Es klingt wie ein Konjunkturprogramm: Würde die Luftverkehrsteuer abgeschafft, könnte Deutschland weiter boomen. Bis 2030 entstünden 26.000 neue Jobs, und die Wirtschaftsleistung würde gar um 67,4 Milliarden Euro zunehmen. All das behauptet der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL). Es fehlt nur noch ein Finanzminister, der auf die eine Milliarde Euro verzichtet, die die Luftverkehrsteuer zuletzt eingebracht hat.

Wie kommt der Verband, in dem deutsche Flughafenbetreiber und Fluggesellschaften organisiert sind, auf diese Zahlen? Er beruft sich auf die Wirtschaftsprüfer von PricewaterhouseCoopers (PwC). Das Unternehmen behauptet, seine frisch veröffentlichte Studie biete einen "unabhängigen Überblick" über derzeitige Passagiersteuern und eine Schätzung, wie sich diese auswirken. Das passt nicht ganz zu wichtigen Annahmen, die sich in einer Fußnote finden. Daraus geht hervor, dass die Studie auf einer älteren PwC-Erhebung aus dem Jahr 2013 basiert. Dort wiederum steht, dass die Arbeit von PwC "gemäß den Anweisungen unserer Kunden" und "ausschließlich für den alleinigen Nutzen und Gebrauch unserer Kunden durchgeführt" worden sei. Auftraggeber waren vier Fluggesellschaften.

Die Luftverkehrsteuer wurde 2011 eingeführt. Für Flüge innerhalb Deutschlands und in die meisten europäischen Länder fällt ein Steuerbetrag von 7,47 Euro an, für die Mittelstrecke, etwa nach Dubai, beträgt die Steuer 23,32 Euro und für Langstreckenflüge wie in die USA 41,99 Euro. Die Verkehrslobby behauptet, dass die Passagiere ihre Flüge wegen der Steuer häufiger in Nachbarstaaten antreten und daher das hiesige Wachstum der Branche stagniert.

Doch es gibt Zweifel daran. So hat Friedrich Thießen, Finanzprofessor an der Technischen Universität Chemnitz, im Jahr 2013 in einer Untersuchung für die Friedrich-Ebert-Stiftung festgestellt: "Die Veröffentlichungen der Luftfahrtindustrie lassen systematische Lücken und geben kein objektives Bild. Einseitig werden nur ganz bestimmte Arbeitsmarktwirkungen angesprochen und andere weggelassen. Die Arbeitsmarktwirkungen der Branche werden übertrieben dargestellt."

Auch die neue Studie sei wenig glaubhaft, sagt Thießen nun. "Die Studie ist wertlos, denn die wiedergegebenen Daten lassen sich nicht nachvollziehen. Die Methodik ist eine Blackbox." Neben anderen bleibt in der PwC-Studie die für Steuerprognosen entscheidende Frage unbeleuchtet: Können die Passagiere auf den Flug verzichten, wenn ihnen die Steuer zu hoch ist, oder sind sie bereit, fast jeden Preis zu zahlen, um zu fliegen?

In einem jüngst veröffentlichten Evaluierungsbericht weist der BDL darauf hin, dass 83 Prozent der Einnahmen aus der Luftverkehrsteuer auf Flüge aus der Distanzklasse I entfallen. Dort jedoch ist die Steuer mit 7,47 Euro pro Flug vergleichsweise moderat. Kaum ein Urlauber wird auf die Reise nach Venedig verzichten, weil die Flugsteuer so teuer ist wie zwei Espressos auf dem Markusplatz. Das Argument, die Steuer halte viele Reisende vom Fliegen ab, ist damit wenig stichhaltig.

Kurzum: Für die Zahlen der Luftfahrtlobby fehlt eine verlässliche Grundlage. Sie sind empirisch nicht nachzuvollziehen. Der künftige Finanzminister kann die Steuer ruhigen Gewissens weiter erheben.