Der Lastwagen aus Rumänien kam, als die Krise am tiefsten war. Gewebte Wollteppiche hatte er geladen, 150 Stück, und Walter Aigner lotste die Lieferung sicherheitshalber in eine seiner leer stehenden Fabrikhallen. Denn die Mitarbeiter, denen er noch nicht gekündigt hatte, waren ohnehin nervös. Alles hatte Aigner schon versucht, um seine Firma zu retten, aber was sollte er groß machen, da der Umsatz in kürzester Zeit eingebrochen, die Lohnkosten davongelaufen und die Kunden abgesprungen waren? Aigner schloss sich mit den Teppichen aus Rumänien ein und prüfte sie akribisch, das Webmuster, die Gleichmäßigkeit, die Sorgfalt, die aufgewendet worden war. Als er die Halle verließ, wusste er, seine nächste Etappe würde Rumänien sein: die letzte Hoffnung.

Seit diesem Moment sind 18 Jahre vergangen. In dieser Zeit erlebte Aigners Teppichfirma Tisca in der Vorarlberger Ortschaft Thüringen ein kleines Wirtschaftswunder. Aigner, heute Anfang 50, erfuhr in knapp zwei Jahrzehnten am eigenen Leibe, wie die Globalisierung funktioniert, mit all ihren Licht- und Schattenseiten.

Dumpfes Pochen dringt aus dem Gebäude, es stammt von den Webstühlen.

Jetzt sitzt Aigner im Geländewagen, an den Fenstern ziehen die Hügel von Siebenbürgen vorbei. "Schau, da vorn ist eine Schafherde", ruft er plötzlich, "das sind ja mindestens 1.000 Tiere!" Die Wolle ist sein Geschäft. In Cisnadie, eine halbe Stunde entfernt von Hermannstadt, hat Aigner sein Werk aufgebaut. Er parkt vor der Werkshalle und springt die Metalltreppe zum Eingang hoch. Aigner trägt Wanderschuhe und Fleeceweste, im Gespräch geht er schnell zum verbindlichen Du über – er komme vom Land, da sei das nun mal so. "Komm, das musst du sehen", sagt er und stürmt voran. Dumpfes Pochen dringt aus dem Gebäude, es stammt von den Webstühlen. Die ganze Werkhalle steht voll von ihnen, kleinere und größere, ältere und neuere, vor jedem sitzt eine Frau und arbeitet.

Walter Aigner leitet eine Firma, die anmutet wie ein Freilichtmuseum. Weberei, Spinnerei, Filzerei und Näherei verteilen sich in der riesigen Halle. Wenn es irgendwo in Europa einen alten Webstuhl zu kaufen gibt, holt er ihn nach Rumänien. Das ist keine Sparmaßnahme. "Schau dir mal die Strukturen an", sagt Aigner und zeigt auf einen Teppichstapel: Der eine Teppich ist aus dünnem Garn gewebt, der nächste aus dickem. Einer hat unregelmäßige Knubbel, der nächste einen schweren Flor, der nach oben steht wie dicke Grashalme. 26 verschiedene Strukturen sind im Angebot, dazu 98 Farben. Was solle man da mit vollautomatischen Maschinen? Zwischen 150 und 600 Euro pro Quadratmeter kosten die Teppiche von Tisca im Handel, die meisten verkauft Aigner in hochpreisigen Möbelhäusern überall in Europa und in Amerika. Die altmodische Handarbeit ist für die Kunden ein wichtiges Kaufargument: Sie bezahlen für die urtümliche Kulturtechnik, die ein Stück altes Siebenbürgen in ihre verglasten Lofts in den Metropolen bringt.

Walter Aigner ist irgendwo zwischen diesen beiden Welten zu Hause: Er hat Wirtschaft studiert und ist ein gewiefter Verhandler, der bei sämtlichen großen Interieur-Messen die Firma repräsentiert. Am liebsten aber hat er es, wenn er nach einem Arbeitstag in Rumänien noch schnell an den Fuß der Karparten fahren und rasch hochsteigen kann.

