Vor wenigen Wochen schrieb Airbus-Chef Tom Enders an seine Mitarbeiter: "Stellen Sie sich auf turbulente Zeiten ein." Er sollte recht behalten: Ein Korruptionsskandal erschüttert den Flugzeughersteller, es gibt interne Machtkämpfe, Produktionsprobleme, der Verkauf von Flugzeugen ist zurückgegangen. Und einen Konkurrenten hat Airbus im vergangenen Monat auch noch geschluckt.

Was heißt das für Hamburg? Etwa 16.000 Menschen beschäftigt Airbus in der Stadt, nach dem Hauptsitz in Toulouse ist Hamburg der zweitgrößte Standort. Mehr als 20 Flugzeuge pro Monat werden in Finkenwerder hergestellt, knapp jedes zweite Modell der A320-Familie wird hier zusammengebaut; das größte Passagierflugzeug der Welt, die A380, bekommt in Hamburg unter anderem seine Kabinenausstattung und wird hier lackiert. Außerdem produziert das Werk Rumpfteile für diverse Airbus-Flugzeugtypen. Davon leben auch zahlreiche Zulieferer: Etwa 40.000 Menschen sind in der Branche beschäftigt.

Was also bedeuten die Entwicklungen im Konzern für die Produktionen, die Angestellten, die Branche? Wir haben uns die Zahlen angeschaut und mit Airbus-Mitarbeitern, Luftfahrtexperten, Zulieferern und dem Unternehmen gesprochen.

1. Airbus hat ein Problem mit dubiosen Mittelsmännern

Der Fakt: In diversen Ländern wird wegen des Verdachts der Korruption gegen den Flugzeughersteller ermittelt. Im vergangenen Jahr hatte sich Airbus selbst angezeigt, weil dem Unternehmen Unregelmäßigkeiten bei Anträgen auf Exportgarantien aufgefallen waren. Die staatlichen Garantien helfen Fluglinien, Flugzeuge zu finanzieren. In den Anträgen soll Airbus Vermittler nicht korrekt genannt haben. Der Verdacht: Die verschleierten Mittelsmänner könnten Teil eines Korruptionssystems sein.

Was das für Airbus bedeutet: Airbus versucht die Behörden durch Transparenz zu besänftigen, interne Ermittler sollen weitere mögliche Verstöße gegen Gesetze finden. In der Airbus-Zentrale führt das zu Unruhe. Inzwischen berichten französische und deutsche Wirtschaftsmedien fast täglich über Machtkämpfe im Unternehmen. Wie stark mögliche Strafzahlungen oder gar Handelseinschränkungen den Konzern treffen könnten, ist bisher kaum vorherzusagen. Es dürfte um Milliarden gehen.

Was das für Hamburg bedeutet: Bei den Ermittlungen geht es, soweit bisher bekannt, vor allem um die Zentrale in Toulouse. Strafen würden aber auch den Standort Hamburg treffen.

2. Der Konzern verkauft weniger Flugzeuge

Der Fakt: Airbus hat Rekordjahre hinter sich. 2015 hat der Konzern mehr als 1.000 neue Flugzeuge verkauft, 815 davon wurden in den ersten neun Monaten bestellt. In diesem Jahr waren es im gleichen Zeitraum 270 Bestellungen. Erstmals seit Jahren wird Airbus 2017 weniger Flugzeuge verkaufen als herstellen.

Was das für Airbus bedeutet: In der Luftfahrtbranche gilt es als besorgniserregendes Indiz für eine unattraktive Produktpalette, wenn mehr Flugzeuge ausgeliefert als bestellt werden. Bei Airbus sind die Experten noch nicht besorgt. Der Grund: ein riesiger Auftragsbestand. Im Flugzeugbau vergehen oft Jahre zwischen Bestellung und Produktion eines Flugzeugs. Bei Airbus sind noch fast 6.700 Flugzeuge bestellt, das reicht, um die Produktion auf Jahre auszulasten. Und das, obwohl der Konzern die Produktion in den vergangenen Jahren massiv ausgeweitet hat. 2002 wurden 303 Flugzeuge gebaut, in diesem Jahr sollen es erstmals mehr als 700 werden.