Wie studiert es sich, wenn es im Gastland kriselt? Drei deutsche Studenten über den Reiz, genau jetzt in Barcelona, Bogotá und Istanbul zu sein

"Ich genieße die revolutionäre Stimmung"

Spanien, Barcelona

"Als ich vor zwei Monaten mit dem Erasmus-Programm nach Barcelona kam, kannte ich mich mit der Unabhängigkeitsbewegung hier kaum aus. Ich wusste nicht, wie ernst es den Katalanen mit ihrer Unabhängigkeit wirklich war. Nach den Brexit-Debatten in Großbritannien fand ich ihre Forderung eher befremdlich. Als es mit den Demonstrationen losging, haben mich meine deutschen Freunde gefragt, ob ich ihnen erklären könne, was hier los sei. Ich konnte es nicht. Also sagte ich mir: Du musst dich informieren! Und zwar nicht allein über die Medien, die oft sehr einseitig berichteten. Auch nicht über meine Professoren, die sich mit politischen Äußerungen eher zurückhielten. Ich wollte es von den Menschen direkt wissen, die seit dem 13. September, dem Nationalfeiertag Kataloniens, stundenlang auf ihren Balkons standen und mit Holzlöffeln auf Töpfe einschlugen.

Den ersten überzeugten Katalanen fand ich ein Zimmer weiter: Der Freund meiner Mitbewohnerin erklärte mir beim gemeinsamen WG-Essen, warum er sich für die Unabhängigkeit einsetzte. Sehr laut und gestenreich erklärte er mir, dass Spanien Katalonien schon immer unterdrücken würde, dass es finanziell alleine klarkäme und dass die Menschen doch nur Demokratie wollten. Da habe ich begriffen, wie wichtig es war, mich mit Menschen zu unterhalten, die eigentlich anders denken als ich, und dabei meine eigene Einstellung zu hinterfragen. Ich sehe das Referendum immer noch kritisch, muss aber zugeben, dass ich die revolutionäre Stimmung in der Stadt und an der Uni sehr genieße. Vielleicht ist das auch so, weil sie mich ablenkt: Denn während die Studierenden im historischen Gebäude der Uni die Wände mit Pro-Demokratie Stickern, Anti-Trump-Plakaten und Regenbogenfahnen plakatierten, wurde in Deutschland die AfD zur drittstärksten Kraft gewählt. Ich würde mir wünschen, noch länger hier bleiben zu können."

Chantal Seta, 21, studiert in Deutschland im fünften Semester den B.A. Kultur- und Medienwissenschaften. Sie kam mit Erasmus nach Barcelona.

"Ich studiere hier in einer Blase"

Kolumbien, Bogotá

"Es ist ein historisches Zeitfenster, in dem ich hier in Kolumbien gerade studiere. Über 50 Jahre gab es einen tief greifenden Konflikt zwischen Streitkräften, rechten Paramilitärs und linken Guerillagruppen wie der Farc. Mehr als 22.000 Menschen wurden dabei getötet; die Auseinandersetzungen endeten erst vor einem Jahr, als die kolumbianische Regierung und die Farc einen Friedensvertrag unterschrieben haben. Als Studentin der Friedens- und Konfliktforschung interessiert mich diese Entwicklung sehr. Kolumbien war mein Erstwunsch, als ich mich um das Auslandssemester in Lateinamerika beworben habe. Meine Großeltern fanden das nicht so toll und meinten, dass es zu früh sei, um in diesem Land für eine Zeit zu leben. Ich finde den Zeitpunkt genau richtig. Bogotá ist zwar eine kleine Blase, trotzdem bekomme ich hier viel von der politischen Stimmung mit und erlebe, welche Probleme die Menschen noch immer mit dem Friedensprozess haben. Viele hier glauben nicht so recht daran, dass die Farc sich problemlos entwaffnen wird, und sind auch nicht unbedingt bereit, die Rebellen wieder in die Gesellschaft aufzunehmen.

An der Uni ist die aktuelle Lage oft Gesprächsthema. Klar liegt das auch daran, dass ich am politikwissenschaftlichen Institut einer sehr linken Universität studiere. Anders als ich es aus Deutschland kenne, sind die Dozenten und Professoren hier sehr politisch und versuchen die Studierenden von ihren europa-, kolonialismus- und kapitalismuskritischen Standpunkten zu überzeugen. Was mich überrascht hat: Wie viele meiner Dozenten und Professoren selbst in den Friedensprozess eingebunden sind, auf der lokalen Ebene, wenn es ganz konkret um die Versöhnungsarbeit zwischen Opfern und Tätern geht, aber auch national im Regierungsrat. Oft erzählen sie uns von ihrer Arbeit, raufen sich die Haare, weil zum Beispiel keine Gelder bereitgestellt werden, um alle Projekte, die im Friedensvertrag gefordert werden, auch umzusetzen. Was ich aus meinem Aufenthalt mitnehme? Dass Frieden schaffen anstrengend ist, einen oft zurückwirft, die Mühe aber immer wert ist."

Veronika Reuchlein, 25, studiert in Deutschland im dritten Semester M. A. Friedens- und Konfliktforschung und kam über das Austauschprogramm Promos nach Bogotá.

"Ganz Istanbul ist mein Hörsaal"

Türkei, Istanbul

"Ich studiere an einer türkischen Universität in Istanbul Türkische Geschichte. Wir beschäftigen uns hier allerdings eher mit dem Osmanischen Reich als mit den neuesten Handlungsschritten von Präsident Erdoğan. Politischer geht es am Soziologie-Institut zu, allein schon, weil dort in der herrschaftskritischen Tradition von Karl Marx und Max Weber geforscht wird. Die aktuellen Prozesse in der Türkei werden eher gesamtgesellschaftlich betrachtet. Dass es immer autoritärer zugeht, wird dem neoliberalen Wirtschaftssystem zugeschrieben. Dabei waren auch Dozenten von meiner Uni von den Festnahmen nach dem Militärputsch betroffen. Offen gesprochen wird darüber nicht. Einmal hat ein Dozent etwas Kritisches über die AKP gesagt und fügte sofort hinzu: "Das verlässt den Seminarraum jetzt besser nicht." Der Sarkasmus, mit dem hier oft über aktuelle Entwicklungen gesprochen wird, schnürt mir die Kehle zu. Zum Beispiel, wenn die Ehefrau eines Dozenten festgenommen wird und er dazu sagt: "Na ja, wir sind es ja gewohnt."

Ein paar meiner Kommilitonen haben mich auf eine Demo eingeladen. Da ich aber noch nicht so gut Türkisch spreche, um zu wissen, was dort skandiert wird, bin ich nicht hingegangen. Mit meiner eigenen Meinung möchte ich mich hier eher zurückhalten. Ich verstehe mich mehr als Beobachter und Lernender. Vieles, was ich hier sehe und erfahre, deckt sich mit den Theorien, die ich in meinem Studium gelernt habe. Aber es gibt noch etliches, was ich mir nicht so recht erklären kann. Wenn zum Beispiel die Studierenden ihren Alkohol trotz Verbot und Wachmännern auf den Campus schmuggeln und damit die autoritären Regeln des Staates aushebeln, die Wachleute aber alles schweigend hinnehmen und nichts dagegen unternehmen. Da gibt es noch viel zu erforschen. Ich hab das Gefühl, dass gewissermaßen ganz Istanbul zu meinem Hörsaal geworden ist."

Aus Angst um seine Familie bat der Protagonist um Anonymität. Bevor er zum Austausch in die Türkei ging, studierte er in Deutschland im fünften Semester Internationale Beziehungen.