Als Student fuhr Arie Slob aus seinem verschlafenen Städtchen Amersfoort in das stalinistische Rumänien. Seinen alten Opel hatte er mit etlichen Geheimverstecken präpariert – so erzählte es ein Freund kürzlich in der niederländischen Tageszeitung Trouw, für die ich schreibe. Gottes Wort war in Rumänien verboten, also schmuggelte der heute 55-Jährige die Bibeln eigenhändig hinter den Eisernen Vorhang. Seit letzter Woche ist er Bildungsminister der Niederlande.

Kaum ein Land der Welt ist so durchsäkularisiert wie die Niederlande. Zwei Drittel der Bevölkerung gehen nie in die Kirche, mehr als 40 Prozent gehören überhaupt keiner Religion an. Von Deutschland aus betrachtet sind die Niederlande ein Land, das sich gänzlich von Gott losgesagt hat, in dem alles erlaubt ist, von sanften Drogen über die Homoehe bis zur aktiven Sterbehilfe. Dennoch sitzen seit Kurzem gleich zwei christliche Parteien mit in der Regierung: Arie Slobs calvinistische ChristenUnie (CU) und die katholisch geprägte Christen Democratisch Appèl (CDA). Wie kam es dazu?

Dass eine Partei wie die ChristenUnie mit nur wenigen Prozentpunkten mitregieren kann, hat mit der Aufsplitterung der politischen Landschaft zu tun. Diese wurde in den Niederlanden Realität lange bevor in Deutschland erstmals mehr als drei Parteien am Verhandlungstisch saßen. Bei den Wahlen im März stach nur eine Partei heraus: die liberal-konservative VVD von Premierminister Mark Rutte. Sie gewann 33 der 150 Sitze im Parlament. Nummer zwei wurde die rechtspopulistische PVV von Geert Wilders mit 20 Sitzen, gefolgt von den linksliberalen Demokraten der D66 und den Christdemokraten, beide mit 19 Sitzen. Dahinter drängen zehn weitere Parteien ins Parlament. Dass Rutte zum vierten Mal Premierminister werden wird, war klar. Ansonsten stand nur fest, dass die Wilders-Partei ausgeschlossen werden sollte und die Sozialdemokraten, bei denen die Wahl so katastrophal verlief wie in Deutschland, nicht mit von der Partie sein werden. Sie fielen von 38 auf neun Sitze.

Koalitionen aus drei Parteien sind in den Niederlanden nicht ungewöhnlich. Um ein kleines, dicht bevölkertes Land mit so vielen politischen Strömungen manövrierfähig zu halten, ist Pragmatismus geboten. In den Niederlanden hat sich eine besondere Verhandlungskultur entwickelt, nicht nur zwischen den Parteien, sondern auch zwischen der Politik, den Unternehmen und den Gewerkschaften. Kompromisse zu schließen, alle an einen Tisch zu bringen und sich zusammenzuraufen – dafür haben die Holländer sogar ein eigenes Wort: "polderen". Es meint die Landgewinnung im Meer. Im ewigen Kampf gegen das Wasser mussten die Niederländer lernen, zusammenzuarbeiten.

So schwer wie dieses Mal aber war es noch nie: Ohne die rechtspopulistische Wilders-Partei kamen die großen Parteien nur auf 71 Sitze – gerade nicht genug für die Mehrheit im Parlament. Eine der kleinen Parteien musste her, um den gemeinsamen Feind Rechtspopulismus zu bekämpfen. Zuerst verhandelte Ministerpräsident Rutte mit GroenLinks (eine Mischung aus Linkspartei und Grünen in Deutschland). Die Verhandlungen scheiterten. Obwohl der andere Koalitionspartner, die liberale D66, die Zusammenarbeit mit der calvinistischen ChristenUnie mehrmals ausgeschlossen hatte und umgekehrt, kam die kleine Partei nun in die engere Auswahl. Ideologisch könnten die ChristenUnie und D66 nicht weiter voneinander entfernt sein. In den progressiven neunziger Jahren, als zum ersten Mal keine Christen mitregierten, legalisierten die Liberalen die Sterbehilfe. Mit den letzten Worten von Jesus am Kreuz jubelte die D66-Gesundheitsministerin Els Borst damals: "Es ist vollbracht!" Seitdem ist den Liberalen der Hass der konservativen Protestanten sicher. Regieren müssen sie jetzt dennoch zusammen. Der Gegner Geert Wilders vereint die Gegensätze.

