Wenn man angeben sollte, was den Kulturwissenschaftler Joseph Vogl umtreibt, dann ist es das Erstaunen über das, was wir die "moderne Gesellschaft" nennen. Vogl ist ihr streng beschreibender Beobachter; er hat über Orte der Gewalt in den Romanen Franz Kafkas gearbeitet und in seinem Buch Kalkül und Leidenschaft eindrucksvoll nachgezeichnet, wie die Schriftsteller des 18. Jahrhunderts auf den Siegeszug der Ökonomie reagierten. Vogls analytisches Besteck eignet sich auch glänzend zur Beschreibung außerliterarischer Phänomene. Sein Buch Das Gespenst des Kapitals wurde ein kulturwissenschaftlicher Bestseller; auch seine Studie Der Souveränitätseffekt fand breite Beachtung. Immer wieder hat sich Joseph Vogl mit Amokläufen beschäftigt (ZEIT Nr. 13/09) und betont, dass es keine monokausale Erklärung für einen Massenmord gibt. Viel aufschlussreicher sind für ihn die gesellschaftlichen Konstellationen, in denen diese Verbrechen stattfinden.

DIE ZEIT: Herr Vogl, die USA werden von einer Serie von Terroranschlägen heimgesucht. Am Sonntag tötete Devin Patrick Kelley, ein ehemaliger Soldat der U. S. Air Force, in Texas 26 Menschen in einer Kirche. Zuvor hatte in Manhattan der Terrorist Sayfullo Saipov mit einem Kleinlastwagen acht Menschen umgebracht. Und in Las Vegas erschoss Stephen Paddock am 1. Oktober 58 Festivalbesucher aus einem Hotelzimmer. Gibt es etwas, was diese Taten verbindet?

Joseph Vogl: Gemeinsam ist den Taten die überdeutliche Kenntlichkeit – das Muster, das einen Willen zur Nachahmungstat bekundet. Vor zwei Jahren erschoss der 21-jährige Dylann Roof in Charleston neun Afroamerikaner – ebenfalls in einer Kirche, wie Devin Patrick Kelley in Texas. Auch der Mordanschlag in New York und vorher die quasimilitärische Aktion in Las Vegas schreiben sich in Serien ein. Aber während Saipov redselig alles gesteht, was man hören möchte, war Paddock ein Ereignis, das noch drastischer als andere Amoktaten eine penetrante Motivlosigkeit ausstellt. Die einzige handschriftliche Hinterlassenschaft in seinem Hotelzimmer war eine Berechnung von Geschossbahnen.

ZEIT: Wenn schon das Motiv unklar bleibt: Bieten wenigstens die Umstände und Hintergründe der Tat eine hilfreiche Erklärung? Zum Beispiel bei Stephen Paddock, der das Blutbad in Las Vegas anrichtete?

Vogl: Auch da erhält man nur das Übliche, eine Mischung aus Bekanntem und einigen Sonderbarkeiten. Paddock war Waffensammler, kontaktscheu, galt als Durchschnittstyp und Kontrollfreak und wechselte häufig die Wohnung. In Las Vegas war einst sein Vater verhaftet worden – sofort wollte man da die Symbolik einer missratenen Kindheit entziffern. Zugleich erscheint Paddocks Tat wie eine Zusammenfassung einer ganzen Serie von Fällen dieser Art, angefangen von Charles Whitman ...

ZEIT: ... der 1966 auf dem Campus der Universität Austin in Texas von einem Turm herab 17 Menschen erschoss ...

Vogl: ... bis hin zu den Massakern an der Columbine High School oder an der Sandy Hook Elementary School in Newtown – Attacken, die in den USA mit einer gewissen Regelmäßigkeit passieren. Der Massenmord in Las Vegas rückt die verschiedensten Elemente in ein gemeinsames Passepartout: Die Täter sind meist männlich, häufig weiß, militärisch ausgerüstet, sie schießen auf beliebige Opfer, kommen aus Mittelstandsmilieus, aus Kleinstädten oder Suburbs. Keine Underdog-Geschichten. Auch Infrastrukturen gehören dazu, man darf ja nicht vergessen, dass jede Tat besondere Infrastrukturen benötigt, soziale, technische, ökonomische oder juridische. Dazu kann man Waffengesetze, Nachbarschaftsverhältnisse in den Vorstädten, zirkulierende Ressentiments, eine sensationslüsterne Öffentlichkeit oder überhaupt eine soziale Aufrüstung zählen. Dennoch stößt man vor allem auf Leerstellen, blinde Flecken oder Sackgassen. Der Sprung zum Massenmord bleibt ein Riss im Motivationsgefüge.

