Lernen Sie, bevor Sie nach Nürtingen reisen, einen kleinen Satz. Er wird Ihnen Anerkennung einbringen unter den Einheimischen, sofern Sie ihn im richtigen Moment einsetzen. Er heißt: "Halt’s Maul, mei Vaddr schafft beim Daimler!" Er mag etwas ruppig klingen, lassen Sie sich davon nicht irritieren. In einer Region, in der man Freude am Wiedersehen mit "Leck mich am Arsch, bisch au da?!" ausdrückt, da hat Herzlichkeit ein anderes Gesicht. Behalten Sie den Daimler-Satz im Kopf.

Wenn Sie die Wahl haben, nähern Sie sich von Westen, aus Richtung Tübingen. Das Beste erwartet Sie kurz hinter dem Ortsschild. Blick über den Neckar zur Stadtkirche, die umstellt ist von Fachwerkhäusern. Wenn Sie ein Foto aus Nürtingen verschicken wollen – hier ist das Motiv. Im Sommer können Sie am Neckar Ruderboote mieten, sehr zu empfehlen.

Beginnen wir mit einem Spaziergang durch die Altstadt. Kleine Gässchen, wenig Parkplätze. Falls es die Öffnungszeiten zulassen, besteigen Sie den Turm der Stadtkirche: Sie werden auf einen dicht besiedelten, fleißigen und gesegneten Streifen Deutschland hinunterblicken. Gewerbegebiete, Bundesstraßen. Weiter hinten sehen Sie die Schwäbische Alb. Südwestlich ist Metzingen, die Heimat von Hugo Boss und der größten Outlet-City der Republik. Erwähnen Sie diese Stadt nicht in Nürtingen, niemals. Metzingen ist mit Gewerbesteuereinnahmen reich geworden, die grob geschätzt dem Bruttosozialprodukt der Slowakei entsprechen. Und ein Schwabe hat es nicht so gerne, wenn der Nachbar deutlich reicher ist. Schnell runter vom Turm.

Ihr Weg führt Sie zum Schillerplatz. Davor biegen Sie jedoch in die Brunnsteige ein und besuchen das Eiscafé Lazza. Hier sagen die Leute Dinge, die Ortsfremde möglicherweise verwirren. Sie rufen zum Beispiel den Kellner heran (Italiener in kurzen Hosen, seltene Spezies) und sagen in dreifacher Zimmerlautstärke: "Duu, machsch mir a Ladde?" Übersetzt heißt das: "Ich hätte gerne einen Latte macchiato." Und weil es schön ist, Italiener schwäbisch reden zu hören, gehen Sie die Straße runter zum Restaurant La Scala, und essen Sie dort eine günstige Margherita.

Am Schillerplatz besuchen Sie die Buchhandlung Zimmermann. Blättern Sie in einem Gedichtband von Hölderlin, der hat hier seine Jugend verbracht und die Lateinschule besucht. Bis er irgendwann merkte, dass Tübingen schöner ist. Schauen Sie in einen Härtling – Peter Härtling hat in Nürtingen das zweitbeste Gymnasium besucht und ist Ehrenbürger der Stadt. Oder Sie ziehen einen echten Harald Schmidt aus dem Wühltisch. Zum Beispiel den Megabestseller Sex ist dem Jakobsweg sein Genitiv. Schmidt wuchs in Nürtingen auf und besuchte das mit Abstand beste Gymnasium der Stadt, das Hölderlin-Gymnasium. Aber nicht nur blättern, kaufen Sie auch was. Der Zimmermann muss auch seinen Strom zahlen, gell?

Jetzt geht es über den Schillerplatz zum Ochsenbrunnen. Hier beobachten Sie Schwaben beim Versuch, das Leben zu genießen. Wie sie unentschlossen auf dem Brunnenrand sitzen und Eis essen – stets in der bangen Erwartung, jemand könnte sie fürs Nichtstun schelten. Linker Hand, hinter der Kreuzkirche, besichtigen Sie ein Politikum. Die Stadthalle. Die hat man nach ihrem teuren Neubau K3N genannt ("Kunst, Kultur, Kongresse in Nürtingen"), was den Leuten hier reichlich bescheuert vorkommt. Der Schwabe mag Solidität und verachtet Schnickschnack. Wenn Sie ins Gespräch kommen wollen: Sagen Sie einem Passanten, wie dämlich Sie den Namen finden. Schon werden Sie zu einer Kugel Eis eingeladen (Achtung: Sie müssen selber zahlen).

Als Andenken kaufen Sie eine Nürtinger Zeitung, die beste und einzige Zeitung der Stadt. Mit der gerollten Ausgabe unter dem Arm schlendern Sie Richtung Bahnhof. Vielleicht kennen Sie den legendären Fernsehmoment, als Harald Schmidt jede Einzelheit des Bahnhofs erklärte, Abfahrtszeiten nach Neuffen und so weiter. Werfen Sie einen Blick in die kahle Empfangshalle, und essen Sie nebenan, beim beliebten Hutzelmännle Grill, zum Abschied eine Portion Pommes. Und wenn jemand in der Schlange drängelt, Sie zur Seite schiebt und fragt: "Was willsch du?", dann antworten Sie: "Halt’s Maul, mei Vaddr schafft beim Daimler!" Und schon lässt man Sie vor.