Die Rente mit 63 soll abgeschafft werden. Das hat Jens Spahn, CDU-Präsidiumsmitglied und Teilnehmer der Sondierungsgespräche für eine Jamaika-Koalition, Anfang der Woche gefordert. Die neue Regierung solle "diese Frühverrentung auslaufen lassen und mit den eingesparten Milliarden lieber die Renten von Witwen oder Erwerbsgeminderten stärken", sagte Spahn in einem Interview mit der Rheinischen Post.

Der Vorschlag zielt in die richtige Richtung – die Rente mit 63 war ein Fehler. Aber eine Reform darf sich nicht darauf beschränken, diese eine Regelung zurückzunehmen. Genau genommen handelt es sich nämlich um eine Sonderregel zu einer Sonderregel der Sonderregel.

Grundsätzlich gilt im Rentensystem, dass ab einer vorgegebenen Altersgrenze die normale Rente ausgezahlt wird. Diese Grenze steigt bis zum Jahr 2031 schrittweise auf 67 Jahre. Zu dieser Altersgrenze gibt es seit Langem eine Sonderregel: die Rente für "langjährig Versicherte". Wer mindestens 35 Versicherungsjahre vorweisen kann, darf ab 63 in Rente gehen. Allerdings wird die Rente dann – je nach Geburtsjahr – gekürzt. Das passt noch zur Logik der Rentenkasse: Wer weniger (lange) einzahlt, bekommt auch weniger heraus.

Auslaufmodell?

Quelle: Deutsche Rentenversicherung, Angaben gerundet © ZEIT-Grafik

Doch auch zu dieser Sondervorschrift wurde im Jahr 2012 eine weitere Spezialregel hinzugefügt: die Rente für "besonders langjährig Versicherte". Sie gilt für diejenigen mit mindestens 45 anrechenbaren Jahren auf ihrem Rentenkonto. Ihnen wurde erlaubt, künftig weiter mit 65 statt 67 Jahren in Rente zu gehen – ohne Abschläge.

Im Jahr 2014 wurde diese Sonderregelung wiederum um eine Besonderheit ergänzt: Für einige Geburtsjahrgänge ist es nun möglich, ab 63 Jahren ohne Kürzung in Rente zu gehen. Stufenweise steigt auch hier das erlaubte Zugangsalter – sodass es für alle, die nach 1963 geboren sind, bei der seit 2014 geltenden Schwelle von 65 bleibt.

Na, ist Ihnen auch schwindelig geworden? Das Rentenrecht ist inzwischen voll von solchen Ausnahmen.

Nur die 2014 eingeführte Änderung ist gemeint, wenn von der sogenannten Rente mit 63 die Rede ist. Um sie gab es schon damals viel Streit. Es ist eine Sonderregelung, die nur für wenige Jahrgänge greift. Gerecht ist das nicht. Von ihr profitieren außerdem nur Menschen mit einem überdurchschnittlich hohen Rentenanspruch, Berufstätige, die eben sehr lange unterbrechungsfrei in der Rentenversicherung waren. Es geht also nicht etwa darum, Altersarmut zu bekämpfen – die droht anderen.

Die Rente mit 63 wurde stattdessen damit begründet, sie solle "Lebensleistung" anerkennen. Als ob es bei der Rente sonst nicht darum ginge, die Lebensleistung – im versicherungsrechtlichen Sinne – anzuerkennen. Dafür sollte eigentlich die Rentenformel sorgen, die für alle gilt.

Es wäre daher gut, würde die Jamaika-Koalition den Sonderweg der Rente mit 63 nicht fortsetzen. Allerdings bringt eine Korrektur nur in diesem Punkt wenig. Allen, die schon die Rente mit 63 bekommen oder die ihre Lebensplanung darauf ausgerichtet haben, kann man sie nicht einfach wegnehmen.

Besser wäre es, den Zugang zur Rente insgesamt neu zu regeln. Statt vieler Sonderregeln und kleinteiliger Vorgaben sollte sich die künftige Regierung an ein echtes Reformwerk wagen: ein Recht, flexibel zu wählen, für alle. Was spricht gegen ein Modell, bei dem jeder frei entscheiden kann, wann er in den Ruhestand geht? Das wäre möglich, wenn man die individuellen Ruhestandsbezüge der Versicherungsmathematik entsprechend erhöht oder kürzt. Die FDP wirbt für so ein Modell. Natürlich muss es auch in diesem Fall eine besondere Leistung für diejenigen geben, die krank sind und nicht mehr arbeiten können oder deren Rente am Ende nicht für ein würdiges Leben reicht. Zum Schutz vor Altersarmut braucht es auch hier ein von allen finanziertes Netz. Aber immer mehr Sonderregeln sorgen keineswegs für immer mehr Gerechtigkeit.