Es ist natürlich eine Gefahr. Jeder Roman, der uns heute aus Trump Country erreicht, aus dieser Verwilderungszone der politischen Sitten, wird gierig aufgeblättert. Man beugt sich über die schwarzen Schriftzeichen, als handele es sich um nasse Teeblätter, die von einer Wahrsagerin hin und her gespült worden sind, damit sie uns Auskunft darüber geben, wie und was denn nun passiert ist, in "the land of the free and the home of the brave", dem Land der Freien, der Heimat der Tapferen, wie es in der Hymne so schön heißt, die den Sieg über die Kolonialmacht England feiert, Freiheit in der Morgendämmerung.

Damals, am 14. September 1814, wurde nach einer 25-stündigen Bombardierung der Festung von Baltimore in Pulverqualm und Verzweiflung jene befreite Sehnsuchtszone geboren, der fortan alle zuströmen würden, denen es in der Alten Welt, also in Europa, zu eng geworden war, politisch, religiös, wie auch immer, man möchte hier mal daran erinnern, man hat es ja vor lauter travel bans schon fast vergessen, es flohen die protestantischen Fundis aus England und die Iren aus ihrem Hungerland und die Kommunisten aus Berlin und schwule Dichter aus London und jüdische Intellektuelle aus Moskau und der von der islamischen Fatwa verfolgte Salman Rushdie. Und jetzt – vorbei? Irgendwie schon. Und niemand soll so kindlich sein, von einer wie Irene Dische, die so eine Sibylle Berg Amerikas ist, also böse, böse, böse, nun Trost und Hoffnung zu erwarten.

Irene Dische, geboren 1952, ist eine für ihre Schnoddrigkeit berühmte Autorin, sie hat Regalmeter vollgeschrieben mit Romanen und Kurzgeschichten und Essays, die ihre und unsere Zeit mit scharfer Lupe beäugen, und jetzt wirft sie uns diesen Brocken von 490 Seiten vor die Füße; der Leseeffekt ist nicht ganz unähnlich, als hätte man ihn gegen den Kopf gekriegt. Ein Kilo Abrechnung mit dem sogenannten Amerikanischen Traum, der Roman heißt Schwarz und Weiß. Und ja, es geht um Licht und Schatten, etwa um das letzte, das große Versprechen der sechziger Jahre, dass Schwarz und Weiß zusammenleben könnten, "I have a dream!", rief Martin Luther King in Washington über die wogenden Demonstranten hinweg, einen Traum für die Kinder der Schwarzen und Weißen, für Norden und Süden. Im Zentrum des Romans steht ein junges Paar, weiß-schwarz, Lili und Duke. Sie seien, sagt Lili zu Anfang des Buches, das ideale, das perfekte amerikanische Paar.

Die Handlung hebt ab in New York. "Das ist unsere Vatikanstadt, vierhunderttausend Quadratmeter größer als das Original und näher zu Gott, was die Höhe angeht", erklärt Lili flippig ihrem zukünftigen Ehemann Duke. Duke kommt gerade aus Vietnam, ein gut gebauter Schwarzer in hübscher Uniform. Duke wie Ellington übrigens, weil er in "Nam", wie man cool sagt, Trompete gespielt hat, allerdings als Fake, er kann nämlich gar nicht spielen, was bei dem Krach, den eine Brassband veranstaltet, nicht auffällt, nicht im Kriegsgetöse. Lili kommt von der Upper West Side, die Mutter eine feministische Essayistin, der Vater Komponist. Intellektuelle Celebrities! Sie halten sich natürlich für das geistige Rückgrat Amerikas.

Es ist diese sich so aufgeschlossen wähnende Schicht, die der New Yorkerin Dische satte Gelegenheiten bietet für Karikierungen, die Woody Allens Stadtneurotiker als Verharmlosung enttarnen. Das Milieu, superengagiert und scheinheilig, adoptiert den köstlich ungebildeten Duke ("Wir müssen etwas für ihn tun!"). Die Zuneigung von Lilis Eltern ergießt sich über den Welpen wie ein warmer Frühlingsregen, es ist diese Art von Aufmerksamkeit, die sie ihrer Tochter Lili vorenthalten haben, was in ihr einen verzweifelten Liebeshunger erzeugte, der sich in teuren Therapiesitzungen nicht stillen lässt. Lili hat sich als Pummelchen durch die Kindheit gequält, sich dann aber, zu aller Verblüffung, aus den Sackkleidern geschält und zum bleichblonden Model gemausert. Da ist etwas von der kleinnasigenTiffany Trump in dieser Gestalt, ein Hauch von Paris Hilton, es ist dieser Frauentyp, in dem sich wie in einem frenetisch geschüttelten Cocktail die Ingredienzien Narzissmus, Ahnungslosigkeit und Bosheit vermengen. Lili segelt wie bewusstlos durch die Katastrophen, die sie selbst erzeugt. Weshalb der Hinweis lohnt, dass Lili an Lilith erinnert, jene Göttin, die den Sumerern als Ursprung alles Bösen galt. Als sich der Roman dem Ende zuneigt, befindet sich Duke jedenfalls in einer Todeszelle und erwartet die Exekution. Ausgerechnet Duke, der sich als Önologe, als Verköstiger von Weinen, so gut gemacht hatte, ein Job, für den er sich durch Ahnungslosigkeit qualifizierte, um sich darauf zu verlegen, die superiore Qualität der einheimischen Lagen von Missouri zu loben, eine geschmackvoll abgerundete Variante von "Make America great again", im Ausklang – eine bittere Note.

Lili und Duke sind so harmlos wie monströs, Lili ein endlos plapperndes Wesen, Duke eine Art von Candide, gutwillig und im wahren Sinne blauäugig, was er einer Prise von deutschen Genen verdankt, sein kleines Erbe von Mama, einer Nazi-Schickse. Lili bleibt auf nervtötende Weise ein Kind, er dagegen ent- wickelt sich auf den letzten Kapiteln in überraschenden Volten in jemand anderen, aus diesem seinem persönlichen Bildungsroman katapultiert er sich ins Aus. Amerikas Literatur ist reich an irrlichternden Paaren, man denke an den großen Gatsby und seine hoffnungslose Liebe zu Daisy. Fitzgeralds The Great Gatsby war ein Beispiel für diesen Mythos der Great American Novel, jenen Zeitenroman, in dem sich der Geschmack einer Epoche verdichtet, so wie schon Hawthornes Der scharlachrote Buchstabe vor 150 Jahren das bigotte Frömmeln seiner Zeit erfasst hatte und E. L. Docotorow in Ragtime den Sound seiner Jugend. Man spürt, dass Irene Dische mit diesem Buch, in einem großen Bogen, mit einer Fülle von Figuren, Eltern, Kindern, Lovern, mit ihrem Feuerwerk von scharfen Beobachtungen und bösen Kommentaren darauf zielt, unsere Zeit am Kragen zu packen. Es ist aber, in diesem Falle, weniger eine Verdichtung von Zeit als eine Abrechnung und, nebenbei bemerkt, eine tolle Unterhaltung.

Der Handlungsbogen wölbt sich über den großen Kontinent, von New York bis tief in den Süden, Florida zu, das als der dicke Schwanz Amerikas bezeichnet wird, und macht Stippvisiten in Afrika sowie im Deutschland der Nazi-Zeit, als wolle die Autorin darauf verweisen, dass ein großer amerikanischer Roman heutzutage natürlich durchlässig ist für historische und globale Bezüge.