Wie er da vor den Kameras steht und sich selbst lobt, wie er auf Twitter seine Intelligenz preist und sein Auftreten vor Parteikollegen feiert: Es scheint keinerlei Zweifel daran zu geben, dass er wirklich der Größte, der Beste, der Tollste ist – zumindest für Donald Trump selbst nicht.

Wie kann man nur so großspurig sein, so dick auftragen und so unverfroren lügen? Wie verdrängt dieser Mann die Realität, dass er einer der unbeliebtesten amerikanischen Präsidenten der letzten Jahrzehnte ist? Da liegt die Frage nicht fern, wie es um die geistige Gesundheit von einem bestellt sein kann, der sich so verhält. Ist Trump psychisch krank, möglicherweise sogar so sehr, dass er sein Amt nicht mehr ausführen kann und abgesetzt werden sollte?

Diese Fragen begleiten seine Präsidentschaft von Anfang an, inzwischen verhandeln Fachleute sie ganz öffentlich. The Dangerous Case of Donald Trump heißt das Buch, das 27 Fachleute – darunter bekannte Psychiater oder Experten für geistige Gesundheit – soeben herausgebracht haben. "Der gefährliche Fall des Donald Trump": Schon der Titel macht klar, wie die Autoren den US-Präsidenten einschätzen. Sie sind nicht die Einzigen: Immer wieder äußern sich Psychiater und Psychologen und attestieren Donald Trump eine psychische Krankheit. Im Februar etwa hatten Experten eine Art Warnbrief an die New York Times geschrieben: Es stehe zu viel auf dem Spiel, um noch länger zu schweigen. Häufigste Diagnose der Warner: krankhafter Narzissmus, eine krankhafte Selbstbewunderung also.

Nur gibt es bei all den Diagnosen ein Problem. Keiner dieser Fachleute hat Trump je untersucht. Stattdessen haben sie lediglich aus der Ferne auf sein Seelenleben geschlossen – ein Vorgehen, das normalerweise verpönt ist und dementsprechend von anderen Experten deutlich kritisiert wurde. Denn Ferndiagnosen sind fehleranfällig. Und für einen Ferndiagnostiker ist es leicht, die eigene politische Einschätzung einfließen zu lassen. Tatsächlich zeigt die Geschichte, dass gerade psychiatrische Diagnosen immer wieder als Waffe benutzt wurden, um Gegner zu denunzieren oder gar aus dem Weg zu schaffen.

Deswegen sind in Deutschland Ferndiagnosen standesrechtlich problematisch. Und deshalb wird in den USA auch die sogenannte "Goldwater Rule" hochgehalten. Benannt ist sie nach dem republikanischen Senator Barry Goldwater, der 1964 für die Präsidentschaft kandidiert hatte. Auch ihm wurde unter anderem ein krankhafter Narzissmus attestiert. Als das Magazin Fact dann kurz vor der Wahl das Ergebnis einer Umfrage unter Psychiatern veröffentlichte, wurde daraus die Schlagzeile: "1.189 Psychiater sagen, dass Goldwater psychologisch nicht geeignet ist, Präsident zu sein". Goldwater verlor die Wahl gegen den Demokraten Lyndon B. Johnson. Vor Gericht gewann er – gegen den Journalisten, der die Umfrage veröffentlicht hatte. 75.000 Dollar Schadensersatz sprachen die Richter dem Stigmatisierten zu.

Psychiatrie und Politik passten einfach nicht zusammen, sagt der Kritiker Allen Frances

Als Reaktion beschloss die Vereinigung amerikanischer Psychiater, die American Psychiatric Association, es sei unethisch, einen Menschen aus der Ferne zu diagnostizieren und das Resultat öffentlich zu machen. Diese Goldwater Rule hat bis heute Bestand, viele Psychiater berufen sich jetzt auf sie, wenn sie Kollegen kritisieren, die Trump als krankhaften Narzissten diagnostizieren.

"Ich unterstütze die Goldwater Rule, denn Psychiatrie und Politik passen einfach nicht zusammen", erklärte der Psychiater Allen Frances kürzlich im British Medical Journal . Seine Stimme hat besonderes Gewicht, denn Frances hat im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM), einem der wichtigsten psychiatrischen Diagnosehandbücher, jene Kriterien erarbeitet und beschrieben, die für eine narzisstische Persönlichkeitsstörung erfüllt sein müssen – just jenes Leiden, das Donald Trump am häufigsten attestiert wird. Warum er an der Goldwater Rule festhält, begründet Frances mit seiner Erfahrung: "Meine jahrelange Arbeit an den verschiedenen Versionen des DSM lehrte mich die schmerzliche Lektion, dass alles, was missbraucht werden kann, auch missbraucht wird."

