Als auf der diesjährigen Buchmesse bekannt gegeben wurde, dass Deutschlandfunk Kultur, das ZDF und die ZEIT die Sachbuch-Bestenliste wiederaufleben lassen, hat das bei Verlagen wie bei der Leserschaft für viel Resonanz gesorgt: Bücher brauchen Öffentlichkeit, sie leben davon, dass sie im Gespräch sind, dass sie Anlass geben zu Zustimmung und Kontroverse. Pathetisch könnte man sagen: Bücher stiften Auseinandersetzungsgemeinschaften. Schon der Streit darüber, ob ein Buch die Auseinandersetzung lohnt, ist ein Lebenszeichen. In der Fülle der Neuerscheinungen segeln geschätzte 80 Prozent unterhalb dieses Radars hindurch. Das ist das Schlimmste, was Büchern passieren kann: dass sie laut- und spurlos im Orkus der Gleichgültigkeit verschwinden.

Die Sachbuch-Bestenliste versteht sich als Bühne für Bücher. Sie wählt aus, sie gewichtet, sie lädt zu Widerspruch ein, und sie konzentriert Aufmerksamkeit. 30 Juroren arbeiten mit, die zwei Eigenschaften verbindet: Neugier auf die Welt und die Überzeugung, dass Bücher uns einen Zugang zu den vielen Welten eröffnen, in die die Moderne zerfallen ist. Jeweils sechs Juroren stammen aus den Häusern der beteiligten Kooperationspartner, zwölf weitere von anderen Medien und Institutionen.

Zur Vorgeschichte: Bis Juni gab es eine Bestenliste für Sachbücher, die von Süddeutscher Zeitung und NDR getragen wurde. Sie wurde auf Eis gelegt, nachdem es das Buch Finis Germania des Historikers Rolf Peter Sieferle auf die Liste geschafft hatte. Das Buch gilt als rechtslastig. Der Eklat, der folgte, führte dazu, dass die alte Sachbuch-Bestenliste nicht mehr erschien.

Wir halten indes die Sachbuch-Bestenliste für zu wichtig, um sie vorschnell aufzugeben. Allerdings wollen wir auch nicht alte Fehler wiederholen. Das neue Punkte-Vergabesystem stellt sicher, dass immer mindestens zwei Juroren für einen Titel votieren müssen, damit er es auf die Liste schafft. Jeder Juror vergibt in der Rangfolge seiner Wertschätzung 15, 10, 6 und 3 Punkte. Diese Punkte können, anders als bei der Vorgänger-Liste, nicht gehäuft oder gar von einem Monat in den nächsten mitgenommen werden. Anstößige Bücher sind also auch weiterhin willkommen, sie brauchen aber (wie alles, was in die Öffentlichkeit hineinwirken soll) mehr als nur die Stimme und das Engagement eines einzelnen Jurors.

Dass Deutschlandfunk Kultur, ZDF und ZEIT die neue Sachbuch-Bestenliste aus der Taufe heben, hat die FAZ zu einem kopfschüttelnden Kommentar veranlasst: Eine solche Liste sei "Unfug", weil es bei Sachbüchern keine Qualitätsrangfolge gebe. Ob man sich lieber über den Dreißigjährigen Krieg informieren wolle oder über die Geschichte des Kommunismus, habe nur mit den persönlichen Interessen des jeweiligen Lesers zu tun, nichts mit den Büchern selbst. Das kann man so sehen. Wir sehen es anders. Wir sind überzeugt, dass ein scharf gedachtes und glänzend geschriebenes Sachbuch den Leser für Gegenstände begeistern kann, von denen dieser vorher gar nicht wusste, dass ihn das Thema interessieren könnte.  

Die Bestenliste erscheint (künftig am letzten Donnerstag des Vormonats) in der ZEIT, auf ZEIT ONLINE und auf den Internetseiten von ZDF und Deutschlandfunk Kultur.


© Suhrkamp

1 (-) Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten
Suhrkamp; 480 S., 28,– €. 

Der Soziologe Andreas Reckwitz hat eine originelle Generaltheorie unserer Epoche vorgelegt: Nach der industriellen Moderne herrsche im Westen ein Kulturkapitalismus, der wieder soziale Klassen kenne – die sich aber nach kultureller Dominanz sortieren. Reckwitz erzählt, wie der Drang zum Singulären den nach Gleichheit abgelöst hat – und dabei neue Eliten und Abgehängte, Spaltungen und Konflikte entstehen.


© Klett-Cotta

2 (-) Leo/Steinbeis/Zorn: Mit Rechten reden
Ein Leitfaden; Klett-Cotta; 183 S., 14,– €.

Seit die AfD in den Bundestag eingezogen ist, kommt niemand mehr um die Frage herum: Soll man die Rechten ausgrenzen, oder soll man die Diskussion suchen? Per Leo, Maximilian Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn haben sich für die Auseinandersetzung entschieden. Ihr Leitfaden zeigt, wie man aus der Sackgasse von rechten wie linken Diskursritualen herausfindet. Suche den Streit!


© Suhrkamp

3 (-) Philipp Ther: Die Außenseiter
Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa; Suhrkamp; 436 S., 26,– €.