So klein die ChristenUnie auch ist, ihr Einfluss auf das Regierungsprogramm ist erheblich. Ihre Macht konnte die calvinistisch geprägte Partei vor allem bei medizinethischen Themen ausspielen. Eine weitere Liberalisierung auf diesem Gebiet wird es in den kommenden vier Jahren nicht geben. Seit Jahren wütet in den Niederlanden eine Debatte, ob Menschen, die ihr Leben als vollendet ansehen, Hilfe zur Selbsttötung bekommen sollten. Bisher ist dies nur möglich, wenn ein Arzt ein "unerträgliches und aussichtsloses Leiden" diagnostiziert. Ein Vorschlag der Liberalen lautete: Menschen, die keinen Sinn im Weiterleben sehen, sollten auch Sterbehilfe bekommen. Die beiden christlichen Parteien, vor allem aber Arie Slobs ChristenUnie, waren dagegen – und konnten sich durchsetzen: das Sterbehilfegesetz wird in den kommenden vier Jahren nicht ausgeweitet, so steht es explizit in den Regierungsvereinbarungen. Auch die Gewinnung embryonaler Stammzellen für die Forschung – ein weiteres heikles Thema – bleibt verboten, womit noch ein heißer Wunsch der Liberalen unerfüllt bleibt.

Doch eine christliche Regierungspartei in Holland muss mit anderen Kompromissen leben als die deutsche CDU. Die neue Regierung in den Niederlanden wird beispielsweise gegen ihren Willen mit dem legalen Anbau von Marihuana experimentieren. Ihre bitterste Niederlage aber musste die ChristenUnie mit ihrer liberalen Migrationspolitik hinnehmen: Die neue Regierung will Asylsuchende schneller in "sichere Drittländer" abschieben und ihnen die Rechtsbeihilfe streichen. Einen Anwalt einzuschalten wird für Flüchtlinge jetzt sehr viel schwerer. Parteiinterne Kritiker werfen der Führung der ChristenUnie vor, die Seele der Partei zu verkaufen. Auf einem Parteikongress kurz nach der Präsentation der Koalitionsvereinbarung sagte ein Parteimitglied: "Die ChristenUnie muss entweder ihren Namen oder die Koalitionsvereinbarung ändern." Die Bibel lasse keinen Spielraum, was die Nächstenliebe für Fremde angehe.

Ganz anders sieht das die mehrheitlich katholische CDA. Die Partei entstand zwar aus einer Fusion der katholischen Volkspartei und zwei protestantischen Parteien, der linke Flügel aber ist heute kaum mehr zu vernehmen. Der konservative Flügel dominiert, die meisten Wähler der CDA wohnen heute im katholischen Süden des Landes. Abgesehen vom Bekenntnis zur "Nächstenliebe" und "traditionellen Familie" eint die beiden Parteien nur das C im Namen. Geht es um ökonomische und soziale Themen, tritt die ChristenUnie deutlich progressiver auf und wird deshalb eher dem linken Spektrum zugeordnet. Als die Basis der ChristenUnie etwa über die verschärften Abschieberegeln murrte, war die CDA dafür. Die Partei hatte unter der Führung von Sybrand Buma in den vergangenen Jahren einen rechten Kurs gefahren, einen Kurs, der in vielen Punkten kaum von dem Geert Wilders’ zu unterscheiden war. Erkennbar war das etwa in der vorletzten Regierung: Damals im Jahr 2010 regierte eine Minderheitenregierung unter Ruttes VVD, die im Parlament von Geert Wilders toleriert wurde. Dadurch regierte der Rechtspopulist mit, ohne direkt an der Regierung beteiligt zu sein.

Für viele CDA-Mitglieder war das ein Pakt mit dem Teufel. Auch für Ministerpräsident Mark Rutte war es keine angenehme Erfahrung. Indem er aber Wilders’ Rhetorik in abgeschwächter Form nachahmte, versuchte er die Wähler zurückzugewinnen, die die regierenden Parteien in den letzten 15 Jahren an die Rechten verloren hatten. Eine riskante Strategie.

Auch die CDA bestärkte ihn darin. So war sie bei den Wählern vor allem deshalb erfolgreich, weil ihr Parteichef Sybrand Buma vor Migration und missglückter Integration gewarnt hatte. Die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951, schlug er vor, müsse an die heutige Zeit angepasst werden. Zudem wollte er die Wilders-Wähler, die in den Niederlanden oft "Wutbürger" genannt werden, als "einfache Niederländer" bezeichnet wissen. Die Formulierung schaffte es sogar mehrfach in den Koalitionsvertrag. Wie Wilders glaubt Buma, dass das christliche Fundament der Niederlande nicht verwässert werden dürfe. Außerdem kritisierte er das "Fortschrittsdenken" und den "Individualismus" des linken Lagers. Damit zielte er besonders auf die Liberalen, mit denen er nun koalieren muss.

Das Beispiel zeigt: Die neue Koalition in den Niederlanden ist kein Liebesheirat, sondern ein Bündnis der Not. Das wird in abgeschwächter Form auch für die Jamaika-Koalition gelten, an der in Deutschland gerade die Union, die Grünen und die Liberalen arbeiten. Auch hier fordern einige Konservative aus den C-Parteien, den Rechtspopulisten den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem man selbst nach rechts steuert. Ob die linksliberalen Koalitionspartner das mitmachen, ist allerdings fraglich. In einer zunehmend fragmentierten Parteienlandschaft jedenfalls kann Angela Merkel für die Koalitionsverhandlungen von den Niederländern das Polderen lernen. Aber vielleicht hat sie den grenzenlosen Pragmatismus der Holländer auch schon längst verinnerlicht.