Etappe eins der Firma Tisca trug sich noch in Vorarlberg zu. Walter Aigner senior, der Vater des heutigen Chefs, gründete die Teppichfabrik zu Beginn der sechziger Jahre zusammen mit Schweizer Partnern, die heute noch am Unternehmen beteiligt sind. Es war eine dieser Wirtschaftswunder-Geschichten: Die einheimischen Arbeitskräfte waren günstig, die Firma wuchs und zog bald einen Liefervertrag von Ikea an Land. 1978 baute die Firma in der Schweiz ihre eigene Garnspinnerei auf. 1981 baute sie in Kärnten eine zweite Webfabrik, weil die Kapazitäten im Stammwerk nicht ausreichten.

In Etappe zwei warf die Globalisierung bereits ihre Schatten voraus: 1991 kaufte Aigner senior eine Weberei in Tunesien. Daheim reichten die Kapazitäten nicht mehr, die Preise begannen zu steigen, die günstige Produktion in der Ferne war verlockend.

Im Jahr 1995 stieg der Junior in die Firma ein, er hatte sein Wirtschaftsstudium in Wien abgeschlossen. Zugleich kamen die schlechten Zeiten: Ikea sprang ab, die Teppiche waren zu teuer geworden. Der Absatz stagnierte, die Lohnkosten in Österreich wuchsen unaufhaltsam. Als Tisca die Talsohle erreichte, war von einst zehn Millionen Euro Jahresumsatz nicht einmal mehr ein Drittel übrig.

Die Firma sollte zurück zu niedrigeren Umsätzen, beschloss Walter Aigner

Die Garnspinnerei in der Schweiz, die Außenstelle in Kärnten: längst zu teuer, geschlossen. Das Werk in Tunesien, diese erste Lockung der Globalisierung: eine Sackgasse. Die Lohnkosten waren zwar niedrig, aber die kulturellen Differenzen groß: "Da konnten wir nicht einmal einen Zwei-Schicht-Betrieb fahren, weil die Männer ihre Frauen abends nicht mehr rausgelassen haben, auch nicht zur Arbeit", erinnert sich Aigner. Die Schiffspassage für die Teppiche dauerte, die Zölle waren hoch, Aigner beendete das tunesische Abenteuer.

Globalisierung im Kleinformat

Etappe drei der Globalisierung begann auf dem Weg zu einer Messe. Die Domotex in Hannover gilt als Leitmesse der Branche, Vater und Sohn Aigner hatten auf der Fahrt in den Norden viele Stunden, um sich auszusprechen. Es war das Jahr 1998, viele Mitarbeiter aus dem Stammwerk in Österreich waren längst entlassen. "Hör mal", sagte der Juniorchef zu seinem Vater, "als du angefangen hast, wart ihr doch auch klein. Da habt ihr doch auch mit wenig Umsatz auskömmlich leben können." Sie sprachen von den alten Zeiten, und als sie in Hannover ankamen, stand für Walter Aigner junior fest: Die Firma muss wieder dahin zurück, wo sie herkam – niedrigere Umsätze als in den fetten Jahren, aber solide wirtschaftend.

"Hör mal, als du angefangen hast, wart ihr doch auch klein. Da habt ihr doch auch mit wenig Umsatz auskömmlich leben können."

Auf dieser Messe schwärmte ein Rumäne von der Textilbranche in seiner Heimat. Aigner hatte nichts zu verlieren: "Ich lieferte ihm eine Partie Garn, er sollte einfach mal ein paar Probestücke weben", erinnert er sich. Zurück kamen jene 150 Teppiche, die er daheim in Vorarlberg in eine der leer stehenden Werkshallen bringen ließ.

