Wir standen unter dem Vordach eines Sushi-Ladens in Vesterbro, der sanfte Regen hatte sich in einen Wolkenbruch verwandelt, und auf der anderen Straßenseite war diese Frau unterwegs: Turnschuhe, Jeans, irgendein Oberteil, nichts weiter, kein Schutz. Trotzdem keine Spur von Eile. Die Frau trug ihre Einkäufe nach Hause. Das war es, was sie tat. Die Wetterlage? Interessierte sie nicht.

Mich allerdings schon! Für mich ist Wetter wichtig. Wir warteten vor diesem Sashimi-Schuppen, und es goss direkt in meine Laune hinein. Der Regen teilte uns unmissverständlich mit, dass er Möglichkeiten besitzt in dieser Stadt. Dass er über ein Repertoire verfügt, Varianten zu bieten hat. Dennoch heißt Regen in Kopenhagen immer nur Regen. Weiterführende Bezeichnungen, gar poetische Wortspiele erscheinen prätentiös. Unskandinavisch. Warum für etwas, was man ohnehin ignoriert, noch weitere Substantive finden?

Wir standen also unter dieser Markise und schauten einer tropfenden Stoikerin hinterher, die in einem dunkelgrau-durchnässten Sweatshirt durch die Pfützen marschierte, dabei an nichts anderes denkend als an dieses Knäckebrot, das sie sich gleich nach ihrer Heimkehr lediglich mit guter dänischer Butter bestreichen würde. Genau so funktioniert Hygge, fiel mir ein. Simplizität und Maß. Reduktion auf das Wesentliche. Ich fühlte mich kompliziert. Auf den Wikingerschiffen, so wurde mir klar, hätte ich keine leitenden Funktionen eingenommen. Ich begriff zudem, dass man sich Hygge erst verdienen muss.

Also gingen wir los. Das Wetter war alles andere als ideal. Wir sagten, nein du sagtest: "Na und?! Wir sind in Kopenhagen, Babe." Vesterbro, so hatte man mich vorgewarnt, ist eine angesagte Gegend. Angesagt nach dem Hamburg-St.-Georg-Prinzip, was heißt: früher überall Junkies, jetzt kreative Lädchen, Restaurants mit essenzialistischen Menükarten, laktosefreie Shiatsu-Massagestudios. Kurz, Vesterbro ist das, was man als trendbewusster Mensch heutzutage verabscheut, mir jedoch, bei anderen klimatischen Verhältnissen, hätte gefallen können. Wasser tropfte aus dem Himmel und aus schulterlangen blonden Männerhaaren. Ich sah Dutzende von Literatur-Darstellern. Einem von ihnen tippte ich vorsichtig auf die Schulter:

"Excuse me."

"Sir."

"You can get a haircut now. Knausgård is finished."

Er hob die Schultern, lächelte, "Maybe you are finished?", und du zogst mich weiter, wir hüpften über die spiegelnden Lachen des Hamburger Stadtteils Vesterbro, wir zerteilten flüssige Bindfäden, die aus den Wolken hingen, und wenig später stießen wir auf ein weiträumiges Gelände, das sich, auch darüber hatte ich mich informiert, "Meatpacking District" nennt. Sofort fühlte ich mich zu Hause. In der Kopenhagener Variante des Fleischbezirks von Manhattan gab es jedoch keine Schießereien, keine bizarren Kellerklubs, nur Gourmetburger-Bratereien und andere High-Profile-Restaurationen. Es war immer noch Vormittag, wir spazierten weiter, eine Frau kam uns entgegengeradelt. Diese Stadt, auch das wusste ich schon vorher, ist die fahrradfreundlichste des Universums. Ob Prinzgemahl oder Wasabi-Wirt, hier fahren alle Rad.

Die Frau war vierzig oder fünfzig oder hundert Jahre alt. Eingefallene Wangen, grau-gelbe Haut, strähnige, zu einem nachlässigen Pferdeschwanz zusammengebundene Haare. Eine alterslose Greisin, die aussah, wie man überall auf der Welt aussieht, wenn man auf eine lange, erfolgreiche Heroinkarriere zurückblicken kann. Das, was sie besonders machte, was sie eindeutig als Bürgerin der dänischen Hauptstadt identifizierte, war aber ganz bestimmt nicht ihre äußere Erscheinung, auch nicht die Tatsache, dass sie Fahrrad fuhr. Es war die Art, wie sie durch die Gegend radelte. Nicht unsicher tastend, opiatgetränkt schwankend, sondern sicher, zielstrebig, zügig, dabei keineswegs hastig. Wieder eine Kopenhagenerin, die sich einfach nur von A nach B bewegte. Regen? Egal. 200 Milligramm Methadon plus Rohypnol-Gewürzmischung im Blut? Egal.

Unbeeindruckt von der Wetterlage © Francis Dean/Getty Iamges

Kopenhagen ist eine behutsame Stadt, doch ihre Bewohner sind hart wie Stein.

Beeindruckt und, was mich anging, eingeschüchtert verließen wir Vesterbro, schlenderten hinüber in die Innenstadt, in Richtung der Repräsentativzonen. Ministerien und Theater, Straßen und Plätze, Touristen und Touristenbusse. Hübsche Stadt, dieses Kopenhagen. Wir erreichten den historischen Hafen. Alte Schiffchen, alte Häuschen, im Untergeschoss durchgängig von trotzig nichtasiatischen Restaurationsbetrieben besetzt. Ich fand alles ziemlich okay, obwohl ich andererseits nicht genau wusste, was das Theater eigentlich sollte. Ich meine, derlei hat Flensburg eventuell auch zu bieten. Und in Flensburg scheint zweimal pro Jahr die Sonne! Wir schauten uns alles an, wir saugten die Eindrücke in uns auf.

Am Vorabend hatte ich – eine meiner letzten Amtshandlungen im schwachsinnigen Literaturbetrieb – eine Lesung im Goethe-Institut absolviert. Nach der Show wurden Wein und Käse gereicht, weswegen ich Unmengen an Wein und Käse zu mir nahm. Irgendwann lief ich angetrunken durch den feinen Tröpfchennebel in der Nähe meines Hotels.