Schon als ich morgens aus dem Fenster guckte, den Nachbarn aus dem zweiten Stock dabei beobachtete, wie er im Hof seinen Amazon-Pappmüll nicht zusammenfaltete, sondern kartonweise in den Container warf, und überlegte, warum ich noch immer kein Luftgewehr (so ein ganz klassisches Kipplaufluftgewehr) besaß, wusste ich, dass der Tag ein Hund werden würde. Für meinen Amazon-Pappmüll würde seinetwegen kein Platz mehr sein, ich würde mit den Kartons kämpfen müssen, während der Nachbar das leichtere Leben hatte.

Auf dem Weg zur Kita meines Kindes beschloss ich kurzerhand, meinen Pappmüll später, ebenfalls ohne ihn zusammenzufalten, in den Müll zu schmeißen. Insbesondere aber war ich fassungslos darüber, dass ich mich tatsächlich dafür interessierte, wie dieser Bastard von einem Nachbarn seinen Pappmüll entsorgte. Ich meine, das war doch meine Bankrotterklärung, game over, Feierabend. Und die Idee mit dem Luftgewehr war superundemokratisch von mir. Was war ich nur für ein Bürger?, fragte ich mich, wenngleich ich, je länger ich ging, immer mehr zu der Überzeugung gelangte, dass ich nicht die Einzige war, die ein Luftgewehr haben wollte.

Die enge Straße, in der sich die Kita befindet, war verstopft, denn in ihr gibt es etwa 26 Kitas und eine Schule, die alle zum gleichen Zeitpunkt mit Kindern beliefert werden. Die Kita meines Kindes ist eine öffentliche Kita, die übrigen Einrichtungen sind privat. Nach wenigen Schritten auf dem schmalen Bürgersteig wurde ich von einem Teutonia-Kinderwagen des Modells Elite gerammt, dessen Führer (Anzug, Aktentasche) sein Kind garantiert in eine der privaten Einrichtungen brachte, wie ich wütend dachte und dabei auf die Straße auswich. Der Teutonia-Führer und ich bellten uns gegenseitig eine Höflichkeit (Geht’s? – Ja, alles super) zu, obwohl wir uns lieber erschossen hätten. Aber dafür hatten wir einfach zu viele Bücher gelesen.

Mein Kind hatte sich inzwischen die Schuhe ausgezogen, die ich ihm, auf der Straße kniend, gegen seinen Willen überstülpte (Kindererziehung ist nicht demokratisch, sagt auch meine Therapeutin). Als ich dabei aufsah, erblickte ich eine silberglänzende Front, die an uns vorbeiglitt. Eine sichere Festung, eine Burg auf Rädern, die ihren Inhalt davor bewahrte, sich den Niederungen dieser gemeinen Straße auszusetzen. Durch die Scheiben sah ich ein Kind, daneben eine blonde Frisur, die mir zulächelte, wohl um mir freundlich zu bedeuten, dass sie uns, wenn wir uns nicht gleich von der Straße verpissten, umfahren würde. Denn diese SUV-Eltern stehen nicht nur in der Zeitung, es gibt sie wirklich. Und nicht nur sie, auch die dazugehörigen Reflexe gegenüber Menschen, die mehr haben als man selbst, existierten zu jenem Zeitpunkt absolut wirklich in meinem Kopf.

Ich habe kein Luftgewehr, ich darf keins haben, weil das überhaupt keinen liberalen Eindruck macht, dachte ich. Die SUV-Eltern dagegen haben SUVs, um die Wirklichkeit plattzumachen, sie nehmen sich Platz, mehr Platz als die anderen, sie fahren einfach über das Leben drüber mit ihren Trump-Autos, und dadurch wird es besser. Sie können ihre Kinder auf eine bessere Schule schicken als du, ihr Kind kann das Wettrennen viel leichter gewinnen als deins, dachte ich weiter und strich meinem Pupsi schuldbewusst über den Kopf. Wie der Hai, der ihr SUV war, lächelte ich zu der blonden Frisur hoch, die noch immer damit befasst war, ihr viel zu breites Auto durch die viel zu schmale Straße zu bugsieren, ohne Tote zu hinterlassen.

Die blonde Frisur, dachte ich, macht in ihrem Leben mit Sicherheit nicht viel mehr, als ihre Kinder in ihren geschmacklosen SUV ein- und auszuladen, und wahrscheinlich trägt die Schlampe Handtaschen von Michael Kors. Und das Scheidungsrecht ist eben auch nicht mehr das, was es mal war, munterte ich mich auf und dachte erleichtert daran, dass all meine liberalen Freunde der gleichen klassistischen, misogynen Meinung sein würden wie ich. Aber immerhin, dafür kann ich meine Hand ins Feuer legen, falten sie ihren Müll zusammen.