Man kann sich von dem Schwank, den die CSU in diesen Tagen aufführt, nicht ablenken lassen. Die Energien, die an der Partei reißen, sind größer als die Frage, wer der gewieftere Intrigant ist – Horst Seehofer, der Noch-Parteichef, oder sein Möchtegern-Nachfolger Markus Söder. In Bayern wird gerade im Kleinen darum gerungen, was die Politik im Großen bewegt: ob es noch möglich ist, die auseinanderstrebenden Kräfte der modernen, westlichen Gesellschaften politisch zu binden.

Die CSU ist eine der wenigen Parteien in Europa, die noch zu Recht den Anspruch erheben können, Volkspartei zu sein, wenn auch in regionalen Grenzen: breit aufgestellt, in allen Kommunen vertreten, erfolgreich in vielen Milieus. Kraftstrotzend und unerträglich selbstgewiss – so hatte man die CSU vor Augen. Zaghaft und verunsichert erscheint sie heute.

Diese Verunsicherung hat lange vor der gegenwärtigen Führungskrise begonnen. Das Hin und Her in der Flüchtlingsfrage; Seehofers Rückzieher vom bereits angekündigten Rückzug; das halbherzige Comeback Karl-Theodor zu Guttenbergs; die Besessenheit, mit der die Partei für ein marginales Anliegen wie die Pkw-Maut gekämpft hat – das alles sind Symptome einer tiefen Orientierungslosigkeit. Der Einbruch der CSU bei der Bundestagswahl war die Folge.

Die CSU hat sehr unterschiedlichen Wählern eine Heimat gegeben. Lange ist es her

Seither ist Horst Seehofer ein Parteichef mit Verfallsdatum, noch geduldet, solange in Berlin über Jamaika verhandelt wird. Nicht mehr erwünscht, wenn sich die CSU in München für die Landtagswahl im nächsten Jahr aufstellt. Seine Demontage schreitet vor aller Augen voran. Der Aufstand der Jungen Union gegen den eigenen Parteichef und die lauter werdenden Rufe nach einem Wechsel an der Spitze beschleunigen den absehbaren Sturz. Seehofer selbst wird wissen, dass seine Zeit vorbei ist; Machtmenschen spüren, wenn die Macht schwindet.

Aber die Hoffnung der Christsozialen, sie müssten nur das Pferd wechseln, um wieder vorwärtsstürmen zu können, ist eine Illusion.

Die CSU war nie einem besonderen Programm oder gar einer Ideologie verpflichtet, trotzdem war sie in ihren guten Zeiten mehr als nur eine Machtpartei. Sie hat ein politisches Gefühl verkörpert, eine Identität. Die CSU war bayerisch und konservativ, solange der Konservativismus die Zukunft nicht verstellt hat. Pragmatisch und gefühlig, arrogant und sentimental, fortschrittlich und bewahrend – sie hat Widersprüche zusammengebunden, Gegensätze ausgehalten und damit sehr unterschiedlichen Wählern eine politische Heimat gegeben. Lange ist es her.

Unter Seehofers Führung hat die CSU zwar noch einmal alte Stärke simulieren können. Aber auf die Frage, vor der alle (ehemaligen) Volksparteien stehen, wie man in einer Zeit wachsender Polarisierung und beschleunigter Modernisierung die politische Mitte neu bestimmen kann, hat sie keine Antwort. Schlimmer noch, sie hat nicht einmal mehr versucht, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Selten klang der Anspruch der CSU, bei der nächsten Wahl wieder die absolute Mehrheit holen zu wollen, daher so hohl wie heute. Die 50 Prozent plus X sind eine Zahl ohne Idee.

Keine Frage, Bayern ist noch immer ein gut verwaltetes, wirtschaftlich erfolgreiches Bundesland. Aber eine politische Kraft, die über Bayern hinauswirkt, ist die CSU schon lange nicht mehr. Pkw-Maut und Mütterrente sind alles, was von ihr im Bund übrig geblieben ist. Und eine Obergrenze, die es nicht gibt.

Statt sie neu auszurichten, hat Seehofer seine Partei in taktische Spielchen verstrickt. Zuletzt hat er fast alle seine Energie darauf verwandt, Markus Söder als Ministerpräsident zu verhindern. Heute stehen dessen Chancen, Seehofer nachzufolgen, besser denn je.

Von Söder ist nicht bekannt, dass er einen Ehrgeiz hätte, der über seine eigenen Ambitionen hinausgeht. Vielmehr lockt er seine Partei mit dem Versprechen, die CSU könnte demnächst wieder so wie früher auftreten: laut, kraftstrotzend, anmaßend. Aber das allein wird nicht reichen. Um ihren Anspruch als Volkspartei neu zu begründen, müsste die CSU einen modernen Konservativismus definieren. Einen Konservativismus, der ohne Ressentiment auskommt, der schon gar nicht ins Reaktionäre kippt wie die AfD, der sich aber auch nicht ins Folkloristische flüchtet.

Würde sie sich darum bemühen, könnte sie mehr gewinnen als nur die nächste Wahl.

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