DIE ZEIT: Ist das jetzt das Ende Ihrer politischen Karriere?

Sigmar Gabriel: Es ist schon ein tiefer Einschnitt, das kann man gar nicht verschweigen. Auf der anderen Seite bin ich direkt als Abgeordneter in den Bundestag gewählt worden. Mit knapp 43 Prozent haben in meinem Wahlkreis mehr als doppelt so viele Menschen SPD gewählt als im Bundesdurchschnitt. Das ist auch eine Verpflichtung.

ZEIT: Aber wie tief ist dieser Einschnitt?

Gabriel: Meine Frau lästert schon und fragt mich: "Na, hast du dich schon daran gewöhnt, nicht mehr Herr Wichtig zu sein?" Aber es ist nicht der Wegfall von Dienstwagen, rotem Teppich und all den anderen "Insignien der Macht". Was mir fehlen wird, ist die Aufgabe. Das direkte Gestalten von Politik. In der Opposition kommentiert man Politik nur. Ich war immer verliebt ins Machen. Jetzt merkt man: Du wirst nicht mehr gebraucht. Das ist der eigentliche Einschnitt.

ZEIT: Ist es einfach für Sie, einfacher Abgeordneter zu sein?

Gabriel: In der Demokratie ist der "einfache Abgeordnete" das höchste Amt. Die gewählten Abgeordneten sind die einzigen Repräsentanten des Staates, die eine direkte Legitimation der Bürgerinnen und Bürger haben. Einer meiner Vorgänger im SPD-Bezirk Braunschweig hat mal ein Buch geschrieben, Die Wasserträger. Er hat über die geschrieben, die nicht im Rampenlicht stehen und die trotzdem das Wasser auf das Rad der Sozialdemokratie tragen, damit das Rad sich dreht und Energie produziert. Ich finde, das ist ein schönes Bild, denn es ist keine Schande, Wasserträger zu sein. Ich will versuchen, mit Patenschaften neue SPD-Ortsvereine dort zu gründen, wo es die SPD gar nicht mehr gibt. In Ostdeutschland etwa.

ZEIT: Auch wenn man eben noch Außenminister war?

Gabriel: Das ist ganz bestimmt das interessanteste Amt, das ich in meiner politischen Laufbahn hatte. Vielleicht gerade darum habe ich auch schon länger an das denkbare Ende gedacht. Ich habe ja sozusagen einen Abschied auf Raten hinter mir. Der Rücktritt als SPD-Vorsitzender nach fast acht Jahren war ja in Wahrheit der Beginn. Denn wenn man merkt, dass die eigene Partei sich abwendet und man selbst offenbar nicht mehr ausreichend überzeugen kann, dann ist das der größere Einschnitt als der Verlust eines Staatsamtes. Jedenfalls war es bei mir so, denn Vorsitzender der SPD zu sein hat mir immer mehr bedeutet als alles andere. Deswegen geht es mir jetzt ganz gut mit dem Gedanken an die neue Freiheit.

ZEIT: Was macht einen Spitzenpolitiker aus? Eine ungeheure Verdichtung von Energie, Emotion und Information, ständig unterbrochen durch Entscheidungen?

Gabriel: Ja, das ist ganz gut beschrieben, und gleichzeitig erzeugt es eine Reduktion des Lebens auf der nicht beruflichen, der privaten Seite. Das verändert natürlich einen Menschen auch. Freude, Liebe, Privatheit, Geselligkeit, Trauer, Müdigkeit, Euphorie – all das gibt es nur in reduziertem Maß und oft begrenzt auf die berufliche Tätigkeit als Politiker. Das entfernt uns vielleicht am meisten vom Alltag all derjenigen, die uns gewählt haben.

ZEIT: Was ist der Unterschied zwischen Politik und allen anderen Berufen?

Gabriel: Es findet alles in totaler Öffentlichkeit statt, Sie sind, sobald Sie das Haus verlassen, im Rampenlicht, jedenfalls als Spitzenpolitiker. Nichts von dem, was Sie tun, sagen oder lassen, bleibt unbeachtet. Und nichts wird für das genommen, was es ist, sondern hinter allem verbirgt sich die Vermutung, dass es einem geheimen Plan folgt, einer Machtstrategie, wer gegen wen.

ZEIT: Ist es nicht auch so?

Gabriel: Ich kenne niemanden, der das aushält, zwölf, sechzehn Stunden am Tag zu arbeiten, manchmal nur zwei Wochen Urlaub im Jahr zu haben, ständig in irgendeinem Konflikt sich zu bewegen, wenn es nicht eine innere Leidenschaft für etwas gibt.