Die Erfolge der AfD drohen zu schleifen, was vor wenigen Jahren schon fast als Konsens galt: Deutschland ist ein Einwanderungsland. Ther erinnert daran, dass die Geschichte Europas ohne Flüchtlinge nicht zu denken ist. Er analysiert Gründe für Flucht und Vertreibung, von den Hugenotten bis zu den Tataren, und legt dar, warum die Aufnahme von Flüchtlingen für Europa stets ein Segen war.


© Verlagsgruppe Random House

4 (-) Jürgen Neffe: Marx, der Unvollendete
C. Bertelsmann; 656 S., 28,– €. 

Er ist einer der bedeutendsten Denker der Philosophiegeschichte – und zugleich der politisch folgenreichste: Karl Marx bekommt vom Journalisten Jürgen Neffe eine umfassende Biografie. Seine Lebensstationen werden ebenso anschaulich erzählt wie seine intellektuelle Entwicklung gedeutet. Die verschiedenen Rollen von Marx werden sichtbar: Journalist, Revolutionär, Philosoph, Politiker und Privatmann.


© Campus Verlag

5 (-) Arlie Russell Hochschild: Fremd in ihrem Land
Eine Reise ins Herz der amerikanischen Rechten; a. d. Engl. v. Ulrike Bischoff; Campus; 429 S., 29,95 €.

2011 brach die Soziologin Hochschild auf zu einer Safari durch Louisiana: Im zweitärmsten Bundesstaat der USA traf sie Stahlarbeiter mit Hass auf Washington und Angst um die Zukunft, Südstaaten-Rassisten und verarmte Familien. Herausgekommen ist eine Reportage, die zeigt: Mit Trump-Wählern beim Hechte-Angeln zu diskutieren überwindet nicht die gesellschaftliche Spannung. Aber es hilft, sie zu verstehen.


© Rowohlt Berlin

6 (-) Jürgen Kaube: Die Anfänge von allem
Rowohlt; 400 S., 24,95 €.

Seit wann gibt es den aufrechten Gang und seit wann die Monogamie? Wie entstand die Sprache? Jürgen Kaube kehrt zu den Anfängen der Menschheitsgeschichte zurück, um zu erklären, wie das entstand, was heute unsere Gesellschaft und unser Menschsein ausmacht. Es hätte natürlich auch alles anders kommen können. Er beschreibt, wie Epen und die Geschichtsschreibung unser Verständnis der Welt bis heute prägen.


© Rowohlt Berlin

7 (-) Herfried Münkler: Der Dreißigjährige Krieg
Europäische Katastrophe, deutsches Trauma 1618–1648; Rowohlt; 976 S., 39,95 €.

Bis zum Zweiten Weltkrieg war es der Dreißigjährige Krieg, der als Referenzgröße wahren Schreckens und schlimmster Verwüstung galt. Herfried Münkler erzählt, wie dieser Krieg, der nicht nur ein Drittel der Bevölkerung das Leben kostete, sondern auch die europäische Staatenordnung zerstörte, der Anfang einer neuen Epoche wurde und eine entscheidende Friedensordnung zuwege brachte.


© C H Beck Verlag

 7 (-) Gerd Koenen: Die Farbe Rot
Ursprünge und Geschichte des Kommunismus; C. H. Beck; 1133 S., 38,– €.

Gerd Koenen erzählt auf mehr als tausend Seiten eine umfassende Geschichte des Kommunismus zwischen Revolution und Terror, Kunst und Propaganda, Utopie und Parteiapparat. Karl Marx spielt natürlich eine Schlüsselrolle. Aber auch die realpolitische Umsetzung der marxistischen Ideen in Russland und China werden als breites Schlachtenpanorama dargestellt.


© C H Beck Verlag

9 (-) Souad Mekhennet: Nur wenn du allein kommst
Eine Reporterin hinter den Fronten des Jihad; a. d. Engl. von Sky Nonhoff; C. H. Beck; 384 S., 24,95 €.

Die Journalistin Souad Mekhennet berichtet von ihren investigativen Recherchen hinter den Kulissen des islamistischen Terrors. Diese führten sie in den Irak, nach Pakistan, in den Libanon und in den Maghreb, wo sie den IS-Henker Mohammed Emwazi enttarnte, den Anführer von Al-Kaida interviewte und aufdeckte, dass der Deutschlibanese Khaled El-Masri von der CIA entführt und gefoltert wurde.


© Suhrkamp Verlag

10 (-) Emmanuelle Loyer: Lévi-Strauss
Eine Biografie; aus dem Frz. von Eva Moldenhauer; Suhrkamp; 1088 S., 58,– €.

Emmanuelle Loyer zeichnet das Leben und den intellektuellen Werdegang des weltberühmten Anthropologen Claude Lévi-Strauss nach. Sie beleuchtet seine persönliche Entwicklung, seine Expeditionen nach Brasilien und sein Leben im amerikanischen Exil. Lévi-Strauss schrieb Wissenschaftsgeschichte, indem er den ethnologischen Strukturalismus begründete. Sein Werk prägt unser Denken bis heute.