Womöglich hätte es nur eine Mail gebraucht, ein kurzes Gespräch und ein paar geänderte Worte in einem Dokument. Dann hätten die sechs Seiten Text, die die Uni Hamburg Mitte Oktober veröffentlichte, ihren Zweck erfüllt: zukünftige Konflikte lösen oder gar nicht erst entstehen lassen.

Stattdessen fühlen sich Studierende diskriminiert, die AfD ist besorgt, die Hochschulgemeinden sind sauer. Statt Konflikte zu lösen, hat Uni-Präsident Dieter Lenzen mit einer guten Idee neue erzeugt.

Die Uni Hamburg hat sich, nach eigenen Aussagen als erste Hochschule Deutschlands, einen "Verhaltenskodex zur Religionsausübung" gegeben. Zu einer der großen Fragen der Zeit: Wo endet die Religionsfreiheit des einen, wo beginnt der Schutz des anderen vor Belästigung und Diskriminierung? Zehn Theologen, Philosophen und Juristen haben an dem Kodex gearbeitet. Die Kernbotschaft lautet: Religionsfreiheit gilt an der Uni, sie endet aber, wo die Uni-Arbeit beeinträchtigt wird.

Das Ergebnis wirkt ausgewogen, der Asta und die drei Hochschulgemeinden sind damit zufrieden.

Das Problem: Neben dem vierseitigen Kodex hat die Uni auch eine zweiseitige "Ausführungsbestimmung" veröffentlicht. Sie greift tief in den Alltag religiöser Studierender ein – und das Präsidium hat sie erstellt, ohne mit ihnen zu sprechen.

"Vieles darin hat kaum Relevanz oder beruht auf Missverständnissen", sagt Bilal Gülbas, Vorsitzender der Islamischen Hochschulgemeinde. "Vieles wäre glücklicher formuliert worden, wären wir einbezogen worden", sagt Gisela Groß-Ikkache, Pastorin der Evangelischen Studierendengemeinde.

Noch dazu liest sich die Ausführungsbestimmung, "als müsse man uns unzivilisierte Muslime zurechtweisen". So formuliert es die Studentin Nada Knani, aber so liest nicht nur sie den Text. Das Papier zeige, "dass es in der Vergangenheit offenbar akute Probleme im universitären Alltag gegeben hat", schreibt die AfD in einer Anfrage an den Senat. Offenbar habe die Uni das Verhalten muslimischer Studenten einschränken müssen. Was denn da los sei, will die AfD wissen. Ja, was ist da los? Hat die Uni ein Islamproblem?

Besuch im Raum der Stille auf dem Campus, etwa sechs mal sechs Meter groß, blaugrauer Teppich, die Wände gelb und orange gestrichen, die untere Hälfte der Fenster mit roter Folie abgeklebt, damit man nicht hineinsehen kann. Seit 2009 können Studierende aller Religionen hier beten, meditieren oder auch einfach nur nachdenken. Das meiste, worüber nun gestritten wird, hat mit diesem Raum zu tun.

Nada Knani, 19 Jahre alt, Politikwissenschaftsstudentin, schlüpft aus ihren Stiefeletten, stellt sie in ein kleines Regal neben der Tür. Sie zeigt zur Decke, auf eine Reihe von Löchern. Dort war bis vor Kurzem eine Vorhangschiene montiert, an der ein schlichter weißer Ikea-Vorhang hing.

Eine "Diskriminierung des weiblichen oder männlichen Geschlechts durch eine geschlechtsspezifische Teilung des Raumes" werde im Raum der Stille nicht geduldet, lautet der erste Punkt der Ausführungsbestimmung. Das Präsidium fand, der Vorhang diskriminiere Nada Knani. Nada Knani findet das nicht. "Niemand hat je zu mir gesagt: Geh hinter den Vorhang", sagt sie. Muslimische Studentinnen hätten den Vorhang genutzt, um sich dahinter zum Gebet umzuziehen. Und Pastorin Groß-Ikkache erzählt von einer nicht muslimischen Studentin, die den Vorhang "klasse" gefunden habe, als zusätzlichen Rückzugsort. Wo lag also das Problem? "Diskriminierung ist keine Frage des Gefühls, sondern der Fakten", sagt Uni-Präsident Lenzen. "Manchmal ist den Diskriminierten eben nicht klar, dass sie diskriminiert werden."

Nada Knani geht, seit der Vorhang weg ist, zum Umziehen und Beten oft in den Keller.