Bandy Lee von der Yale School of Medicine und Herausgeberin von The Dangerous Case of Donald Trump hält dem entgegen, es sei geradezu die Pflicht der Psychiater, "Alarm zu schlagen, wenn jemand, der über unser aller Leben und Tod entscheiden kann, eindeutige Zeichen einer gefährlichen geistigen Beeinträchtigung zeigt". Tue der Berufsstand der Psychiater das nicht, werde das Vertrauen der Öffentlichkeit verletzt, argumentieren Lee und Judith Lewis Herman von der Harvard Medical School im Vorwort.

Kann Trump sich selbst beurteilen?

Wenn aus besonderer Fachkenntnis besondere Verantwortung erwächst – welche Verantwortung ist das? Sollen sich Experten einmischen oder zurückhalten? Auch viele deutsche Fachleute beschäftigt diese Frage. Ähnlich wie Lee und Herman argumentiert etwa Claas-Hinrich Lammers. Er ist Ärztlicher Leiter der Asklepios Klinik Nord-Ochsenzoll in Hamburg, er beschäftigt sich immer wieder mit dem Thema Narzissmus. Lammers fragt offen: "Wenn jemand so gefährlich ist – warum soll man sich da zurückhalten mit einem öffentlichen Urteil?" Habe man da nicht geradezu die moralische Pflicht, Stellung zu beziehen? Allerdings bestehe auch die Gefahr, dass damit Tür und Tor geöffnet würden und "mit irgendwelchen Diagnosen um sich geschmissen wird – die niemand richtig widerlegen kann", sagt Lammers. Das müsse man gegeneinander abwägen.

Vor voreiligen Urteilen warnt auch Sabine Herpertz, Ärztliche Direktorin der Klinik für Allgemeine Psychiatrie am Universitätsklinikum Heidelberg, ganz generell. Aber: "Ich halte Trump für gefährlich. Deswegen kann ich mich meinen amerikanischen Kollegen nur anschließen." Normalerweise äußere sie sich nicht zu einer öffentlichen Person. "Aber in dem Fall habe ich eine Verantwortung, auch als Wissenschaftlerin", sagt die Psychiatrieprofessorin. "Man darf sich in solch bedrohlichen Situationen, auf die wir zusteuern könnten, nicht auf wissenschaftliche Neutralität zurückziehen. Deswegen habe ich mich entschieden, Stellung zu beziehen."

Aber kann man denn Donald Trump überhaupt aus der Ferne diagnostizieren, ohne ihn je untersucht oder gesprochen zu haben? Lässt sich sein Seelenleben allein aufgrund seines Verhaltens in der Öffentlichkeit deuten? Üblich ist eine ähnliche Konstellation im Gerichtssaal, wo forensische Psychiater Beschuldigte begutachten. Dann geht es etwa um die Schuldfähigkeit. Aber ist das vergleichbar? Eine Diagnose anhand von TV-Auftritten und Tweet-Kaskaden?

Erstaunlicherweise herrscht in diesem Punkt große Einigkeit: Man kann, sagen die meisten US-Experten. Sabine Herpertz erklärt das so: "Trump ist ja ein sehr exponierter Mensch, der viel von sich zeigt. Das macht eine Ferndiagnose leichter, zumal das Bild, das er von sich entwirft, sehr einheitlich ist." So unterscheide sich Trump von Auftritt zu Auftritt nicht sehr.

Bei Trump ist es ungewöhnlich leicht, eine Ferndiagnose zu stellen

Claas-Hinrich Lammers geht noch einen Schritt weiter: "Die Kriterien sind extra so definiert, dass die Diagnose aus ganz klar beobachtbaren Phänomenen gestellt werden kann", sagt er. "Deswegen ist es auch gut möglich, die narzisstische Persönlichkeitsstörung aus der Distanz zu diagnostizieren." Außerdem erfülle Trump alle Kriterien "in einer solchen Prägnanz und Deutlichkeit, dass es schon faszinierend ist". Selbst Allen Frances, der Verteidiger der Goldwater Rule, nannte Trump in einem Aufsatz einen "Posterboy für Narzissmus". Trump zeige "in Reinform jedes einzelne Symptom, das im DSM für narzisstische Persönlichkeitsstörungen beschrieben ist", schrieb Frances im Wissenschaftsmagazin Stat.

