Ohne Gewalt war die Kunst nicht zu haben. Ohne Krieg und die Unterwerfung fremder Völker wäre keines der schönen Weltmuseen je entstanden. Heute gelten sie als Orte der Toleranz und Aufklärung, doch ein Haus wie der Louvre stünde ziemlich nackt da, hätte Napoleon nicht in Ägypten die prächtigsten Beutestücke verschleppt und andere Schatzhäuser Europas nach Kräften geplündert. Überhaupt wäre das Pariser Museum ohne den entschiedenen Willen zum Blutzoll nie gegründet worden: Erst als der Adel weggeköpft, die alte Ordnung zertrümmert war, konnte das vormalige Schloss zum Kunstpalast aufsteigen. Was einst dem verhassten Regime gehörte, durfte nun als Fetisch bewundert werden: als Zeichen überwundener Herrschaft.

Jetzt allerdings ist die Monarchie zurück. Und vermutlich verspüren die Autokraten am Golf, die Scheichs aus Abu Dhabi, einen besonderen Kitzel, weil sie sich just mit dem Louvre verschworen haben, der ohne die blutige Niederstreckung ihres Standes, der Aristokratie, nicht existierte. Man kann es wohl als späte Rache verstehen, des Südens am Norden und ebenso der Aristokratie am Plebs, dass nun ausgerechnet im Wüstensand der Emirate ein neuer Louvre eröffnet wird. Eine Rache, die ohne Krieg und Gewalt auskommt. Heute ist die wichtigste Waffe ja Geld.

Für über eine Milliarde Euro hat sich der Louvre kaufen lassen, hat seinen Namen für 30 Jahre nach Abu Dhabi vergeben, dazu Aberhunderte Leihgaben aus 13 französischen Kulturhäusern und den guten Rat seiner Experten. Als einen Akt der Völkerfreundschaft wollen das nun alle verstanden sehen. Und am Wochenende, wenn Emmanuel Macron anreist, um das grandios funkelnde Museum zusammen mit den Scheichs einzuweihen, wird gewiss eine neue Epoche beschworen. Eine, in der dem Westen die Deutungshoheit abhandenkommt. Und die Geschichte der Kunst – und damit der Welt – umgeschrieben wird.

Wie sehr es in diesem Museum um Macht geht, um ökonomische und kulturelle Vorherrschaft, lässt sich von außen kaum erkennen, jedenfalls nicht auf den ersten, den bewundernden Blick. Ein Wunder ist es ja, was dort am Ufer aufblitzt, nur eben kein vordergründig triumphierendes.

Während der alte Louvre in Paris, der jährlich so viele Besucher hat wie Abu Dhabi Einwohner, mit seinen Barockfassaden erstaunlich konventionell wirkt, ja auf einschüchternde Weise umständlich, erscheint die Architektur des neuen Louvre so wunderbar gelöst und frei, als könnte es gar nicht anders sein. Es ist ein Museum im Dazwischenreich, entworfen von Jean Nouvel. Nicht an Land liegt es und nicht im Wasser, es erhebt sich auf einer kleinen künstlichen Insel, nur locker angedockt mit ein paar Brücken, so als wollte das Kunsthaus demnächst noch ganz andere Ufer für sich entdecken. Das offene Meer schwappt weit herein, grünlich glucksend und auch ein wenig bedrohlich, denkt man an Stürme, Riesenwellen, Klimawandel. Umso souveräner wirkt die Inszenierung: Dieser Louvre, das ist die Botschaft, trotzt allen Mächten, ozeanischen Fluten wie glühender Hitze. Als wäre es seine Bestimmung: unvergänglich zu sein.

Eine dröhnende Botschaft wäre das, würde sie nicht spielerisch und leicht in Szene gesetzt. Dieses Museum muss sich nicht walfischartig aufpumpen wie das Guggenheim in Bilbao. Es kleidet sich auch nicht in verschämte Alltäglichkeit wie der für Berlin geplante Neubau der Nationalgalerie. Der neue Louvre braucht noch nicht mal Fassaden, um seine Bedeutung zu demonstrieren. Es reicht ihm eine Kuppel, 180 Meter weit gespannt, verführerisch schimmernd im staubigen Wüstenlicht.

Wo die Kuppel aufsitzt, ob sie überhaupt getragen, irgendwie befestigt ist, lässt sich von außen nicht erkennen – und von innen noch weniger. Ein Geflecht aus Stahlstreifen spannt sich weit über die Köpfe der Besucher, wie ein zweiter Himmel, nur dass dieser, anders als der stechend blaue, barmherzig Schatten spendet. Erhebender kann Architektur kaum sein. Abwechslungsreicher auch nicht. Durch das Geflecht dringt die Sonne herein und überzieht das Innere mit Lichttupfen, immer wieder anders, je nach Tageszeit. Zudem reflektieren die Wasserbassins, die das Meer unters Dach holen, einzelne Strahlen. Ein impressionistisches Spiel, technisch perfekt, natürlich belebt.