Fünf Jahre lang hat seinerzeit der "Unabhängige Ermittler" Kenneth Starr Beweise gegen Bill Clinton und seine Frau Hillary gesucht, anfangs wegen eines zweifelhaften Immobiliendeals der beiden, später wegen der Affäre des Präsidenten mit der Praktikantin Monica Lewinsky. Die Untersuchungen führten schließlich zu einem Amtsenthebungs-Verfahren gegen Bill Clinton, wegen Falschaussagen und Behinderung der Justiz, sie überschatteten seine Amtszeit und vergifteten das politische Klima in den Vereinigten Staaten nachhaltig.

Kritiker warfen Kenneth Starr damals eine Hexenjagd auf den Präsidenten vor, bohrenden Hass und eine Besessenheit, den legitimen Präsidenten aus dem Amt treiben zu wollen. Exakt so sehen heute die Anhänger des jetzigen US-Präsidenten die Untersuchungen des Sonderermittlers Robert S. Mueller wegen möglicher Verstrickungen der Trump-Kampagne mit Russland: Das alte, verkommene Establishment in Washington tue alles, um den vom Volk gewählten Präsidenten daran zu hindern, seine Arbeit zu machen und sein radikales Reformprogramm durchzusetzen.

Man muss diese Einschätzung nicht teilen, man sollte sie aber in Erinnerung behalten, gerade jetzt, da Mueller offiziell Anklage gegen drei ehemalige Wahlkampf-Mitarbeiter von Trump erhoben hat. Denn so spektakulär die juristischen Schritte auch sind – bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe jedenfalls hatte Mueller noch keinerlei Beweise dafür präsentiert, dass es irgendein schmutziges Zusammenwirken zwischen Moskau und Donald Trump gegeben hat.

Der prominenteste Angeklagte ist Paul Manafort. Der erfahrene Wahlkämpfer und ziemlich zwielichtige Lobbyist, der über einträgliche Verbindungen nach Osteuropa, speziell in die Ukraine, aber auch zu russischen Oligarchen verfügt, war 2016 etwa fünf Monate lang Chef von Trumps Kampagne. Die Anklage wirft ihm (und einem engen Mitarbeiter) in erster Linie Steuerhinterziehung, Geldwäsche in Millionenhöhe und Verstöße gegen die Pflicht vor, die Beschäftigung als Lobbyist für ausländische Regierungen bei den US-Behörden anzumelden.

Das sind erhebliche Anschuldigungen, und sollte ein Gericht Paul Manafort und seinen Mitarbeiter deshalb verurteilen, drohen ihnen drastische Strafen. Mit der Wahl von Donald Trump aber, und das ist das politisch Entscheidende, hat das alles bislang nichts zu tun. Das Wort "Trump" kommt in der ganzen Anklageschrift nicht ein einziges Mal vor, das Wort "Russland" auch nicht. Für den Präsidenten ist es also einstweilen ein Leichtes, zu sagen, er habe sich doch schon 2016 von Manafort getrennt, als er von dessen Verbindungen in die Ukraine erfahren habe.

Unabhängig von der Anklage gegen Manafort ist die gegen George Papadopoulos, der eine Weile als außenpolitischer Berater für Trumps Wahlkampfteam gearbeitet hat, wenn auch allenfalls in der zweiten oder dritten Reihe. Er gestand, die Ermittler des FBI über seine Kontakte zu russischen Partnern belogen zu haben. Papadopoulos war bereits Ende Juli in aller Stille verhaftet worden und kooperiert seither mit den Ermittlern.

Beide Schritte des Sonderermittlers, die Anklage gegen Manafort und die Festnahme von Papadopoulos, könnten auf die Strategie hinweisen, Mitarbeiter der Trump-Kampagne derart unter Druck zu setzen, dass sie ihr Insiderwissen auspacken. Manafort war tatsächlich in turbulenten Tagen des ohnehin tumultuösen Wahlkampfs einer von Trumps engsten Mitarbeitern. Wenn es etwas zu enthüllen gäbe, dürfte er eine ergiebige Quelle sein. Sein Umfeld ließ allerdings bereits verbreiten, Manafort verfüge gar nicht über Informationen, die er dem Sonderermittler als Gegenleistung für einen Deal anbieten könnte. Und vielleicht stimmt das sogar – sosehr die Trump-Gegner auch auf das Gegenteil hoffen mögen.

Wie es in dieser Affäre weitergeht, ist derzeit schwer zu sagen. Durchaus möglich, dass es schon bald die nächsten Anklagen und Enthüllungen gibt. Wahrscheinlicher aber dürfte es sein, dass sich die Ermittlungen noch über Monate hinziehen werden, eher leise und hartnäckig, und dass sie die Amtszeit des Präsidenten begleiten werden wie ein Juckreiz, den man einfach nicht loswird.

Oder, dritte Möglichkeit: Trump verliert die Nerven und versucht, Robert S. Mueller als Sonderermittler zu entlassen. Die Befugnis dazu besitzt er. Nur hätten die Vereinigten Staaten dann sofort eine ausgewachsene Verfassungskrise.