DIE ZEIT: Herr Knigge, AfD-Politiker fordern eine "erinnerungspolitische Wende", erklären den "Schuldkult" für beendet oder sagen, man müsse sich "diese zwölf Jahre jetzt nicht mehr vorhalten" lassen. Hat es die AfD mit solchen Aussagen im Osten leichter als im Westen, weil die DDR anders mit der NS-Schuld umging?

Volkhard Knigge: Das kann man nicht so pauschal sagen. Die Geschichtskulturen beider deutscher Staaten unterscheiden sich zwar. Aber beide Kulturen bieten Anknüpfungspunkte für Argumentationen, wie wir sie jetzt von der AfD hören. Die Aufarbeitung der NS-Zeit war auch im Westen lange Zeit nicht selbstverständlich. Wenn ich Gauland und Höcke höre, habe ich erst einmal als Westdeutscher ein Déjà-vu.

ZEIT: Warum?

Knigge: Weil das auch Aussagen etwa des nationalkonservativen Flügels der CDU in den 1970er Jahren sein könnten. Dieser Flügel nannte die Aufarbeitungskultur "Nestbeschmutzung", forderte, aus dem Schatten von Auschwitz herauszutreten oder einen mentalen Schlussstrich zu ziehen. Franz Josef Strauß sagte noch 1969: "Schluss mit ewiger Vergangenheitsbewältigung als gesellschaftlicher Dauerbüßeraufgabe". Da versteht man vielleicht besser, wieso ein Björn Höcke, Alexander Gauland oder Jens Maier aus dem Westen in der Frage so gut mit einigen Leuten aus dem Osten zusammenpassen.

ZEIT: Wie wurde die NS-Zeit denn in der DDR aufgearbeitet?

Knigge: Gesellschaftlich kaum. Das Geschichtsbild war staatlich gelenkt: Der Nationalsozialismus war ausschließlich ein Werk Hitlers und seiner Clique im Dienste des in die Krise geratenen Kapitalismus. Der kommunistische Widerstand war im Mittelpunkt. Das deutsche Volk war in erster Linie Opfer. Der Faschismus galt als Regime-, nicht auch als Gesellschaftsverbrechen. Die DDR begriff sich zudem als der Teil Deutschlands, in dem der Faschismus mit seinen Wurzeln ausgerottet sei. So sprach die DDR-Regierung von oben fast alle frei. Die Mehrheitsbevölkerung musste nie in den Blick genommen werden, der Rückhalt des Faschismus bei normalen Deutschen wurde nie debattiert.

ZEIT: Haben Sie ein Beispiel?

Knigge: Da fällt mir gleich die Thematisierung von Weimar und Buchenwald ein: Es war zur NS-Zeit allen in der Umgebung bekannt, dass es das KZ Buchenwald gab, es war sogar im Telefonbuch der Kulturstadt Weimar aufgeführt. Es stand im Telefonbuch! Aber in der DDR wurde nie gefragt, was die Bevölkerung Weimars wusste – oder wie sie sogar profitiert hatte. Kultur und Barbarei wurden als Gegensätze betrachtet. So geriet aus dem Blick, dass die Verbrechen mitten in einer Kulturnation stattfanden. Es fehlten innergesellschaftliche Debatten.

ZEIT: Das, was im Westen 1968 stattfand.

Knigge: Genau. Nur begann die Kritik an der fehlenden Aufarbeitung dort schon früher, ab etwa 1960. So entstand eine Zivilgesellschaft, die Ableugnen und fehlende Auseinandersetzung nicht mehr hinnehmen wollte. Es gab den Auschwitz-Prozess, Debatten um die Verjährung der Morde, um personelle Kontinuitäten in Politik, Wirtschaft, Justiz. Um Täter, Tatgehilfen, Zuschauer – damit um konkrete Schuld und Verantwortung. Die Ausstrahlung einer Fernsehserie wie Holocaust, von Filmen wie Schindlers Liste oder die Gedenkstätteninitiativen ab Anfang der 1980er haben diese Prozesse forciert. Richard von Weizsäcker hielt 1985 seine Rede, in der er als erster Bundespräsident den 8. Mai als Befreiungstag bezeichnete. Es verknüpften sich in der Aufarbeitung Politik und Zivilgesellschaft. Das hat aber vielen Altvorderen nicht gefallen.

ZEIT: Warum entstand so was nicht in der DDR?

Knigge: Das hängt mit der Staatsform zusammen. Es gab keine öffentlichen Räume, keine kritischen Diskussionen, weil der Staat sofort interveniert hätte, auch mit Repressionen. In Bürgerrechts- oder Kirchenkreisen war man sich des Defizits aber bewusst.