Ja!

Etwa fünf Millionen Muslime leben derzeit in Deutschland, zum Teil in dritter oder vierter Generation. Spätestens seit der Einwanderung türkischer Migranten ist der Islam ein fester Bestandteil Deutschlands. "Wir riefen Arbeitskräfte, es kamen Menschen", sagte Max Frisch schon 1965. Menschen mit religiösen Bedürfnissen. Doch Gebetsräume? Waren lange nur Abstellkammern in Fabriken. Versammlungsorte? Hinterhof-Moscheen. Koranschulen? Privatwohnungen. Lange hat der deutsche Staat die Muslime in ihren Bedürfnissen nicht unterstützt. Dass es heute kaum einen islamischen Verband gibt, der zu Deutschland zu passen scheint, ist auch ein Ergebnis dieser Ignoranz. Von der Türkei gesteuerte Moscheeverbände, die von der Religionsfreiheit profitieren, sie aber nicht achten, haben das Sagen. In ihren Moscheen werden etwa Erdoğan-kritische Muslime nicht toleriert, das gilt besonders für Angehörige der Gülen-Bewegung (auch Hizmet genannt). Ihr gehört auch der Autor dieser Zeilen an. Aus eigener Erfahrung weiß ich: In den Moscheen der Ditib bin ich unerwünscht. Ich glaube: Wer Religionsfreiheit fordert, muss auch die Vielfalt des Islams respektieren.

Thomas de Maizières Vorschlag, dass es einen muslimischen Feiertag geben könnte, halte ich dennoch für richtig. Ein solcher Tag wäre ein Symbol für Religionsfreiheit. Ein Stück Demokratie. Für ein Einwanderungsland selbstverständlich, oder? Der Tag wäre derzeit leider auch Öl ins Feuer der Islamophobie. Um diffusen Ängsten vorzubeugen, bedürfte es des Gesprächs. Gefordert wären vor allem wir Muslime selbst. Wir müssen aus unserer seit Jahren geübten Opferrolle heraustreten und dialogbereit für unsere Werte einstehen. Das Ziel: einen zivilen europäischen Islam, der mit Aufklärung, Menschenrechten, Demokratie vereinbar ist – und den wir bereits millionenfach leben –, aus den Hinterhöfen der Gesellschaft ins öffentliche Bewusstsein zu bringen! Wir Muslime dürfen nicht länger warten, dass die Mehrheitsgesellschaft uns die Hand entgegenstreckt. Wir müssen selbst das Interesse an unserer Religion wecken. Ein muslimischer Feiertag wäre die Chance, einen Dialog zu führen, von dem nicht nur Muslime profitieren, sondern auch Christen, Juden und alle in Deutschland.

Nein!

Gesetzliche Feiertage wurzeln gewöhnlich in religiösen und weltlichen Traditionen der ortsansässigen Bevölkerung, oder sie werden von der politischen Elite implementiert, um einem speziellen Ereignis eine nachhaltige Bedeutung zu verleihen. Abgesehen vom Tag der Deutschen Einheit und dem Tag der Arbeit handelt es sich in Deutschland um christliche Feiertage, allen voran um den Sonntag, aber auch um Weihnachten, Karfreitag, Ostern, Christi Himmelfahrt und Pfingsten (sowie einige katholische oder evangelische Regionalfeiertage). Allen gemeinsam ist, dass sie ihre Legitimität aus der Akzeptanz der Mehrheit der Bevölkerung gewinnen.

In einer pluralistischen Gesellschaft wie der unsrigen gibt es natürlich Menschen, denen das Christentum nicht sonderlich am Herzen liegt; die Juden, Muslime, Buddhisten oder Hindus sind; die esoterischen Kulten anhängen. Viele kommen ohne Religion aus. Sie alle besitzen keine eigenen anerkannten Feiertage, weil sie entweder Minderheiten darstellen oder über keine relevanten Traditionen verfügen, mit denen sich dies begründen ließe. So manche von ihnen begehen die christlichen Feiertage neu: als Familienfeste, soziale Ereignisse, Zeiten der Ruhe. Gerade die Advents- und Weihnachtszeit führt Menschen zusammen, gleich, ob sie Christen sind. Weihnachtsfeiern am Arbeitsplatz verbinden – und sind ein Stück geronnener Kultur. Das träfe auf einen muslimischen Feiertag nicht zu.

Er wäre ein partikularer Tag, der unweigerlich zu der Frage führte, ob andere Minderheiten nicht ebenso berechtigt wären, einen solchen für sich zu reklamieren. Und die Integration? Schon jetzt bestünde die Möglichkeit dazu während des Fastenbrechens im Ramadan oder des Tages der offenen Moscheen, doch diese Ereignisse werden kaum wahrgenommen. Wahrscheinlicher ist, dass ein muslimischer Feiertag als weitere Zumutung empfunden würde – nach ermüdenden Debatten um Kopf- und Gesichtsverschleierung, um Exklusion muslimischer Mädchen vom Schwimmunterricht und von Klassenfahrten, um Halal-Essen in Schulkantinen ... Sonderregelungen für lautstarke Minoritäten führen nicht zum dringend benötigten Zusammenhalt in der Gesellschaft, sondern zu weiterer Spaltung.