Dass der Juniorchef schon wieder ein neues Land ausprobieren wollte, verstanden nicht alle. "Eigentlich", sagt Aigner, "hat es außer mir niemand verstanden". Rund ein Jahrzehnt vor dem EU-Beitritt Rumäniens war eine Investition alles andere als eine sichere Wette, außer den Klischees von Korruption und Armut verband niemand etwas mit dem Land. Aber immerhin: Es gab nach dem Niedergang der rumänischen Textilindustrie qualifizierte Arbeiter im Überfluss.

Aigner baute seine erste Halle, das Geschäft lief wieder an. Nach der ersten Erweiterung holte er die Garnspinnerei nach Rumänien, er baute eine zweite Erweiterung, neue Kollektionen kamen dazu, immer mehr Händler wollten die Tisca-Teppiche vertreiben. Heute scheint es, als hätte das Unternehmen die Talsohle durchschritten: Die Firma hat ihren Umsatz seit dem Tiefstand schon wieder mehr als verdoppelt – auf sieben Millionen Euro. 150 Leute arbeiten im rumänischen Werk in Cisnadie, 20 in der österreichischen Zentrale.

Unterm Strich, so sieht es aus, gewinnen in dieser Geschichte alle. Selbst die österreichischen Mitarbeiter, die Aigner entlassen musste: Er wisse von keinem, erzählt er, der im boomenden Vorarlberg nicht wieder eine gute Arbeit gefunden habe. Und er selbst hat sich in Rumänien verliebt – in dieses siebenbürgische Idyll mit seinen melancholischen Dörfern, über denen der Duft nach verbrannter Kohle hängt. Einmal pro Monat ist er in Rumänien und fährt über die gewundenen Straßen durch die Landschaft. Dort, in den abgelegensten Dörfern, hat er inzwischen Außenstellen eröffnet. Roma-Frauen sitzen an den Webstühlen – Frauen, denen sonst auf dem Arbeitsmarkt niemand eine Chance gibt. Dass es in den Dörfern keinen Strom gibt, stört nicht, denn die alten Webstühle benötigen ohnehin nur die Kraft der Hände.

"Für mich ist klar: Ich bin gekommen, um zu bleiben."
Walter Aigner

"Ich hatte einfach das Bedürfnis, dort etwas zu tun, zu helfen", sagt Walter Aigner. Vermutlich kommen da Erfahrungen durch, die er als Kind bei den Pfadfindern gesammelt hat; das Naturverbundene einerseits, die Hilfsbereitschaft andererseits. Sein rumänischer Werksleiter verdreht öfter die Augen, wenn Aigner wieder eine Idee hat. Neulich zum Beispiel schlug er vor, der gealterten Prostituierten, die am Ortsausgang auf Kunden wartet, einen Job am Webstuhl anzubieten. Ausgeschlossen, rief sein Werksleiter: Da würden die anderen Frauen auf die Barrikaden gehen! Fürs Erste hat Aigner klein beigegeben, aber er schmunzelt beim Gedanken daran: Bei passender Gelegenheit wird er seine Idee wieder auspacken.

Wird es eine vierte Etappe geben bei dieser Globalisierung im Kleinformat? Auch in Rumänien steigen die Löhne, seit dem EU-Beitritt ist der Arbeitsmarkt so gut wie leer gefegt. "Für mich ist klar: Ich bin gekommen, um zu bleiben", sagt Aigner, abgenommen hat ihm das anfangs niemand. Vor ein paar Jahren entschied er sich, in Cisnadie ein Haus zu bauen. Es steht auf einem Hügel über dem Fabrikgelände, der Blick reicht vom Balkon aus über die Werkshallen hinweg bis zu den schneebedeckten Gipfeln der Karpaten. "Erst in dem Moment haben die Leute auch wirklich geglaubt: Jawohl, wir bleiben hier."

Die wilde Zeitraffer-Reise durch sämtliche Stufen der Globalisierung – für Walter Aigner ist sie hier in Rumänien an ihrem Ziel angelangt.