ZEIT: Dennoch gibt es Hinweise. Paddock hielt bewusst nach Festivals Ausschau, Devin Patrick Kelley suchte sich die Baptistenkirche von Sutherland Springs aus.

Vogl: Das ist ein wichtiger Punkt. Die Ortschaften, die sich solche Täter für ihre Attentate aussuchen, sind Supermärkte, Universitäten, Schulen, Kindergärten, Kirchen oder, wie in Las Vegas, Schauplätze ziviler Öffentlichkeit. Eines der Festivals, die Paddock auskundschaftete, hieß "A Beautiful Life". Er zielte offenbar auf Orte der Geselligkeit, des sozialen Lebens, die dann in eine Kriegslandschaft verwandelt werden sollten. Wie die Schüler von Columbine sondierte er Räume und Situationen, in denen sich die Zivilgesellschaft spiegelt oder inszeniert. Er hat wohl auch geplant, Treibstofftanks am Flughafen in die Luft zu sprengen. Ein apokalyptischer Reiter des Krieges. Darin kann man eine radikale, bösartige Form von Gesellschaftsfeindschaft erkennen. Paddock erklärte sich selbst zum Gesellschaftsfeind.

Joseph Vogl lehrt an der Humboldt-Universität Berlin. © Christian Thiel/imago

ZEIT: Handelt es sich um Racheakte?

Vogl: Schwer zu sagen. Rache ist eher konkret und persönlich, Paddocks Attacke ging aber gegen Unbeteiligte. Manchmal, wie in Littleton, mag man Spuren von Mobbing finden, aber die gibt es überall, und nicht jeder Gemobbte wird zum Attentäter. Die Erklärungsnot bleibt bestehen.

ZEIT: Wir wollen aber einen Grund finden. Wir brauchen eine erlösende Antwort.

Vogl: Deshalb wühlt man in Paddocks Leben herum, sucht nach der beruhigenden Wirkung eines zureichenden Grunds. Sei es ein krimineller Vater oder wenigstens ein krankes Hirn.

ZEIT: Paddocks Bruder sagt: Hoffentlich findet man ...

Vogl: ... einen Hirntumor! Das wäre eine Erlösung. Auch konspirative Deutungen gerieten in Umlauf. Der IS reklamiert die Tat sofort für sich, Rechtsradikale wittern eine linke Verschwörung, und die Katastrophe gerät zur Farce.

ZEIT: Das klingt jetzt so, als sage die Deutung solcher Taten mehr über die Gesellschaft als über die Tat selbst. Nicht wir interpretieren die Tat, sondern die Tat interpretiert uns.

Vogl: Jedenfalls setzen solche Taten Bildüberschüsse frei. Sie ziehen Erklärungsversuche, Fabeln, soziologische, pädagogische, psychiatrische Expertisen an, die alle um denselben Skandal kreisen: dass man es mit Normalitätsgefahren zu tun hat, mit Katastrophen, die nicht aus Dunkelzonen, sondern aus der Mitte der Gesellschaft hereinbrechen. Dann verkehrt sich die Deutungslogik: Es wird weniger ein Täter als eine Gegenwartslage interpretiert.

ZEIT: Und wie würden Sie diese Gegenwartslage beschreiben?

Vogl: Seit den 1960er Jahren möchte die Forschung an Schulen und Universitäten den Typ eines neuen globally hostile student identifizieren, also eines allgemein feindseligen Studenten. Zudem spürt man die Nähe von Kriegskonjunkturen, von Vietnam bis Irak. Und als besonderer Einschnitt werden auch die Reaganomics verzeichnet.