Im Winter 1996 tötete der 27-jährige Schäfer Ferdinand Gamper in meiner Südtiroler Heimatstadt Meran innerhalb von drei Wochen sechs Menschen. Die Ermordeten waren alle Italiener, mit Ausnahme eines Deutschen, den Gamper irrtümlich für einen italienischen Bürger gehalten hatte. Ein Opfer Gampers war der Landarbeiter Umberto Marchioro. Er tötete ihn auf einem Hof am Stadtrand von Meran. Der Hof hatte einmal Gampers Großeltern gehört – bis der faschistische italienische Staat Gampers Großeltern in den Dreißigern enteignete. Gamper war mit dieser Geschichte des erlittenen Unrechts aufgewachsen. Sie wurde am Familientisch immer und immer wieder erzählt. Gamper wollte den Hof zurück. Er wollte Wiedergutmachung. Doch der italienische Staat gab den Hof nicht mehr her. Mehr als sechzig Jahre nach der Enteignung griff Gamper zur Waffe und nahm grausame Rache.

Diese Geschichte zeigt, wie Unrecht über Generationen weiterwirkt – und wie tödlich es sein kann. Demütigung, Umerziehung, Verbot der Sprache, Verbannung, Gefängnis, Folter, Vertreibung: Gamper ist wie alle Südtiroler mit solchen Geschichten aufgewachsen. Viele nationale Minderheiten Europas können Ähnliches berichten. Unterdrückung ist in ihre DNA eingeschrieben. Das gilt auch für die Katalanen. Sie wissen, was es heißt, verfolgt und missachtet zu werden, weil sie anders sind. Während ich in den vergangenen Wochen aus Katalonien berichtete, erwähnte ich manchmal beiläufig, dass ich aus Südtirol stamme. Erleichterung war spürbar: "Dann können Sie uns ja verstehen. Sie wissen, worum es geht!"

Ja, das weiß ich. Es geht beim katalanischen Separatismus wie bei dem der Südtiroler um die Geschichte eines historischen Schmerzes – und die erhoffte Befreiung davon. Separatistische Bewegungen tragen messianische Züge.

Es ist nicht verwunderlich, dass die katalanischen Separatisten auf die Frage, was denn am Tag X nach der Unabhängigkeit geschehen solle, nicht viel zu sagen wissen. Sie ignorieren jede Warnung vor den Folgen einer Abspaltung. Da mag Brüssel noch so deutlich sagen, dass es ein unabhängiges Katalonien nicht akzeptieren werde. Da mag Umfrage über Umfrage zeigen, dass die Mehrheit der Katalanen nicht für eine Abspaltung ist. Da mögen inzwischen schon 1.700 Unternehmen aus Angst vor den Folgen ihren Sitz aus Katalonien hinaus verlegt haben. Die Separatisten lassen sich nicht beeindrucken. Ihre Imaginationskraft antizipiert das Paradies, in dem sie endlich befreit sein werden vom historischen Schmerz. Nicht Vernunft leitet sie, sondern Passion.

Die Vertreter der verfassten Ordnung wirken dagegen hilf- und sprachlos. Die Reaktion des spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy auf die katalanische Krise ist dafür exemplarisch. Am Abend des 1. Oktober, nachdem zwei Millionen Katalanen zur Wahlurne geschritten waren, um über die Unabhängigkeit abzustimmen, sagte Rajoy: "Es gab kein Referendum!" Juristisch betrachtet hatte er recht. Das Referendum stand nicht im Einklang mit der spanischen Verfassung. Für die Wähler aber war das Referendum ein geradezu ekstatisches Erlebnis. Wer dabei war, wird sich sein Leben lang daran erinnern, er wird es seinen Kindern und Kindeskindern erzählen. Der 1. Oktober 2017 wird im Gedächtnis der Separatisten als heroischer Tag verankert bleiben. Die dürren Worte Rajoys zerfielen, kaum dass er sie ausgesprochen hatte, zu Staub.

Auch die Europäische Union schlug sich nicht besser. Am Tag, als das katalanische Parlament für die Unabhängigkeit stimmte, sagte EU-Ratspräsident Donald Tusk: "Für die EU hat sich nichts geändert!" Wie zuvor Rajoy klang auch Tusk wie ein Apparatschik. Die Separatisten haben die Verhältnisse umgedreht. Sie, die im Namen der Vergangenheit argumentieren, wirkten plötzlich wie eine Kraft der Gegenwart. Die Amtsträger des Jetzt hingegen wirken wie steinerne Protagonisten nationalstaatlicher Ideologie. Und die EU wirkt wie ein Automat für die Verwaltung des Bestehenden.

Aus der Sicht eines etablierten Systems sind Minderheiten Störfaktoren. Sie sind lästig, unbequem und schwer zu verstehen. Sie stehen außerhalb der Erzählungen einer großen Nation. Ihre Erinnerungen sind nicht Teil der größeren Geschichte. In einer Diktatur sind Minderheiten zum Rückzug gezwungen, denn jede Zurschaustellung ethnischer Zugehörigkeit wird mit Sanktionen belegt. Das galt für die Südtiroler während der langen Herrschaft Mussolinis, und das galt für die Katalanen während der noch längeren Herrschaft Francos. In den eigenen vier Wänden erzählten sich Unterdrückte unaufhörlich ihre Leidensgeschichte. An den Abendbrottischen wird eine alternative historische Wahrheit weitergegeben, oft geprägt von Vereinfachung und Übertreibung. Hier das Opfer, dort der Täter. Hier Südtirol, dort Rom. Hier Katalonien, dort Madrid. Und das eigene Leid ist immer das größte. Propagandisten der Sezession wissen das zu nutzen. So kommt es, dass Millionen Katalanen noch heute tatsächlich glauben, sie würden unterdrückt, obwohl kein Nachweis dafür zu erbringen ist. Und selbst unter Südtirolern, der freiesten und wohlhabendsten ethnischen Minderheit Europas, gibt es Menschen, die so überzeugend von den vergangenen Schandtaten des italienischen Staates sprechen können, dass man den Eindruck gewinnt, Benito Mussolini regiere aus seinem Grab heraus das Land.

Das ist absurd, das ist kurios – und kann sehr gefährlich werden. Die im Privaten so intensiv gepflegte historische Erfahrung entfaltet revolutionäre Wucht, sobald sie die Bühne der großen Öffentlichkeit betritt. Dann wird das in der Wagenburg der Minderheit gewachsene Freund-Feind-Schema nach außen gewendet. Das freilich kann nur geschehen, wenn die Instanzen, die dem öffentlichen Raum Struktur und Ordnung geben, brüchig geworden sind. Wenn die Regierung des Zentralstaats Autorität verliert, wenn die Medien keine Glaubwürdigkeit mehr haben, wenn Gerichtsurteile folgenlos bleiben, wenn die Verfassung straflos gebrochen werden kann – dann brechen sich die Leidenschaften der Minderheit Bahn.

Spanien - Der Katalonienkonflikt im Überblick Der Autonomiekonflikt hat historische Wurzeln, aber auch aktuelle Gründe. Das Video zeichnet die Entwicklung nach. © Foto: Joesp Lago, AFP/Getty Images