuld ist ein Innehalten, eine Traurigkeit, ein Zweifeln. Und die Einsicht, dass wir alle Teil der Geschichte sind, eines großen Kommens und Gehens, und es eine Gnade der späten Geburt nicht gibt, nicht geben kann, für keine Generation. Wer will schon sagen, wann der richtige Moment gekommen ist, diese Welt zu betreten, wann, sie wieder zu verlassen?

Ich weiß, dass wir Deutschen mit unserer Schuld so unsere Probleme haben. Das dumpfe Gerede vom Schuldkult geht wieder um, die revanchistische AfD sitzt seit zwei Wochen im Bundestag. Ihr Fraktionsführer Alexander Gauland will, dass wir wieder stolz sein dürfen auf "die Leistungen unserer Soldaten" im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Deren Leistung bestand unter anderem darin, Millionen Menschen getötet zu haben.

Dass unser Land jedoch aus Gründen der Schuld nach dem Krieg geteilt wurde, die einen auf der Landkarte der westlichen Demokratie, die anderen auf der Landkarte des östlichen Kommunismus landeten, fast aus Zufall, könnte man sagen, haben die meisten schon fast wieder vergessen. Ich habe oft gedacht, würden wir die beiden deutschen Nachkriegsstaaten als zwei Versuche betrachten, Antworten auf die Frage zu finden, wie man nach all dem, was gewesen ist, weitermachen kann, als zwei Tätergesellschaften weiterleben kann, vieles wäre nach dem Mauerfall anders gelaufen. Der Westen hätte den Osten und seine Geschichte, seine Rituale, Erzählungen und Biografien nicht einfach so entsorgen können. Mit welchem Recht eigentlich? Durch einen Blick auf die Räder der Geschichte wären sie verständlich gewesen. Sie waren letztlich doch eine Spielart der eigenen Historie, eine Variante, eine Möglichkeit. Und wieder, die gemeinsame Schuld hätte uns geeint und beide Länder näher aneinandergebracht. Aber so ist es nicht gewesen.