Zu diesen Symptomen gehören: mangelnde Empathie, ein überzogenes Selbstwertgefühl, Herabsetzung anderer, das Heischen nach Bewunderung. Bei dieser Aufzählung mag nicht jeder sofort an eine Persönlichkeitsstörung denken. "Viele erfolgreiche Menschen sind extrem narzisstisch, ohne gleich geisteskrank zu sein", sagt Frances. Man müsse nur an viele von sich selbst überzeugte Berühmtheiten denken, an Politiker, Künstler, Rechtsanwälte, Ärzte und Professoren. Vor allem in Führungsebenen ist ein gewisser Grad an Narzissmus geradezu Bedingung für den Erfolg.

Narzissmus wird darum auch erst als Krankheit gewertet, wenn der Narzisst selbst darunter leidet. So wirkt Trump nicht. Der Mann möge zwar ein Weltklasse-Narzisst sein, betont Frances, das mache ihn aber nicht geisteskrank, denn er leide nicht unter der Not und Beeinträchtigung, die für die Diagnose einer psychischen Störung erforderlich seien. Wenn er aber nicht krank sei, gebe es auch keinen medizinischen Grund, an seiner Amtsbefähigung zu zweifeln, argumentieren diejenigen, die für Zurückhaltung plädieren.

Narzisst, angstfrei, antisozial

"Donald Trump leidet vielleicht selbst nicht unter seiner narzisstischen Persönlichkeitsstörung, aber andere leiden unter ihm – und das ist das Entscheidende", hält Lammers entgegen. Fraglich ist auch, ob sich Trump überhaupt selbst beurteilen kann. Er empfindet sich ja nicht als gestört, sondern als großartig. Die Schuld sieht er immer bei anderen, der Presse etwa. Wie soll er da auf die Idee kommen, dass vielleicht etwas nicht stimmt mit ihm?

Hinzu kommen nach Ansicht von Experten Eigenschaften, die seine Gefährlichkeit noch steigern – und ihn damit für das Amt des US-Präsidenten ungeeignet machen. "Er zeigt ein hohes Maß an Angstfreiheit – eine Eigenschaft, die antisoziale Menschen auszeichnet", sagt Herpertz. "Die findet sich in seiner Politik wieder, wenn er andere Politiker provoziert und es zu rhetorischen Eskalationen kommen lässt." Sie attestiert ihm auch eine Spielernatur: "Er versucht immer wieder irgendetwas, und wenn es nicht klappt, zieht er es schnell zurück und kommt mit einem neuen Vorschlag. So wechseln sich Drohgebärden mit Rückzugsgefechten ab." Auch das sei typisch für antisoziales Verhalten.

Narzisst, angstfrei, antisozial – das mag drastisch klingen. Aber könnte der US-Präsident aufgrund einer Krankheit auch des Amtes enthoben werden? Die Antwort ist eindeutig: Ja. Laut Verfassung müsste sich dafür aber nicht nur der Vizepräsident gegen ihn stellen, sondern auch das Kabinett und die Mehrheit im Kongress. Das theoretisch mögliche Szenario gilt in der politischen Praxis als ziemlich unwahrscheinlich.

Das macht die Warnung von Bandy Lee und ihren Mitautoren umso brisanter. Trumps Verhalten habe Auswirkungen auf die Gesellschaft. Er dringe gleichsam in die Seele der Nation ein, das Pathologische werde mit der Zeit normal, warnen sie. Einer der Autoren des Buchs, der amerikanische Psychiater Thomas Singer, drückt es in der Sprache seines Gegenstandes aus, ganz vulgär: "Trump has grabbed the American psyche by the ›pussy‹. " (Trump hat der amerikanischen Psyche in den Schritt gefasst.)

Schon deshalb haben viele Psychiater in den USA umgedacht. Bis vor Kurzem hätten viele ihrer amerikanischen Kollegen es noch abgelehnt, an die Öffentlichkeit zu gehen, erzählt Sabine Herpertz. Nun aber sähen sie ihre Verantwortung und meldeten sich zu Wort.

Könnte man sich eine vergleichbare Situation in Deutschland vorstellen? Claas-Hinrich Lammers antwortet, dass er sich mit einer öffentlichen Äußerung wahrscheinlich schwertun würde, "aber es gäbe wohl irgendwann einen Punkt, an dem ich sagen würde: Es ist meine Pflicht, öffentlich Stellung zu beziehen, um vor etwas zu warnen, das ich als Gefahr erkannt habe".