Seit von der Decke in ihrer Küche eine Glühbirne baumelt, hat Gudiya viel mehr Zeit. Sie kann früher aufstehen, später nach Hause kommen, länger wach bleiben. Früher mussten sie und ihre Kinder zu Abend gegessen haben, bevor die Sonne untergeht. Nun kann Gudiya, die wie manche Inderinnen auf dem Land keinen Nachnamen besitzt, damit warten, bis es draußen dunkel ist. Ihre neue Freiheit verdankt sie Solarzellen, die seit Kurzem auf den Hausdächern in ihrer Nachbarschaft stehen.

Gudiya wohnt in Shashav Khale, einem Dorf im Norden Indiens, das bis heute keine Hochspannungsleitung erreicht. Ihr Bundesstaat Uttar Pradesh ist eine der ärmsten Regionen Indiens. Dort leben laut der Internationalen Energieagentur rund 85 Millionen Menschen ohne Strom. Im ganzen Land sind es 270 Millionen. Doch das will die indische Regierung nun ändern – mit Solarenergie.

Im Rahmen des Pariser Klimaabkommens hat sich das Land, bislang weltweit drittgrößter Kohleproduzent der Welt, ehrgeizige Ziele gesetzt: Bis 2030 sollen 40 Prozent des Energiebedarfs aus erneuerbaren Quellen gedeckt werden. Indien hat die Solarkapazität in den vergangenen drei Jahren bereits vervierfacht. Bald könnte Indien nach China und den USA zum drittgrößten Produzenten von Solarenergie weltweit aufsteigen. Nachdem Donald Trump im Frühjahr den Ausstieg der führenden Industrienation USA aus dem Pariser Abkommen ankündigte, will ausgerechnet das Schwellenland Indien zum weltweiten Vorreiter beim Klimaschutz werden. Auf der UN-Klimakonferenz, die am 6. November in Bonn beginnt, will das Land diese Ziele nun noch einmal untermauern.

Schon jetzt wird Sonnenenergie in Indien nicht mehr als alternative, sondern als konventionelle Energiequelle angesehen. In der Stadt Kochi gibt es den weltweit ersten Flughafen, der rein mit Solarenergie betrieben wird, und in der Hauptstadt Delhi wurde kürzlich der erste solargetriebene Zug eingeweiht. Vor einer Weile verkündete die indische Regierung, sie wolle 50 "Solarstädte" entwickeln. Was genau das bedeutet, hat sie zwar nicht erklärt. Doch es zeigt, welchen Fokus sie inzwischen auf Solarenergie setzt.

Bei ihren Plänen geht es der indischen Regierung allerdings nicht nur darum, die Klimaziele zu erreichen. Sie erhoffen sich von der Solarenergie vor allem wirtschaftliche Entwicklung. Eine gesicherte Energieversorgung gilt als eines der wichtigsten Mittel zur Armutsbekämpfung. Seit vielen Jahren versprechen die wechselnden Regierungen bereits die Elektrifizierung der von der Stromversorgung abgehängten Dörfer wie dem, in dem Gudiya wohnt. Dank der Solarenergie könnte das nun Wirklichkeit werden.

Die Voraussetzungen erscheinen gut: Indien hat durchschnittlich beinahe 300 Sonnentage im Jahr. Die Preise für Solarenergie sind, aufgrund des aggressiven Wettbewerbs, politischer Förderprogramme und günstiger Finanzierungsmodelle, in Indien so niedrig wie in kaum einem anderen Land. Das macht die Solarenergie im Vergleich zu Kohle auch für Investoren attraktiv. Gleichzeitig steigt mit der Förderung der Solarenergie auch die Zahl der Social Entrepreneurs in dem Bereich, die ihr Unternehmertum mit sozialen Zielen verbinden.

Mera Gao Power (MGP) ist eine dieser jungen Firmen. Ihre Mitarbeiter waren es auch, die Gudiya den Strom in ihre Küche brachten. MGP wurde im Jahr 2011 von drei Jungunternehmern gegründet. Heute werden bereits 20.000 Haushalte in Gegenden abseits der großen nationalen Hochspannungsleitungen von MGP mit Strom versorgt. Bis zum Jahr 2019 sollen 30.000 dazukommen.